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aus Heft 04/2018 Gesellschaft/Leben

Wer zuletzt qualmt, qualmt am besten

Von Frank Lorentz  Fotos: Theo Barth

Langsamrauchen, das klingt erstmal nicht nach spannendem Sport. Bei den Meisterschaften fieberte unser Autor jedoch unerwartet mit – bis schließlich das »große Sterben« begann.


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An einem Samstagnachmittag gegen Viertel vor drei greift Wolfgang Peltzer zum Mikro und sagt: »Fünf, vier, drei, zwei, eins – zünden!« Um ihn herum in der Gaststätte »Salmanushof« im Herzen von Würselen sitzen 62 Männer und Frauen an neun Tischen, die auf das Kommando hin ihre Pfeifen in Brand setzen. Im Nu ist die Luft in dem kleinen, gutbürgerlichen Lokal zum Zerschneiden dick. Fenster öffnen ist verboten – ein Luftzug könnte zur Folge haben, dass der Tabak schneller brennt. Er soll aber so langsam wie möglich brennen. Mit den Worten von Wolfgang Peltzer: »Möge der Langsamste gewinnen!«

Peltzer, 74 Jahre alt, ist der Vorsitzende im Würselener »Rauchclub Haal«, gegründet 1876 und nach eigener Angabe der älteste Rauchclub der Welt. Geraucht wird Pfeife, aber es geht um mehr als Rauch: um Titel, Meisterschaften, Pokale, Rekorde. Der Rauchclub Haal richtet an diesem Tag im Salmanushof die »38. Westdeutsche Meisterschaft im Pfeife-Langsamrauchen« aus. Gegen 25 Euro Startgebühr haben die 62 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Pfeife, drei Gramm Tabak, einen Holzstopfer und zwei Streichhölzer erhalten. Fünf Minuten Zeit zum Stopfen, eine zum Anzünden – danach läuft die Uhr. Wer es binnen einer Minute nicht geschafft hat, seine Pfeife anzuzünden, ist raus. Sobald die Pfeife dann irgendwann ausgeht, bleibt sie aus, ein zweites Anzünden gibt es nicht. Wer zuletzt raucht, raucht am besten – und gewinnt. Der Weltrekord liegt bei 3:33:06 Stunden, aufgestellt von Gianfranco Russcalla, einem Lehrer aus Turin, bei der Europameisterschaft 2008 in Würselen. Wolfgang Peltzer sagt: »Die Italiener rauchen in einer anderen Liga.«

Würselen nahe Aachen ist durch den SPD-Chef Martin Schulz bekannt geworden, der dort bis 1998 Bürgermeister war. Weniger bekannt ist, dass der Ort ein Zentrum des deutschen Rauchsports ist. Und dass es Rauchsport gibt. Dieser Rauchsport ist eine absurde Mischung: Eigentlich ist das gemütliche Pfeiferauchen ja etwas für den ruhigen Abend zu Hause – hier aber verbindet es sich mit dem sehr deutschen Hang zur Vereinsmeierei. Dazu kommt das Leistungsdenken – das Gegenteil von Gemütlichkeit und Feierabend. Und das alles in Zeiten, in denen Tabak und Rauch und Nikotin längst verpönt sind. Ein Umstand, der die Rauchsportler allerdings nicht im Gerings-ten beschäftigt. »Das ist ein toller Sport. Man braucht sich überhaupt nicht zu bewegen«, sagt Ute Driessen, 69, und lacht. Obwohl sie erst seit ein paar Minuten an ihrer Pfeife zieht, freut sie sich schon »auf die Zigarette danach«. Am Nachbartisch sitzt Uli Schäfer, der Titelverteidiger dieser Westdeutschen Meisterschaft. Sein Erfolgsrezept: »Unten locker stopfen, oben fester. Die Glut spiralförmig abbrennen lassen. Es darf nie die ganze Fläche brennen. Das ist eine Gratwanderung. Die Italiener machen das nur so. Die rauchen hopp oder topp.«

Neben ihm sitzt Wilfried Köhler, der amtierende Deutsche Meister. Die beiden Meisterraucher nebeneinander – ein echtes Kopf-an-Kopf-Rauchen. Schäfer, 57, wirkt tiefenentspannt und hat ein Bein übers andere geschlagen, während Köhler, 58, mit unter dem Stuhl verknoteten Beinen seine Pfeife zu hypnotisieren scheint. Einer der schönen Sprüche, die vom Pfeiferauchen handeln, geht so: Eine Zigarette schmeißt du weg, eine Pfeife ist ein Freund fürs Leben. Laut Kurt Eggemann gibt es in Deutschland 800 000 Pfeifenraucher und fünfzig Pfeifenraucher-Clubs. Eggemann, 66, ist Präsident des »1. Kölner Pfeifenclubs«, zudem Präsident des »Verbands Deutscher Pfeifenraucher« sowie Vizepräsident im Weltverband. Kurzum: Er ist Deutschlands oberster Rauchsportfunktionär. Es gibt vier regionale Meisterschaften in Deutschland plus eine gesamtdeutsche, außerdem Europa- und Weltmeisterschaften. Die nächste WM? Im kommenden Oktober in Tokio. »Da fahren wir hin«, sagt Eggemann. »Das ist ein Wanderzirkus, wie die Formel 1.«

Nach 45 Minuten beginnt im »Salmanushof« das große Sterben. So nennen sie das hier, wenn die Pfeifen eine nach der anderen ausgehen. Irmgard Tropartz, 78, Titelverteidigerin bei den Damen, hat nach 45:30 Minuten ausgeraucht. »Ich glaub, ich hab trotzdem gewonnen. Sind noch Frauen dabei? Nee.« Schäfer und Köhler haben ihre Stühle so gedreht, dass sie Rücken an Rücken qualmen. Schäfer unverändert entspannt, Köhler mit dem Hypnoseblick. Nach 1:28:30 Stunden ist für Köhler Schluss. Ein letztes Rauchzeichen, das war’s. Der Rauchsport ist auch eine Parabel aufs Leben: Alle, die sich im »Salmanushof« messen, versuchen rauszuholen, was geht, inbrünstig und hoffnungsvoll. Das Ende, wenn der letzte Krümel Glut zu Asche geworden ist, zögern sie so lange wie möglich hinaus. Uli Schäfer, der alte und neue Westdeutsche Meister, schaut nach 1:40:45 Stunden seine Pfeife prüfend an, dann legt er sie auf den Tisch. »War gut«, sagt er im Aufstehen. Von den Umstehenden beklatscht, marschiert er quer durch das unsagbar vollgequalmte Lokal nach draußen, frische Luft schnappen. Es ist ein strahlend sonniger Tag in Würselen.

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Frank Lorentz

hat jahrelang vergeblich versucht, sich das Rauchen anzugewöhnen. Alle Versuche sind bisher an seiner ostwestfälisch-protestantischen Erziehung gescheitert. Er gibt aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann ein passendes Laster zu finden.

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