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aus Heft 18/2006 Kriegserklärung

Sitzpinkler & Stehpinkler

Sebastian Glubrecht  Zwei, die nicht miteinander können
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Der Stehpinkler unterwirft sich nicht, nicht der Mutter, nicht der Freundin und erst recht nicht der Hygiene. Mit Wonne besudelt er Toiletten ebenso wie sich selbst. Der Sitzpinkler dagegen verzichtet auf urinale Rebellion aus Liebe zu seiner Frau und aus Solidarität zu seiner Mitbewohnerin. Besucht der Erste den Zweiten, liegt Ärger in der Luft: Eine heraufgeklappte Klobrille heißt, dass ein stolzes Männchen das Revier eines Schwächeren markiert hat. Der Sitzpinkler tobt, stellt aber dennoch bloß ein lächerliches »Sitzen statt Spritzen«-Schild auf. In Kneipen dagegen kommt es zur offenen Konfrontation: Der Stehpinkler, Prototyp des so genannten Kollegen, begleitet gern andere Männer aufs Klo. Aus Geselligkeit, nicht aus Homophilie. Beides fürchtet der Sitzpinkler, vor allem weil die Kabinen meist belegt sind. In solchen Situationen muss er sich direkt neben den Kontrahenten ans Pissoir stellen. Dort bekommt unser Motto »Zwei, die nicht miteinander können« eine erstaunlich banale Bedeutung. Mit einem lauten »Jetzt wird die Boa gewürgt« öffnet der Stehpinkler drei Hosenstallknöpfe, wofür zwei genügt hätten, und lässt laufen. Der Einsamkeit gewohnte Sitzer würde gern, kann aber nicht, wenn jemand zuschaut. Er hofft, presst und gibt letztlich auf. Unter hämischen Blicken des Feindes schließt der Sitzpinkler den Hosenstall und schleicht mit schmerzender Blase hinaus. Dabei flüstert er: »Ich komme wieder.« Denn tief im Innern wäre selbst der Sitzpinkler lieber wie Arnold Schwarzenegger, der männlichste aller Männer.
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