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aus Heft 05/2018 Natur

Der Stammwähler

Von Gero Günther  Fotos: Peter Neusser

Der Holzkünstler Christoph Finkel arbeitet ausschließlich mit altem, knorrigen Bergholz. Das zu bergen ist oft ein riskantes Abenteuer.



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In den Allgäuer Hochtälern meint der Winter es ernst. Monatelang liegt der Schnee auf den Hängen, bis im Frühjahr alles schmilzt und zu Tal donnert. Dann, wenn die Hänge ins Rutschen geraten, ist die Zeit für Christoph Finkel gekommen. Knorriges Bergholz ist das Material, mit dem der Künstler aus Bad Hindelang fast ausschließlich arbeitet. Auf der Suche nach umgestürzten Bäumen steigt er durch das Gebirge.

So wie zuletzt im Mai 2017: Im entlegenen Bärgündele-Tal dauert der Winter diesmal besonders lang. Erst vor wenigen Tagen ist ein halber Meter Neuschnee gefallen, jetzt brennt die Sonne braune Flecken hinein, Murmeltiere pfeifen auf den Wiesen, Glockenblumen und Himmelschlüssel sprießen. Nur der Talschluss strahlt noch in makellosem Weiß. Die Zweige der Fichten sind an diesem Morgen überfroren. Lawinen haben gigantische Brautschleppen in die steilen Flanken gefräst.

Christoph Finkel, 46 Jahre alt, kauert im Schnee. Betastet die raue Borke eines gefallenen Bergahorns, der etwa 150 Meter über der Talsohle am Steilhang liegt. Streicht über Farne und Moose, die auf der Rinde wachsen. »Wie ein grünes Kleid«, sagt er und stellt seine Kettensäge neben sich in den Schnee. Unten im Tobel rauscht das Schmelzwasser, ein Kuckuck ruft und ruft.

Mit dem Meterstab und einem eisernen Zirkel misst der Künstler den Durchmesser des gefallenen Stamms. »Ein Meter dreißig an der Bruchstelle«, sagt Finkel. Ein »Riesenteil«, das da kopfüber am Hang liegt, an die zwanzig Meter lang. »Wahrscheinlich hat ihn der Druck einer Staublawine gefällt«, sagt Finkel. Wie eine Explosion müsse man sich so einen Abgang vorstellen, »eine gigantische Wolke«. Zwanzig Meter weiter oben ragt noch der zersplitterte Stumpf aus dem Schnee.

Mindestens 250, eher 300 Jahre alt dürfte laut Finkel der Bergahorn sein, der sich hier beim Abrutschen in einem anderen Stamm verkeilt hat. Die Jahresringe, sagt Finkel, seien bei diesen Bäumen so eng, dass man sie nur mit Mühe zählen könne. »So ein Fund ist Gold für mich.« Er bohrt die Finger in eine Öffnung im Holz.

Finkel braucht nicht viele Stämme. Aber alt müssen sie sein, gezeichnet vom harten Dasein in den Steillagen des Gebirges. Mit Standardholz kann Finkel nichts anfangen. »Viel zu langweilig.« Schließlich sind die Schalen, die er in seiner Werkstatt dreht, keine Gebrauchsgegenstände, sondern Kunstobjekte. Skulpturen, die dem Alter und der Beschaffenheit ihres Materials ein Denkmal setzen.

Manche seiner Gefäße sind so klein wie Milchflaschen, andere haben den Durchmesser eines Traktorreifens. Es gibt flache Schalen und bauchige, die fast wie hölzerne Bälle wirken. Einige sind von dünnen Lamellen umgeben, die Finkel aus dem Holz geschnitten hat, andere bestehen aus mehreren in sich beweglichen Hohlkörpern. Finkel arbeitet mit Rissen und Wunden, lässt Licht in seine Skulpturen fallen. Handwerklich bewegt er sich dabei an den Grenzen der Machbarkeit.

Die Schalen werden für Tausende Euro gehandelt und von Galerien in Stockholm, Basel, Los Angeles oder Seoul angeboten, einige stehen in Designmuseen. Ein paar seiner Werke hat er jüngst in der US-Einrichtungszeitschrift C-Home entdeckt, fotografiert in der Villa des Millionenerben Balthazar Getty. »Schon lustig, wo die Sachen so landen«, sagt Finkel mit seinem kehligen alemannischen Akzent.

Er ist ein bodenständiger, bescheidener Mann. Über seine Zeit als einer der besten Sportkletterer der Welt spricht er nur auf Nachfrage. Als Athlet und später Trainer der Nationalmannschaft war er in der ganzen Welt unterwegs. Mit seiner schwedischen Frau Angelica hat er vor der Heimkehr ins Allgäu mehrere Jahre am Genfer See gelebt. Die in Sri Lanka geborene Top-Kletterin hatte er beim World Cup in Chamonix kennengelernt. Die gemeinsame Tochter spricht Schwedisch, Deutsch und Allgäuerisch.

»So ein Baum wächst ganz anders hier oben auf 1600 Metern«, sagt Finkel nun und deutet auf die Geschwülste, die wie Hautfalten unter den Ästen sitzen. »Ein Bergahorn ist ständig in Bewegung, Schnee und Wind arbeiten an ihm.« Feine Riegel weist dieses Bergholz auf, sanfte Wellen, die sich durch die Fasern ziehen und die Maserung unverwechselbar machen. Und dann ist da noch das Geröll, das Narben in das Holz schlägt. Wenn Wasser in solche Wunden rinnt, entstehen tiefe Höhlen, die das Fortleben des Baums aber nicht verhindern. »In diesem Stamm haben vielleicht Füchse oder Adler gelebt«, meint Finkel.

Wenn er über Bäume spricht, spürt man seine Ehrfurcht: »Ich arbeite mit einem Material, das ganz viel Eigenleben und Charakter hat«, sagt er. »Da möchtest du nichts unüberlegt machen.« Niemals würde er einen solchen Stamm fällen. Selbst wenn er dürfte. Nein, Finkel nimmt sich ausschließlich, was Stürme und Lawinen zu Fall gebracht haben. Solches Holz kann er nach Absprache mit dem Alpmeister bergen.

Das Land, auf dem der Bergahorn liegt, gehört einer Gemeinschaft aus Almbauern. Christoph Finkel kennt jeden von ihnen, einst hat er als Hütebub hier oben gearbeitet. Drei Sommer, jeweils zwei Monate lang, im Alter von zwölf bis 14 Jahren. An das entbehrungsreiche Leben als Kleinhirt erinnert er sich gern. Gerade weil die Arbeit schwer war. Gerade weil er Hunger, Kälte und Angst erlebt hat. Zusammen mit zwei anderen Jungen habe er auf 280 Nutztiere aufpassen müssen, erzählt Finkel. Bis zu 1900 Meter hoch lagen die Weiden. Schwieriges, steiles Gelände, »man war der Natur völlig ausgesetzt.« Der Meisterhirt ließ die Jungen nicht ein, wenn sie untertags bei Hagel, Schnee oder Gewitter Schutz in der Hütte suchen wollten. Wochenlang lebte die kleine Gemeinschaft isoliert vom Rest der Welt. »Es war nicht so romantisch, wie sich das viele Städter vorstellen. Aber ich möchte diese Erfahrungen nicht missen«, sagt Finkel.

Die Erlebnisse im Bärgündele haben ihn geprägt. Den Respekt vor einer Natur, die auch Gewalt in sich birgt. Verklärung und Kitsch haben da keinen Platz, und sich technischen Hilfsmitteln aus Nostalgie zu verweigern, fände er unsinnig. »Man muss es schon auch nüchtern sehen«, sagt er und betankt seine Kettensäge. Wütendes Geheul zerreißt die Stille. Späne regnen durch die Luft. Es riecht nach Benzin und Harz.

Das Filetieren des Stammes ist eine riskante Aufgabe. Lange denkt Finkel darüber nach, wo er das Sägeblatt ansetzen soll. »Ich muss mich in das Holz hineinversetzen«, sagt er. Die enorme Spannung berücksichtigen, unter der dieser tonnenschwere Stamm steht. Strukturen erspüren. Den Fäulniszustand analysieren. Ahnen, wo Risse entstehen können. Und natürlich die eigene Sicherheit nicht vergessen: »Wenn du sägst, veränderst du komplett die Statik.« Eine falsche Bewegung, und er würde mit seiner Säge und dem Stamm ins Tal stürzen.

Vor jedem Schnitt wird gemessen, getastet und geschnuppert. Christoph Finkel liest in der Maserung des Holzes wie in einem Buch. Er kennt die vielen Faktoren, die den Wuchs beeinflussen. Wie nah ein Baum an einem Gewässer steht, wie steil und steinig die Böden sind, wo die Schneemassen auf den Stamm gewirkt haben. Finkel weiß, wie welches Holz trocknen wird und wie stark es sich dabei an welchen Stellen verziehen kann. Schon als Kind hat er das gelernt. »Mein Vater, Opa und Uropa waren Wagner und Schlittenbauer«, erzählt er. »Ich bin in einem 400 Jahre alten Haus aufgewachsen und war ganz oft in der Werkstatt beim Vater drunten. Da lernst du das Holz gut kennen.«

Von seinem Vater stammt auch der Hornschlitten, auf dem Finkel das Holz abtransportieren will. Vorher müssen die metergroßen Klötze ein Stück bergab »geschossen« werden, wie Holzfäller sagen. Um sie bewegen zu können, hat Finkel sein Sapie dabei, das Universalwerkzeug der Holzarbeiter. Mit diesem simplen Wendehaken werden die Brocken bewegt, bis sie mit Getöse die verschneite Flanke hinunterrollen.

Wenn das geschafft ist, kommt die größte Plackerei. Ein Dutzend massive Klötze hat Finkel aus dem Bergahorn gesägt, die nun im Umkreis von zehn Metern im Schnee liegen. Mit durchgestrecktem Rücken hievt Finkel einen Koloss von der Größe einer Waschmaschine auf den Schlitten. Wie man seine Körperkräfte ökonomisch einsetzt, hat er als Kletterer lange trainiert. In den Felsen rund um Bad Hindelang ist er schon als Kind gekraxelt. Sein heutiger Schwager nahm ihn damals auf Routen mit, deren Schwierigkeitsgrad dem Jungen lange nicht bewusst war. »Direkt da oben«, sagt er und deutet zum 2268 Meter hohen Gipfel des Schneck, »hat es angefangen.« Mit 14 hat er die Schneck-Ostwand zum ersten Mal durchstiegen. »Das war damals so mit das Schwerste, was man machen konnte.«

Bis zum Weltranglisten-Fünften hat es Finkel schließlich gebracht. Sieben Jahre lang war er als Kletterer aktiv, danach zehn Jahre als Trainer. Zudem begann er an der Nürnberger Kunstakademie Bildhauerei zu studieren. »Ich habe damals ein richtiges Doppelleben geführt.« Die Kletterer wussten nichts von seiner künstlerischen Ader, die Kommilitonen an der Akademie hatten keine Ahnung, dass er ein Weltklassesportler war. »Für mich gehört das eben alles zusammen.«

Mit Gurten zurrt er den Stamm am Schlitten fest. Kaum zu glauben, dass der Hornschlitten dieses Gewicht aushält. »Aber der Vater weiß eben, wie man Schlitten baut.« Elastisch muss er sein und aus dem richtigen Holz. Früher wurden auf solchen Schlitten zentnerschwere Milchkannen und ganze Kälber transportiert.

Nun packt Finkel das Gefährt bei den Hörnern. Eine gigantische Anstrengung, jetzt, wo der Schnee immer nasser wird. Bis zu den Knien versinkt er im Sulz. Die Kufen gleiten kaum, trotzdem geht es voran. Vorbei an Felsen und Nadelwäldchen. Mal abschüssig, dann wieder leicht bergauf. 300 Meter sind es bis zur Piste, an der Finkels Volvo parkt. Zweimal geht er den Weg, dann gibt er auf. Für heute ist der Schnee zu weich. Die beiden Klötze auf dem Anhänger sind ein Anfang.

»So zu arbeiten ist ein irrwitziger Aufwand«, sagt Finkel, als er seinen Wagen über die schmale Gebirgsstraße zurück nach Bad Hindelang lenkt. »Aber ich mag die japanische Haltung zu Zeit und Arbeit. Da ist das Messerschleifen kein notwendiges Übel, sondern ein Teil der Zeremonie.«

Vor zwei Jahren hat Finkel die ehemalige Dorfschule in Vorderhindelang gekauft. Seine Werkstatt liegt in jenem Klassenraum, wo er einst Lesen und Schreiben gelernt hat. Heute säumen Werkbänke die großen Fenster. Die ganze Werkstatt riecht nach Harzen und Ölen. Das geborgene Holz will er möglichst bald verarbeiten. Je mehr Feuchtigkeit es enthält, desto stärker ist der Effekt, den die Trocknung später auf das Werk hat. Das Material soll den Ausgang des Prozesses mit beeinflussen. Dass diese Methode ein hohes Risiko birgt, nimmt Finkel in Kauf. »Wenn es beim Trocknen reißt, habe ich umsonst gearbeitet.«

Minutenlang kniet Finkel vor dem Holzklotz, den er inzwischen auf einer Palette platziert hat. Grübelt. Misst. Fragt sich, wie er diesem Holz gerecht werden kann. Schließlich greift er zur Säge. Mithilfe einer Seilwinde und eines Krans spannt er den Klotz in die Spindel. Die Drehbank, mit der Finkel arbeitet, stammt aus dem Jahr 1905. »Eine richtige Dampflok«, sagt er. Zwei Tonnen wiegt die Maschine, die ursprünglich für große Metallteile gebaut wurde. Er hat sie für seine Zwecke umfunktioniert. »Auch meine Messer hat der Schmied extra für mich hergestellt. So was braucht sonst niemand.«

Dann steht Finkel in einem Gestöber aus Spänen und Staub. »Ich glaube, es wird etwas Bauchiges«, sagt er. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Schritt für Schritt will Finkel dem Charakter des Holzes weiter auf die Spur kommen. Sich seinen Narben und Verletzungen widmen. Und schließlich im richtigen Moment aufhören und dem Holz sein Geheimnis lassen.

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Gero Günther

mischt sich normalerweise nicht ins Geschehen ein, wenn er als Reporter unterwegs ist. Aber als der Hornschlitten mit dem Holzklotz im sulzigen Schnee immer wieder stecken blieb, packte er mit an. Finkel und er versanken bis zu den Oberschenkeln.

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