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Nackte Zahlen: Sexkolumne 14. Januar 2018

Ich Pizza, du Jane

Von Alena Schröder  Foto: Bodnarphoto/fotolia.de

Männer neigen dazu, vor Frauen doppelt zu viel zu essen wie sonst. Angeblich, um sie zu beeindrucken. Oder hat die Fresserei einen ganz anderen Grund?

Schau mal, schon mein zwölftes Stück. Gehen wir zu mir oder zu dir?
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Ach, Januar! Unsinnlichster aller Monate! Die freudlose Zeit nach den Wochen der Völlerei und des Suffs, in der Fitnessstudio-Mitgliedschaften geschlossen, Laufschuhe gekauft und magische Kohlsuppenrezepte gegoogelt werden. Insgesamt keine gute Zeit für Menschen, die gern essen. Und offenbar besonders für Männer, die das gern in Gesellschaft von Frauen tun: Wissenschaftler der amerikanischen Cornell University haben mittels einer spektakulären Feldstudie in einer Pizzeria herausgefunden, dass Männer in Gesellschaft von Frauen fast doppelt soviel essen wie in der Gesellschaft von Männern. Bleibt die Frage, woran das liegt und was Männer - möglicherweise unbewusst - damit bezwecken.

Die Evolutionspsychologen, die an dem Experiment beteiligt waren, vermuten, dass Männer auf diese Weise Frauen beeindrucken wollen. Mit besonders riskantem und selbstschädigendem Essverhalten soll potentiellen Partnerinnen suggeriert werden, dass der Mann kräftig und gesund genug ist, um es nicht nur unbeschadet mit diesem All-you-can-eat-Buffet oder dieser XXL-Salamipizza mit Käserand aufzunehmen, sondern dass er die Dame seines Herzens auch jederzeit vor einem Wolfsrudel beschützen, der nächsten Eiszeit trotzen und mit bloßer Hand einen Säbelzahntiger und/oder einen säumigen DHL-Boten bezwingen könnte. Aber kann das stimmen? Glauben Männer wirklich, Frauen sehnten sich nach einer Plauze zum Anlehnen? Kann im Jahr 2018 noch irgendein modriges Areal im männlichen Unterbewusstsein das Vertilgen besonders großer Kalorienmengen für ein Zeichen besonderer Virilität halten, etwas, womit man Frauen die Knie weich macht und sich zur Fortpflanzung empfiehlt?

Wir vom Nackte-Zahlen-Forschungsinstitut halten das für vollkommen abwegig und haben - um unsere Zweifel an den Schlussfolgerungen der amerikanischen Forscher zu begründen - eine kleine Gegenstudie durchgeführt. Sie zeigt, dass Männer, die im Beisein von Frauen zu viel essen, einfach eine Beschäftigung brauchen. Irgendetwas zum Festhalten, um die Gesprächsnervosität zu senken und den eigenen Gesprächsanteil möglichst gering zu halten. In einer zufällig ausgewählten Pizzeria einer zufällig ausgewählten deutschen Stadt haben wir mit modernsten Richtmikrofonen den inneren Monolog eines zufällig ausgewählten Probanden aufgezeichnet, der dort mit einer Frau zu Abend aß. Hier die für unsere Fragestellung wesentlichen Auszüge aus dem Gedankenstrom-Protokoll:

»....Ich weiß nicht, was ich sagen soll, hoffentlich kommt die Pizza gleich, mein Bier ist auch schon wieder alle, ich bestell noch eins. Was rede ich denn jetzt mit ihr? Was ich denke? Warum fragt sie mich das? Sie guckt so komisch. Ich habe Hunger. Wann kommt die Pizza? Soll ich sie jetzt auch fragen, was sie denkt? Lieber nicht. Hoffentlich kommt sie später mit zu mir. Mist, ich hab das Katzenklo nicht sauber gemacht. Vielleicht lieber zu ihr. Jetzt müsste ich was sagen, aber was? Sie guckt schon wieder so. Wann kommt die Pizza? Ah, da. Endlich. Erstmal essen. Ich sollte was Interessantes sagen, aber mir fällt nichts ein. Ich lass sie mal reden und nicke einfach. Durst. Mehr Bier. Wein wäre vielleicht besser gewesen, aber dann hätten ich so tun müssen, als hätte ich Ahnung von Wein, also lieber Bier. Und Pizza. Doppelt Käse. So gut! Wer isst, kann nicht reden. Ich nicke einfach freundlich und schaue interessiert. Ich probier mal ihre Pasta, einfach rein mit der Gabel, ich frag gar nicht erst, ich mach das einfach! Bisschen Nähe herstellen. Süß, wie perplex sie schaut. Da geht noch was. Hoffentlich bei ihr, dann kann ich hinterher einfach gehen und muss mich nicht noch unterhalten. Oh Gott, sie hat was gefragt, aber was? Nicht zugehört. Erstmal fragen, wie sie das sieht. Mehr Pizza. Jetzt schaut sie mich wieder so an, ich glaube, sie will, dass ich was sage. Aber was? Erstmal noch ein Stück von der Pizza abbeißen, kauen, wichtig und ernst gucken. Frauen mögen mysteriöse Schweiger. Okay, aber jetzt muss ich sie beeindrucken. Also, inhaltlich. Kauen, schlucken. Und jetzt beweisen, dass ich nicht nur ein freundlicher Zuhörer, sondern auch ein kerniger Macher bin. Erzähle ihr jetzt mal was von meinem erfolgreichen Arbeitstag und dem wirklich wichtigen Abschluss, den die Firma nur mir zu verdanken hat, und diesem wirklich sehr wichtigen Politiker, dem ich neulich auf Facebook mal erklärt habe, wo der Hase lang läuft und von dieser total unbekannten aber bahnbrechenden Band, die eigentlich nur ich und noch ein paar echte Bescheidwisser kennen. Bingo! Sie guckt schon ganz verknallt. Jetzt bloß keine Erektion kriegen. Genug gequatscht für heute. Noch ein Stück Pizza. Mist, das letzte. Mehr Bier. Sie isst immer noch an diesem winzigen Teller, meine Güte, wie lang dauert das noch? Ob ich noch mal eine Gabel bei ihr klaue...? Lieber nicht. Würde jetzt so gern eine Rauchen, aber ich kann sie hier ja nicht allein sitzen lassen. Dann halt noch mehr Pizza. Scheiß drauf, ich bestell noch eine. Calzone. Extra Käse...«

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Alena Schröder

ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie gelobt, keine »arm, aber sexy«-Kalauer in dieser Kolumne unterzubringen, die sie im Wechsel mit Till Raether schreibt.

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