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Neue Fotografie 17. Januar 2018

»Übersteigertem Nationalismus bin ich immer wieder begegnet«

Interview: Jona Spreter  Fotos: Otto Snoek

Kein schöner Land: Der niederländische Fotograf Otto Snoek hat nationale Feiertage und Großereignisse in ganz Europa begleitet. Dabei hat er herausgefunden, wie schlecht es um den Kontinent wirklich steht.



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Name:
Otto Snoek
Geboren:
1966
Wohnort:
Rotterdam
Ausbildung:
Art Academy Breda, 1992
Webseite:
www.ottosnoek.com

SZ-Magazin: Für Ihr Fotoprojekt »Nation« haben Sie in ganz Europa Nationalfeiertage und nationale Großereignisse fotografiert. Was inspirierte Sie dazu?

Otto Snoek: Vor Beginn meines Projekts »Nation« erhielt ich einen neuen Reisepass. Darauf stand, in der obersten Zeile Citizen of the European Union, also »Bürger der Europäischen Union«, und erst in der Zeile darunter »Bürger der Niederlande«. Diese Hierarchie der Staatsbürgerschaften war für mich der Auslöser, dem europäischen Selbstverständnis und Nationalgefühl näher auf den Grund gehen zu wollen. Dabei habe ich mich bewusst nicht nur auf EU-Mitgliedsstaaten beschränkt.

Wie war Ihre Herangehensweise?

Mich interessierte, wann und wo Menschen zusammenkommen, um ein gemeinsames Interesse oder ein Gefühl zu artikulieren. Dabei war es mir wichtig, zwischen den Begriffen »Nation« und »Nationalstaat« zu differenzieren. Ich habe keine Länder porträtiert, sondern Menschen mit einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund, einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Geschichte.

Sie besuchten auch den Nationalfeiertag in Transnistrien, einer Republik, die von den Vereinten Nationen nicht anerkannt ist.
Die Reise nach Transnistrien war wirklich alles andere als einfach. Ein Visum für das Land kann man nur in Moldawien beantragen und es gilt auch ausschließlich für zehn Stunden. Da fühlt man sich wirklich an Sowjetzeiten zurückerinnert. Eingereist bin ich im Wagen von Bekannten, die in Transnistrien leben. Wegen des transnistrischen Kennzeichens wurden wir an der Grenze nicht kontrolliert und ich konnte meine Kameraausrüstung ungehindert einführen. Bei den Feierlichkeiten vor Ort gestaltete sich das Fotografieren dann allerdings überraschend  unproblematisch. Kein einziger Polizist sprach mich an. Wahrscheinlich hielt man mich für einen Fotografen der lokalen Presse.

All ihre Fotografien haben einen sehr entblößenden Charakter, sie wirken spontan und ungeschönt. Welche Absicht steckt dahinter?

Ich möchte mich den Menschen über ihre Augen und ihre Gesichtsausdrücke nähern. Mit meiner analogen Kamera, die ich immer frontal und mit Blitz auf eine Szene richte, versuche ich möglichst viele dieser Blicke und Gesichtsausdrücke einzufangen. So ergibt sich eine Art Puzzle, das tief blicken lässt: hinein in Identität, Gefühle und Wohlstand.

Da die von Ihnen fotografierten Veranstaltungen öffentliche Ereignisse sind, war es Ihnen erlaubt, dort Fotos zu machen – auch von wildfremden Menschen. Schlug Ihnen vor Ort trotzdem Ärger entgegen?

Seit über 20 Jahren bin ich als Straßenfotograf unterwegs und beobachte einen klaren Trend: die Menschen werden immer mediensensibler. Früher störten sich nur die wenigsten an meinen Aufnahmen. Mittlerweile erlebe ich häufig verbale, manchmal auch physische Aggression. Dennoch bin ich bisher immer glimpflich davon gekommen, was auch an meinem Auftreten vor Ort liegt: Ich bin ein großer Typ und meine Kamera ist ebenfalls groß und ausladend. Bei der Aufnahme meiner Fotos bin ich also sehr präsent und mich umgibt keine Aura der Heimlichkeit.

Für »Nation« fotografierten Sie von 2005 bis 2016. Haben Sie während all dieser Jahre eine Stimmungsänderung auf den Feierlichkeiten wahrgenommen?

Ich begann meine Arbeit in wirklich europafreundlichen Zeiten und beendete sie in einer Zeit, in der Europa-Zyniker die Oberhand in der öffentlichen Meinung hatten. Das macht mich traurig. Auch übersteigertem Nationalismus bin ich während meiner Reisen immer wieder begegnet. Besonders schlimm war es in Riga: dort wird auf Paraden öffentlich das Hakenkreuz zur Schau getragen. Auch antisemitischen Sprüchen und Bannern bin ich begegnet, in der Ukraine genauso wie in Portugal. Da läuft einem wirklich ein kaltes Schaudern über den Rücken.

Welche Erkenntnis stand am Ende Ihres Fotoprojekts?

Die Erkenntnis, dass es keine Alternative zur Europäischen Union als Garant für den Frieden auf unserem Kontinent gibt. Auch wenn ich für »Nation« ganz unterschiedliche Kritiken erhielt, sollte die Arbeit nie als Persiflage verstanden werden. Ich bin überzeugter Europäer. Diese Erkenntnis treibt mich auch in meinem aktuellen fotografischen Schaffen an. Derzeit überlege ich, wie sich Demokratie visualisieren ließe. Denn Demokratie ist zwar eine starke politische Begrifflichkeit, bleibt aber zumeist abstrakt und nicht greifbar. Dies möchte ich gerne ändern.

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