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Die Wehenschreiberin: Hebammenkolumne 26. Dezember 2017

»Mein Mann besteht auf seinem Mittagsschlaf«

Von Maja Böhler  Illustration: Cynthia Kittler

Bei einem Wochenbett-Besuch trifft die Hebamme in dieser Woche auf eine übermüdete Mutter und einen ausgeschlafenen Vater. Genau hier beginnt das Problem.


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Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Hausbesuche liebe? Der Kontakt zu den jungen Eltern, die ich die erste Zeit mit Baby begleite, ist oft viel intensiver und vertrauter, als in der Klinik, wo die Schwangeren und die Schichten täglich wechseln.

Nebenbei bessere ich so mein Klinik-Gehalt ein wenig auf - und sehe die unterschiedlichsten Trends in Sachen Einrichtung. Die Wohnung der M's entsprach nicht ganz meinem Geschmack, eine Art bewohnbarer Applestore mit weißen Fronten und glänzenden Oberflächen. Mir war sofort ein wenig kalt und ich zögerte, meine Tasche abzulegen, denn hier lag nichts herum, kein Staubkorn, keine Windelpackung, kein Spucktuch. Nur Frau M. mit dem Baby auf der Couch. Sie sah abgekämpft aus. »Ich hab's noch nicht zum Duschen geschafft«, sagte sie entschuldigend.

Die Wochenbettbetreuung, so steht's im Lehrbuch, dient der Gesunderhaltung der Mutter und dem Gedeihen des Kindes. Lustig, oder? Die Hebammerei ist voll solcher altertümlicher Ausdrücke. Das kommt daher, weil Hebammen früher, anders als die Ärzte, keine lateinischen Fachbegriffe verwenden sollten: Sie galten als die Handwerker im Gegensatz zu den gelehrten Medizinern.

Jedenfalls liest sich mancher Ausbildungstext wie der hintere Teil eines katholischen Gebetsbuchs, da, wo die Marien-Lieder stehen. Es ist von »Fruchthöhlen« und der »Leibesfrucht« die Rede. Viele Wörter haben ihre eigene Poesie, andere wiederum klingen verrückt technisch, ich sag nur »Weichteilansatzrohr«.

Das Wochenbett heißt so, das muss ich wahrscheinlich nicht erklären, weil die Frauen in den ersten Wochen nach der Geburt wirklich Bettruhe gehalten haben. Selbst als die Krankenhaus-Geburtshilfe eingeführt wurde, blieben die Wöchnerinnen auch nach normalen Geburten oft zehn Tage im Krankenhaus. Das Kind wurde ihnen nur zu den geregelten Still-Zeiten gebracht, um alles andere kümmerten sich die Wochenbettpflegerinnen. Das wurde sehr streng so gehandhabt, und viele Frauen litten darunter, weil sie vom Kind getrennt waren.

Heute dürfen die Eltern viel früher nach Hause, meist nach zwei, drei Tagen. Dann sind sie auf sich alleine gestellt. Die einen fahren auf dem Heimweg noch schnell bei Ikea vorbei, die anderen beherbergen vier angereiste Großeltern. Anfangs sind sie überrascht, wie gut sie alles wuppen, nach der ersten Nacht denken viele auch noch: war doch easy, aber nach drei, vier Nächten kommt oft der Einbruch. Es ist der anstrengende Auftakt einer anstrengenden Zeit. Und auch die Väter merken spätestens dann, wie viel Macht dieses kleine Bündel, das nix kann außer quäken, darin hat, das eigene Leben durcheinander zu bringen.

Genau an diesem Punkt war Herr M., der es anders als seine Frau ins Bad geschafft zu haben schien. Jedenfalls trug er ein Hemd, Cordhose und eine zugeknöpfte Strickjacke, wie sie Politiker gerne anhaben, wenn sie sich mal leger geben wollen.

Während ich mit Frau M. auf dem Sofa über ihre Geburtsverletzung sprach, aß er nebenan zu Mittag. »Feste Mahlzeiten sind mir sehr wichtig,« sagte er kauend. Es war Punkt 13 Uhr. Auf der Anrichte stand noch das angefangene Müsli seiner Frau. »Wir gehen dann mal wickeln«, rief ich in seine Richtung. Normalerweise das Startsignal für »da will ich dabei sein und der Hebamme zeigen, wie toll ich das schon kann.«

Anders als beim Stillen können die Väter dabei ja wirklich performen. Und tatsächlich ist der Ausflug ins Wickel-Wonderland oft das Highlight meiner Hausbesuche, ein Schmuse-Spaß und Lächel-Marathon mit stolzen Müttern, stolzen Vätern und stolzen Babys. Bei den M's war alles ein bisschen anders. Als wir zurück ins Wohnzimmer kamen, fanden wir Herrn M. auf dem Sofa liegend vor. Er trug eine Schlafbrille und offensichtlich auch Oropax, denn er hörte uns nicht. Huch!

»Mein Mann besteht auf seinem Mittagsschlaf«, erklärte Frau M. flüsternd. »Er ist ein sehr… strukturierter Mensch.« Ich nickte bedröppelt. Der Rhythmus. Großes Thema. Wie schnell stellt man die eigenen Gewohnheiten auf die des Kindes um? Nicht nur im Tagesablauf, auch in der Beziehung müssen viele Aufgaben neu verteilt werden, und zwar ständig und auf Zuruf. Wer wickelt, wer schmeißt die Waschmaschine an, wer bereitet das Essen zu? Was aber, wenn der eigene Alltag mit Routinen gepflastert ist? Und was, wenn diese nicht mal Pärchen-, sondern Ego-Routinen sind? Ich war ratlos. Es ist nicht meine Aufgabe, Eltern zu Gleichberechtigung zu erziehen. Aber die »Gesunderhaltung der Mutter«..., ich sagte es bereits.

Wir schlichen also eine Weile lang herum, um den guten Mann nicht zu stören, und ich überlegte, wie ich mit Frau M. eine Strategie entwickeln konnte, um sie besser zu entlasten. Die Kleine war im Stubenwagen gerade eingeschlafen, als Herr M. sich reckte und streckte und schließlich aus seinem Dörnröschenschlaf erwachte. Als jemand, der dauermüde ist, bewundere ich Menschen, die sich so zielgerichtet ausruhen können.
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»Frau Böhler, ich habe eine Frage: Wie viel soll das Kind so am Tag schreien?«, sagte Herr M. nachdem er die Schlafmaske abgenommen, sich aufgesetzt und sein Gesicht in den Stubenwagen gesteckt hat. »Wie meinen Sie, soll schreien?«, fragte ich zurück. – »Na es heißt doch, schreien stärkt die Lungen.«

Jetzt war ich sicher: Herr M. war mit einer Zeitmaschine aus den Fünfzigern hier gelandet. Oder er war in Wahrheit achtzig und hatte sich nur gut gehalten. Ich konnte seine Frage nicht fassen und überlegte kurz, ob ich in meiner Antwort das Wort »Leibesfrucht« unterbringen sollte, schließlich entschied ich mich dann für böse Ironie: »Mindestens acht Stunden und wenn ihre Tochter nicht genug schreit, dann bitte kräftig hauen.« Herr M. schaute irritiert. Und dann lachte er – laut und herzlich. Nicht wegen meiner Antwort, sondern weil seine Tochter ihm mit ihrer Patschehand eine Ohrfeige verpasst hatte. Da war mir klar: Weder seine Frau oder ich würden sein Leben ändern. Sondern seine Tochter. Unmissverständlich und für immer.


Maja Böhler

könnte jetzt auch im Hosenanzug in einer Kanzlei sitzen – sie hat nämlich zunächst Jura studiert. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich aber, ihrem Herzen zu folgen und Hebamme zu werden. Sie heißt eigentlich anders und arbeitet in einem großen Krankenhaus in Süddeutschland. In den kommenden Wochen erzählt sie die schönsten, lustigsten und dramatischsten Geschichten aus dem Kreißsaal.

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