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Die Wehenschreiberin: Hebammenkolumne 30. Januar 2018

Bitte hier entlang zur P.U.S.S.Y.

Von Maja Böhler  Illustration: Cynthia Kittler

In ihrem Job sieht unsere Kolumnistin die absurdesten Tattoos und neuesten Schamhaar-Trends. Dabei möchte sie den Schwangeren, die bis zuletzt fleißig rasieren, waxen und epilieren, gerne etwas Wichtiges sagen.

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Der Mann, der Frau W. begleitete, war auf eine fast schon klischeehafte Weise zwielichtig. Er hatte ein Boxergesicht, die Haare voller Gel, war ganz in Schwarz gekleidet und überzeugt breitbeinig. Als sich Frau W. für eine Untersuchung freimachte, dachte ich: Die beiden haben sich vielleicht einfach im Knast kennengelernt. Denn Frau W.s riesige Tattoos hatten verwackelte Außenlinien, waren teergrau und nicht gerade von einem Virtuosen seines Fachs gestochen: Auf ihrem Rücken prangte ein Rosen-Pistolen-Ensemble, auf der Vorderseite rechts und links vom Bauchnabel zwei Handschellen. Das Beste kam zum Vorschein, als Frau W. ihren Tanga auszog: Da stand in schöner Schreibschrift auf glatt rasierter Scham: P.U.S.S.Y. Ein Hinweis für alle Ortsunkundigen!

»Ich war extra noch mal beim Waxing, meine Schwester hat ein Studio«, sagte Frau W. und zwinkerte. »Rasieren müssen wir eigentlich nur beim Kaiserschnitt, aber so sind wir ja für alle Fälle gerüstet«, sagte ich. »Fälle mit ä, nicht e«, schob ich noch nach. Frau W. kicherte.

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber im Zweitberuf bin ich Schamhaar-Barbierin. Leider ist mein Equipment bescheiden, ich hab nur Einmal-Rasierer mit einfacher Klinge zur Verfügung und Rasierschaum gibt es auch keinen (hier bitte an das Geräusch von Eiskratzern auf zugefrorener Autoscheibe denken).

Dafür ist der Service steril, liebevoll und gratis – er steht vor jedem Kaiserschnitt an. Das Gute ist: Die Frauen sehen das Ergebnis nicht, ihr riesiger Bauch verdeckt meine Mäh-Arbeit in ihrem Vorgarten.

Egal ob Intimbereich oder jede andere Körperstelle, an der operiert wird: Es wird vorher rasiert, denn Haare kann man nicht gut desinfizieren und der OP-Bereich soll zudem übersichtlich und frei sein. Und spätestens, wenn die Frauen das Pflaster von der Kaiserschnitt-Narbe lösen, sind sie dankbar, dass nichts mehr darunter ist, was ziept.

Doch anders als bei OPs an den Armen oder am Kopf glauben viele, sichtbare Schamhaare seien heutzutage erklärungsbedürftig. Die Frauen entschuldigen sich regelrecht bei mir: »Ich habs leider nicht mehr geschafft, mich zu rasieren« – Ja, warum auch? Und vor allem: Wie? Da ist ein kleiner Baby-Planet auf deine Vorderseite gespannt! Neulich hatte ich eine Zwillingsmutter, die zeigen wollte, wie super vorbereitet sie ist, zwischen Bauchnabel und Venushügel war kein Härchen mehr zu sehen. »Wie haben Sie das denn mit dem Riesenbauch hingekriegt?«, fragte ich beeindruckt. Sie blickte verliebt ihren Partner an, er grinste stolz. Awww, Relationship Goal!

An Schamhaar-Frisuren sehen wir in der Klinik natürlich alles. Von full bush bis Intim-Glatze – alles dabei, wobei mein Eindruck ist, dass die ganz kahlen Zeiten vorüber sind. Auch die schablonenhaften »Landing Strips« und die super-akkuraten Dreiecke sieht man weniger. Den full bush, also die natürlichste Form, »trauen« sich aber auch nicht viele. Wahrscheinlich haben sie zu viele Höhö-Heckenschere-Witze gehört, und es hat einfach Spuren hinterlassen, dass es vor zwanzig Jahren ungefähr zwei Produkte zum Rasieren bzw. Haarentfernen gab und heute jede Frau im Drogeriemarkt von einem Viermeter-Regal angeschrien wird: Kümmere dich um deine Intimfrisur!
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Das hat dazu geführt, dass die Frauen sich heute regelrecht schuldig fühlen, überhaupt Schamhaare zu besitzen. Der Glatzenfraktion ist es besonders unangenehm, dass während der Schwangerschaft »da« jetzt wieder was sprießt. Viele haben seit Jahrzehnten kein Härchen mehr auf ihrer Vulva gesehen, und dann ein Wiedersehen mit der nervigen Verwandtschaft, die auch noch länger bleibt als gedacht: Oh mein Gott.

Wir unterbrechen kurz für eine medizinische Durchsage: Die Haare haben eine wichtige Funktion für den Körper. Sie schützen vor Reibung und vor Keimen. Der Eindruck mag sein, Schamhaare seien unhygienisch, durch sie »rieche« der Geschlechtsbereich mehr, aber das Gegenteil ist der Fall: Keime bleiben im Busch hängen, so gelangen sie nicht ins Innere des Körpers. Und das ist während der Schwangerschaft sowieso anfälliger für Infekte: Der PH-Wert der Scheidenflora ist durch die Hormonumstellung höher, die Muskulatur ist aufgelockert. Deswegen bekommen viele Frauen auch eher Harnwegsinfekte und Pilze. Im schlimmsten Fall können diese zu vorzeitigen Wehen führen und die Geburt in Gang setzen. Wenn man dieses Risiko lieber in Kauf nimmt, um dafür aber bis zum Schluss sex-frisiert zu sein, bitte. Andernfalls: Let it grow.

Frau W. bekam ihre kleine Tochter dann tatsächlich spontan, ich sehe mich noch halb unter ihr auf dem Rücken liegen, während sie auf der Bodenmatte hockte. Meine Finger in ihrer Vagina, um die Öffnung des Muttermunds zu ertasten, die Stimme des Boxerfreundes aus dem Off, der seine Freundin mit den Worten »Los, Schatzi, du schaffst das! Hau es raus!« zu Höchstleistungen trieb, der Schriftzug P.U.S.S.Y. seitenverkehrt über mir, und ich dachte mal wieder, was für einen unglaublichen Job ich doch habe.
Maja Böhler

könnte jetzt auch im Hosenanzug in einer Kanzlei sitzen – sie hat nämlich zunächst Jura studiert. Nach ihrem Abschluss entschied sie sich aber, ihrem Herzen zu folgen und Hebamme zu werden. Sie heißt eigentlich anders und arbeitet in einem großen Krankenhaus in Süddeutschland. In den kommenden Wochen erzählt sie die schönsten, lustigsten und dramatischsten Geschichten aus dem Kreißsaal.