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aus Heft 06/2018 Liebe & Partnerschaft

Fass dir ein Herz

Illustrationen: JooHee Yoon

Nur Mut! Sie sind durch die Nacht gerast, auf Kirchtürme gestiegen, haben Strafen auf sich genommen: Unsere Autoren haben alle etwas für die Liebe  riskiert - nicht immer mit Erfolg.



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Ein Herz auf Papier

Mein Cousin Max war seit zehn Jahren Single, er ging auf die vierzig zu. Seine Freunde waren längst verheiratet, bekamen Kinder, zogen in Reihenhäuser. Max war übriggeblieben. Er haderte, hatte Phasen, da suchte er gar nicht mehr. Eines Tages aber erzählte mir Max von »dieser Frau«, die ihm schon lange gefiel, sie arbeitete auf demselben Firmengelände wie er. Groß und blond war sie, und es schien, als würde sie von innen heraus leuchten. Seit Jahren sah er sie auf dem Parkplatz oder auf dem Weg in die Mittagspause, man grüßte sich, und sein Herz schlug dabei immer so laut, als säße ein Heavy-Metal-Schlagzeuger darin. Er hatte wochenlang überlegt, wie er sie ansprechen könnte.

Steck ihr doch einen Zettel an die Scheibe, sagte er sich. Puh, echt? Wenn sich das rumspricht? Und wenn sie Nein sagt und sie sich danach immer wieder begegnen? Er zauderte und zögerte – und traute sich schließlich. Tüftelte stundenlang am Laptop an einer Formulierung rum. Den fertigen Text schrieb er dann von Hand: »Hey du, wir grüßen uns immer so nett. Ich würde mich freuen, wenn ich bei einem Kaffee, einem Spaziergang oder bei etwas anderem mal mehr zu dir sagen dürfte als Hallo.« Handy- und Autonummer dazu, am Freitagnachmittag unter den Scheibenwischer geklemmt, nichts wie weg. Das Wochenende ging vorbei, das Telefon schwieg. Als er am Montag aus der Arbeit kam, sah er von Weitem einen Zettel an seinem Auto. Es musste ihre Absage sein. Sonst hätte sie sich ja per Telefon gemeldet. Und ja: Charlotte, so hieß sie, schrieb, sie habe toll gefunden, dass er sich ein Herz gefasst habe, aber sie sei in einer langjährigen Beziehung.

»Wenigstens hat sie geantwortet, und wenigstens weiß ich jetzt ihren Namen«, sagte Max. Er war enttäuscht, versuchte aber, das Gute in der Geschichte zu sehen. Ich war stolz auf ihn. »Wenn der, auf den du wartest, dich sitzen lässt / Halt dich an deiner Liebe fest«, hat Rio Reiser gesungen.

Dann aber, auf der nächsten Familienfeier, erschien Max in Begleitung einer bildschönen Frau. Ein triumphaler Einzug nach so vielen Jahren des Single-Seins. Es war Charlotte. Er hatte recht, sie strahlte wirklich, ein irre sympathischer Mensch. Ich war sofort co-verliebt. Hatte das mit dem Zettel doch noch funktioniert?

Nicht ganz. Ein paar Tage nach der Zettel-Aktion begegneten sich die beiden zufällig bei einem Bäcker in der Stadt. Alles in Max schrie: Wie peinlich, bloß weg! Aber seine Füße bewegten sich in Richtung Theke, und er hörte sich mit klopfendem Herzen sagen: »Danke, dass du zurückgeschrieben hast, Charlotte. Ich finde deine Antwort zwar doof, aber da kannst du ja nichts dafür.« Dann lachte er.

»Das war der Moment, der etwas in mir bewegt hat«, sagte Charlotte und sah meinen Cousin verliebt an. »Welcher Mann, dem eine Abfuhr erteilt wurde, geht so auf einen zu?« Im Juli, drei Monate nach Max’ Nachricht, trennte sie sich von ihrem Freund, nach sieben Jahren Beziehung. Auf der Feier sagte sie, dass sie sich schon lange einsam gefühlt habe. Dann habe sie schließlich Max’ Zettel hervorgeholt, seine Nummer in ihr Handy getippt und ihn gefragt, ob er sie immer noch treffen wolle. Ihr erstes Date: eine Wanderung in der Fränkischen Schweiz. Max hatte das Paradiestal vorgeschlagen. Annabel Dillig


Höchste Zeit

Auf unserer Hochzeit habe ich meine Eltern blamiert. Sie hielten eine Rede, wegen der ich fast weinen musste, und gegen Ende erwähnten sie, dass sie selbst nie geheiratet haben. Weil ich voller Liebe und Champagner war, rief ich durch den Raum, dass jetzt doch ein guter Moment für einen Antrag sei, und da begannen die Hochzeitsgäste, auffordernd zu klatschen. Meine Eltern wurden sehr rot und setzten sich schnell.

Es tat mir gleich leid. Meine Eltern stehen nicht gern im Mittelpunkt. Und mein Zwischenruf war nicht ernst gemeint. Ich hätte es für realistischer gehalten, dass meine Eltern, bereits Oma und Opa, ein zweites Kind bekommen, als dass sie noch heiraten würden. Aber ein Jahr nach meiner Hochzeit und 31 Jahre nach meiner Geburt passierte genau das: Meine Eltern ließen sich von einem Standesbeamten zu Mann und Frau erklären.

»Was sind deine Mama und dein Papa, wenn sie kein Ehepaar sind?«, hatte meine Kindergartenfreundin mich mal gefragt, und ich verstand nicht, was sie meinte. Sie waren meine Eltern und sie liebten einander.

Als ich zur Welt kam, waren sie 21 beziehungsweise 23 Jahre alt. Sie jobbten. Überlegten, was sie studieren könnten. Meine Freunde fuhren in den Ferien nach Dänemark und wohnten in Ferienbungalows. Wir fuhren mit dem R4 nach Portugal und schliefen im Auto.

»Man muss nicht heiraten!«, hatte ich meine Kindergartenfreundin angebrüllt. Und mit den Jahren erschien mir der ungeplante Weg meiner Eltern immer vorbildlicher. Sie hatten ihre Liebe nicht mit großen Versprechen begonnen. Mit keinem Ja. Sondern mit großen Widersprüchen, mit vielen Neins. Es gab keine Sicherheit. Aber auch keine Zwangsläufigkeit. Und so folgten keine Enttäuschungen, sondern Überraschungen. Als Jugendlicher war ich umgeben von Scheidungskindern (darunter die Kindergartenfreundin), und meine Eltern kamen sich immer näher, kamen gemeinsam weiter.

Mein Leben verläuft geordneter. Und doch, glaube ich, habe ich von meinen Eltern eine gewisse Sorglosigkeit mitbekommen, auch in der Liebe. Ein Urvertrauen, dass es gut wird, wenn es sich richtig anfühlt. Sofort zusammenziehen? Warum nicht. Frühes Kind? Klar. Vielleicht habe ich auch deshalb geheiratet (in meiner großen Familie mütterlicherseits als Erster seit den Großeltern), weil meine Eltern das nie getan hatten. Von ihnen hatte ich schließlich gelernt: Mach nicht, was alle um dich herum machen. Mach, was dich und euch froh macht.

Mein ganzes Leben lang war ich stolz gewesen auf meine unverheirateten Eltern. Als sie mir verdruckst gestanden, nun aus reiner Lust und Liebe heiraten zu wollen, war ich noch stolzer. Nicht nur weil ich hoffte, dass sie bei uns erlebt haben, wie besonders solch ein Tag ist. Sondern weil sie es wieder so machten, wie es nur ihnen passte. Jetzt auf einmal? Unerhört!

Normalerweise feiert man ein Brautpaar in der Hoffnung, dass es glücklich wird. Wir feierten meine Eltern dafür, dass sie das schon geschafft hatten. Auf den Bildern, die an die Wand des Festsaals projiziert wurden, hatten sie mich im Arm. Am Tisch saß ihr Enkelkind. Da war so viel Vergangenheit und so viel Zukunft. Und Champagner. Zu später Stunde hielt ich eine angemessen peinliche Rede. Patrick Bauer


Der lange Weg zum ersten Kuss

Wir waren neun Jahre alt, als wir beschlossen, dass es für immer ist. Es hatte mit einem Brief begonnen. Ich fand ihn in meinem Schulranzen zwischen Collegeblock und Mäppchen. Im Schulbus riss ich den Umschlag auf und las. Mir wurde warm und kalt. Ich strahlte und erzählte niemandem, warum.

M. war neu in unserer Klasse. Anfang der Dritten saß sie plötzlich da, zwei Plätze links von mir. Lange braune Haare, oft ein Lachen im Gesicht. Ich war sofort verknallt. Auf der Busfahrt zum Sea Life ärgerten wir uns fröhlich. Du sitzt auf meinem Platz! Ich zieh dich gleich an den Haaren!

Dann der Brief. »Lieber Marius, ich wollte es dir schon immer sagen: Ich liebe dich! Sag es bitte niemand dass ich dir einen Brief geschrieben habe. Ich würde mich freuen, wenn du mir zurück schreibst. PS: Der Brief ist ernst!«

Am Nachmittag schrieb ich. Zerknüllte Papier. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Schrieb, dass ich auch sie liebe. Fragte, ob wir uns weiter Briefe schreiben wollen. Sie wollte.

Vom ersten bis zum letzten Brief vergingen eineinhalb Jahre. M. schickte 51 Briefe. Wir tauschten Armbänder aus, steckten uns Fotos zu. Nach Brief 34 wurde es richtig spannend.

Brief 4: »Lieber Marius, ich wollte dich fragen: 1.) Wie findest du Kamele? (Meine Lieblingstiere). 2.) Warum liebst du mich? 3.) Hast du ein großes Zimmer? 4.) Darfst du mich eigentlich zu deinem Geburtstag einladen? (Ich darf dich)«.

Brief 7: »Entschuldigung, dass ich dein Armband nicht anhabe. Aber der Gummi reißt und dann hab ich gedacht, dass ich es lieber nicht anziehe bevor es reißt.«

Brief 14: »Wie findest du eigentlich unseren Tanz zu Shakira? Du hast doch auch gekuckt, oder?«

Brief 17: »Du spielst den Zauberer aus Der Zauberlehrling gut! Gruß und Kuss.«

Brief 21: »Wer hat eigentlich meinen Schulranzen durchwühlt?«

Brief 25: »Wie findest du eigentlich Pferde? Ich finde sie gut. Ich hab ein Pflegepferd. Das heißt Paskal. Der ist auf dem einen Bild wo ich immer im Mäpchen hatte.«

Brief 31: »Schreiben wir uns auch noch, wenn wir bald auf andere Schulen gehen?«

Brief 34: »Darf ich dir in der großen Pause einen Kuss geben? (gar niemand zeigen)«

Küssen? Ich hatte tausend Fragen. Wusste trotzdem nicht, was ich antworten sollte. Wo? Wie? Wir versuchten es. Einmal schlossen wir uns in der Pause im Klo ein, aber ein Mitschüler merkte was. Er wartete vor der Klotür. Rüttelte daran. Ich hielt die Tür zu, sie weinte. Kein Kuss. Am nächsten Tag ein Brief: »Du hast mir so leid getan gestern.«

Ich hatte Angst vor diesem Kuss. Wich aus, wenn sie davon schrieb. Sie dachte, ich will vielleicht nicht. Aber wie ich wollte!

Dann die Abschlussfeier der vierten Klasse, der letzte Tag der Grundschulzeit. Sie tanzte zu Shakira, wie sie es eingeübt hatte, ich spielte den Zauberer im Zauberlehrling, wie es ich gelernt hatte. Wir saßen auf der Heizung nebeneinander, links vorne in der Sporthalle. Mein Herz schlug so schnell wie sonst nur im Sportunterricht. Sie beauftragte eine Freundin, mich zu fragen, ob wir uns heute küssen wollen. Ich lief ihr nach.

Im Mädchenklo schlossen wir uns ein. Wir standen voreinander, sahen uns an, keiner bewegte sich. Ich wurde knallrot und schaute zu Boden. Wir schwiegen. Schauten uns wieder an. Sie mal wieder mit der Idee: »Wir zählen von zehn runter«. Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins – dann küssten wir uns. Und sahen uns nie wieder. Marius Buhl


Ein Münchner im Himmel
Dann hing er da oben, neunzig Meter über dem Boden, vielleicht 92, mitten in der Nacht. Finsternis. Plötzlich keine Treppe mehr. Nur der Wind, der schwarze Himmel und weit unter ihm die Lichter von München. Rupert, ein breitschultriger Kerl von zwanzig Jahren, hatte bis Schlag zwölf gewartet, ab da wurde die Münchner Frauenkirche nicht mehr angestrahlt. Dann war er losgeklettert auf den Südturm, Stock für Stock durch das Baugerüst, das dort gerade stand. Er wollte das Transparent so weit oben wie möglich an den Turm hängen, »Claudia, ich liebe Dich« stand darauf, Claudia war erst seit Kurzem seine Freundin. Dafür hatte er vier Bettlaken zusammengenäht, und Nähen, das war echt nicht seins. Klettern schon eher, aber jetzt, da oben, merkte er erst, dass es auf den letzten Stockwerken des Gerüsts keine Treppen mehr gab, nur einen ausgeschalteten Arbeitsaufzug. Aber weil Rupert nie viel Angst im Leben hatte und ihn auch Höhe wenig schreckte, schwang er sich hinaus auf die Außenseite des Gerüsts und kletterte die letzten Meter zwischen Gestänge und Turmmauer. Ohne Seil, ohne Sicherheit, ohne irgendwas.

Schließlich stand er da also, leichter Wind, klare Nacht, fantastischer Blick über München. Die beiden Türme sind knapp 99 Meter hoch, und weil die Münchner ihre Frauenkirche lieben und alles Neue eher nicht so, ist es inzwischen verboten, Gebäude zu bauen, die den Dom Zu Unserer Lieben Frau überragen. Rupert war für einen Augenblick der Münchner im Himmel, er holte das Transparent aus seinem Rucksack, befestigte es mit Kabelbindern und grinste. Dann machte er sich wieder an den Abstieg.

Er hatte eine Freundin eingeweiht, ihre Aufgabe: die geliebte Claudia am nächsten Morgen zu einem Einkaufsbummel durch die Stadt zu überreden, so früh wie möglich, bevor das Transparent von den Bauarbeitern abgehängt sein könnte. Der Plan ging auf, Claudia sah die Schrift und juchzte, sie blieb lange Zeit Ruperts Freundin. Mit ihr sah an diesem Tag ganz München hin. Die SZ zeigte ein Foto des Transparents, wie es da in schwindelnder Höhe flatterte.

Rupert aber war in der Nacht wieder vom Turm heruntergeklettert, hatte den leeren Rucksack an sein Fahrrad gehängt und war zum Tanzen gegangen. Was man eben so macht, wenn man gerade sein Leben riskiert hat. Er wurde später Feuerwehrmann. Max Fellmann


Zurück auf Start
Das Thema Beziehung hatte sie abgehakt. Zwei geschiedene Ehen. Zwei Söhne, die sie neben ihrem Ganztagsjob allein großzog, seit zehn Jahren. Für Flirts oder Affären war weder Zeit noch Energie, und an etwas Verbindliches glaubte sie längst nicht mehr. Und doch hat es Katrin noch einmal voll erwischt, mit Ende vierzig. Liebe auf den ersten Blick. Seitdem steht ihr Leben kopf.

In wenigen Wochen wird sie ein drittes Mal Ja sagen, sie wird eine neue Familie gründen, wird noch mal Mutter werden. Der Mensch, den sie liebt, heißt Paula. Paula wohnt weit weg. Ein Neuanfang – nein, gleich mehrere Neuanfänge.

Jetzt sitzt Katrin auf gepackten Kartons. Sie zieht mit ihren Söhnen von Köln nach Oldenburg zu Paula, die dort als Ärztin arbeitet – und schwanger ist.

Manche Paare brauchen Jahre, um Eltern zu werden, bei Katrin und Paula ging alles schnell: Dass sie ein Kind zusammen wollten, war ihnen sofort klar, der erste Versuch mit künstlicher Befruchtung hat auf Anhieb geklappt. Im März, gleich nach der Hochzeit, soll die Tochter zur Welt kommen.

Vielleicht fällt es leichter, Entscheidungen zu treffen, wenn man nicht mehr alle Zeit der Welt hat. Nach der Geburt will Paula bald wieder in der Praxis stehen – und Katrin in Elternzeit gehen. Tina Rausch


Ein Lied für die Liebe

Mein Bruder wollte Sänger werden. Er war als Kind Solist im Tölzer Knabenchor, er hörte nachts Wagner-Opern auf Repeat. Und er hatte nach dem Stimmbruch einen ganz weichen, samtenen Bariton. Ich fand immer, der muss einfach singen. Sein Professor fand das auch. Wer weiß, es hätte eine ganz große Laufbahn werden können. Aber Felix hatte beim Singen immer Lampenfieber. Richtig schlimmes. Und was nützt die schönste Stimme, wenn sie vor Publikum zu zittern anfängt? Er fiel zweimal durch die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Frankfurt.

Andere hätten gehadert, er hatte irgendwie keine Zeit dazu, das Leben rollte über ihn hinweg. Frühe Heirat. Kinder, Haus, Trennung. Felix wurde Operninspizient, wofür er so ziemlich die Idealbesetzung ist, weil er alle Stimmen und Opern kennt und Partituren mitlesen kann. So schien das Leben dahinzugehen, ein Mann, ein Job, passt schon. Nur gesungen hat er nie mehr.

Eines Tages, an Silvester, kam dann diese SMS. Er stand in Berlin unterm Raketenhimmel, als A. ihm alles Gute im neuen Jahr wünschte. Sie haben sich drei Monate nur geschrieben. Permanent. Alles Gute. Alles Traurige. Einfach alles. Dann endlich ein erstes Rendezvous, er brachte ihr all die WhatsApp-Nachrichten mit. Gedruckt und gebunden, ihr digitales Hohelied als dickes Buch des Lebens.

Jetzt, auf seine fast schon alten Tage, hat Felix sich endlich getraut. Ein zweites Mal. Er hat drei Kinder, seine Frau auch. Sie sind seit vier Jahren zusammen, seit zwei Jahren standesamtlich verheiratet, A. ist die große Liebe seines Lebens. Im vergangenen Sommer haben sie noch kirchlich geheiratet. In der Kirche unserer Kindheit. Es war ohnehin sehr bewegend, weil man die ganze Zeremonie über sah, wie narrisch gern sie einander haben. Unserem Vater, den ich als Kind nie weinen sah, zitterte das Kinn, als er seine zukünftige Schwiegertochter zum Altar führte. Selbst die Kinder hatten während der feierlichen Trauungszeremonie dauernd Tränen in den Augen.

Und dann stand mein Bruder auf, ging hoch zum Altar, drehte sich um, räusperte sich, ich dachte, der wird doch nicht… Aber da stimmte sein Schulfreund David auf dem Cello schon Schumann an, den Anfang der Dichterliebe, und Felix sang vom wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen, ein strahlender Tenor, und über ihm riss der Julihimmel auf, die ganze Kirche stand unter Wasser, sogar der Pfarrer hat geblinzelt und die beiden festlich getraut. Alex Rühle


Lassen Sie mich raus!
Ich habe meinen Mann kurz vor der Silberhochzeit verlassen, aber ich erinnere mich an den Moment, in dem ich zum letzten Mal etwas für unsere Liebe gewagt habe. Einige Jahre vor der Trennung planten wir einen Kurzurlaub, obwohl wir da schon häufig und heftig stritten. Vor der Fahrt zum Flughafen kam es wieder zum Streit, wir fuhren mit Verspätung los, dann Stau, wir knurrten uns nur noch an.

Das Flugzeug war ausgebucht, einer unserer Plätze bereits vergeben. Wir einigten uns darauf, dass ich den freien Platz nutze, mein Mann wollte mit einem späteren Flug nachkommen.

Ich gab mein Gepäck auf, saß schon im Bus zum Flugzeug - da stieg ich kurzentschlossen aus und ging zurück zum Abflugschalter. Dort helle Aufregung: Ob mir klar sei, dass mein Gepäck ausgeladen werden müsste, Riesen-Verspätung für alle?! Es war mir in diesem Moment egal.

Ich ging zu meinem Mann, wir buchten den Flug um. Jetzt hatten wir Stunden für uns, in denen wir uns um nichts kümmern mussten. Für alle anderen waren wir im Urlaub. Wir aber saßen am Flughafen, diesem merkwürdigen Ort zwischen den Orten. Wir schalteten unsere Handys aus und gingen essen.

Diese wenigen Stunden sind mir bis heute im Gedächtnis: Wir fühlten uns befreit, bar aller Sorgen. Kicherten und flirteten wie Teenager, eine kurze Auszeit, nichts von dem täglichen     Ärger war gerade real. Ein Zeitsprung in eine glücklichere Vergangenheit.

Später holten uns natürlich all unsere Probleme wieder ein. Trotzdem - kurz hatte ich für meine Liebe die Zeit angehalten. Uta Schilmöller


Einmal Heldin

Der erste Junge, den ich mochte, war ein Arschloch. Er störte im Unterricht, zog an Haaren und interessierte sich kein bisschen für mich. Aber gerade diese Bad-Boy-Nummer ließ mich und die anderen Mädchen aus der dritten Klasse Liebesschwüre auf Klotüren kritzeln.

Immun gegen den Jungen war nur sein Lieblingsopfer: unsere Lehrerin. Sie schrieb seinen Namen so oft ins Klassenbuch, als wäre er ein achter Wochentag. Eine seiner raffinierteren Aktionen war es einmal, ihren Stuhl in der großen Pause mit Uhu einzuschmieren. Dann der Gong zur Stunde, sie setzte sich, klebte mit ihrer hellen Leinenhose fest – und stand mit einem Ratsch wieder auf. Sogar ein paar von den Strebern mussten lachen. Nach ein paar Sekunden wurde es ernst: Die Lehrerin lief schimpfend durch den Raum, »Schämt ihr euch denn nicht?«, und blieb vor dem Tisch des Jungen stehen, um ihn in Bad-Cop-Manier zum Geständnis zu bewegen.

Ich dachte: Ja, jetzt! Das ist meine Chance! Endlich kann ich ihm zeigen, was für eine Heldin ich bin, und dann wird er hingerissen sein von mir! »Ich war’s!«, rief ich mitten in das Verhör. Die Lehrerin sah misstrauisch zwischen uns hin und her, anschließend bestrafte sie mich. Nun stand mein Name im Klassenbuch ganz nah bei seinem.

Während ich auf die langersehnte erste Pause mit ihm wartete, malte ich mir unsere Bonnie-und-Clyde-Zukunft aus. Auf dem Schulhof wurde ich von allen anderen für meinen Auftritt verspottet. Und dann kam endlich der Junge – und ignorierte mich. Wie immer.

Gelohnt hat sich die Sache trotzdem, allein für das stolze Gefühl während des Klassenbucheintrags: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich aus Liebe etwas total Idiotisches gemacht. Daniela Gassmann


Paris hin und zurück

Ich war 16, über Ostern zu Besuch bei Verwandten in Hamburg, und als ich zurückkam, fand ich einen Brief an mich vor, der keinen Absender hatte. Und keine Briefmarke. Die Schrift kannte ich nicht. Ich riss den Brief auf – und mir schmolz fast das Herz: Jean-Marie hatte mir nicht nur viele Seiten lang geschrieben, er war auch ohne Ankündigung nach München gefahren, um mit mir zu reden. Und hatte vor verschlossenen Türen gestanden. Da war er wieder abgereist.

Bis dahin war er für mich ein Sommerflirt gewesen, schüchterner Junge einer Familie mit vier Kindern, bei der ich während des Schüleraustausches nahe Paris wohnte. Ja, etwas knisterte, doch mehr war da nicht, kein Anruf, kein Brief. Bis er ein halbes Jahr später vor meiner Tür stand und ich nicht da war.

Sein Brief ließ keine Wünsche offen: Er sei allein, nur ich könne ihm helfen, das habe er schon vorigen Sommer gemerkt. Ich wollte sofort zu ihm, auch ohne Ankündigung, ihn überraschen und pathetisch sagen: »Da bin ich.« Dumm nur, dass die Schule wieder begonnen hatte und meine Mutter mir natürlich verbot zu fahren. Also fuhr ich heimlich, schlich mich eines Abends aus dem Haus, nahm den Nachtzug nach Paris. Woher ich das Geld hatte, weiß ich nicht mehr, es ging schließlich um was viel Erhabeneres, um die bedingungslose Liebe. Ich fühlte mich wichtig und erwachsen.

Aber auch Jean-Marie war nicht zu Hause, als ich klingelte. Nur seine Mutter, die erst von mir erfuhr, dass ihr Sohn mich hatte besuchen wollen. Sie gab mir zu essen, sagte, ich solle erst mal ausschlafen, sie werde in der Zeit versuchen, Jean-Marie zu erreichen. Das tat sie, aber sie rief auch meine Mutter an. Als ich aufwachte, hatte sie zwei schlechte Nachrichten für mich: Jean-Marie sei mit seiner Freundin noch eine Woche lang in der Normandie, und meine Mutter erwarte mich am nächsten Tag zu Hause. Jean-Maries Mutter gab mir das Geld für die Rückfahrt.

Zu Hause öffnete meine Mutter die Tür und sagte nur: »Ich bin sehr enttäuscht von dir.« Ich habe nie wieder etwas von Jean-Marie gehört. Susanne Schneider

Im Dunkeln

Als meine Freundin und ich beschlossen, komm, wir wagen das Größte, wir werden du und ich und noch ein neues Leben, da wohnten wir noch nicht zusammen. Zwischen uns lagen eineinhalb Stunden auf der A7, dort, wo es hinter Hamburg überraschenderweise weitergeht. Am Abend eines anstrengenden Sonntags rief sie mich an.

»Mein Schatz, du musst unbedingt noch heute zu mir kommen!«

Ich war erschöpft. Ich liebte meine Freundin, aber nicht diese ewige Fahrerei. Musste es heute sein? »Ja, ich habe meinen Eisprung!«

Ich sah die Autobahn vor mir, Biegung um Biegung, Kilometer um Kilometer. Und ich sah meine Freundin vor mir, wie sie jetzt aufgekratzt und mit geröteten Wangen in ihrem Wohnzimmer stand. Ich spürte, wie fest sie daran glaubte, dass genau heute ein Kind entstehen würde.

Die Entscheidung für ein Kind war mir nicht leicht gefallen. Zwei Jahre hatte es gedauert, bis aus einem ziemlich deutlichen Nein ein deutliches Ja geworden war. In diesen zwei Jahren war mir immer klarer geworden, dass es mit meiner Freundin sehr wahrscheinlich für immer ist. Und dass in mein Herz noch ein Mensch hineinpassen würde.

Ich fuhr also. Nach acht Kilometern war ich aus der Stadt raus und auf der Autobahn. Nach zehn Kilometern erlosch mein Licht. Beide Lampen. Es war spät, es war dunkel.

Das Problem auf der Autobahn, wenn man kein Licht hat, ist nicht, dass man nichts sieht. Man sieht dank der Lichter der anderen Autos genug. Das Problem ist, dass die anderen einen erst so spät sehen. Lichthupen, Lärmhupen, Teufel an der Wand: Werde ich so mein Leben verlieren? Ausgerechnet unterwegs, um Leben zu schaffen? Autos zogen ruckartig links rüber, wenn ihre Scheinwerfer mir schon ins Wageninnere leuchteten wie Taschenlampen in ein Schlüsselloch. Ich fühlte mich wie ein verlorengegangenes Kind auf einem Punkkonzert, um mich herum ein übermächtiges Drängen und Donnern. Ein Rempler, ich wäre zerschmettert.

Zurück zu meiner Wohnung? Die lag nun immer noch näher als die Wohnung meiner Freundin. Aber was, wenn das Schicksal mich dann bestrafen würde? Ein Unfall könnte mir ja auch auf dem Rückweg passieren. Aberglaube, Leichtsinn und Sturheit zogen mich weiter durch die Dunkelheit – die Sturheit, es jetzt durchzuziehen, mich zu meiner Freundin und unserem Kind durchzukämpfen wie ein Lachs durch einen Schwarm von Haien.

Endlich die Ausfahrt. Noch sechs Kilometer Landstraße. Das Problem auf der Landstraße wiederum ist tatsächlich, dass man ohne Licht nichts sieht. Ich fuhr dreißig. Dann die Lichter des Städtchens. Die Arme meiner Freundin. Und es wundert mich überhaupt nicht, dass das Leben unserer Kleinen wirklich in jener Nacht seinen Anfang nahm. Sven Schuster*

*Name geändert


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