Element Of Crime im Interview: “Wir sind deutsch wie Sauerkraut”
Heute erscheint das neue Album von Element Of Crime. Im Interview sprechen Sven Regener (Gesang) und Richard Pappik (Schlagzeug) über seltsame Coverversionen, den überraschenden Erfolg, der sie nach zwanzig Jahren Bandgeschichte ereilte, und den Trost, den Menschen in der Musik finden.
Von Johannes Waechter
Sven Regener, Richard Pappik, ich höre gerne alte Countrymusik und habe nun mit Freude festgestellt, dass ihr auf dem neuen Element-Of-Crime-Album einen Country-Klassiker covert: “The Storms Are On The Ocean”, erstmals vor achtzig Jahren von der Carter Family aufgenommen. Wie kamt ihr darauf?
Regener: Das war meine Idee. Wie kam ich denn darauf?
Pappik: Das weiß ich auch nicht.
Regener: Ach so, ich hatte mir eine Platte von June Carter Cash gekauft, auf der sie eine Version des Lieds singt. Schönes Lied, habe ich gedacht, das würde ich gerne selbst singen. Hinzu kam, dass ich gleich gemerkt habe: Es wird uns gelingen, das zu spielen. Es gibt ja auch Lieder, die man toll findet, aber niemals selbst spielen könnte.
Seid ihr bereits an Coverversionen gescheitert?
Regener: Gescheitert eigentlich nicht: Wir wissen, was wir können und was nicht. Außer “Storms Are On The Ocean” haben wir bei dieser Platte noch zwei andere Cover aufgenommen: “Blaumeise Yvonne” von Andreas Dorau und “Le vent nous portera” von Noir Desir. Wir haben letztens erst darüber gesprochen, dass es eigentlich an der Zeit wäre, eine Platte mit allen Coverversionen von Element Of Crime rauszubringen. Ich kann mich kaum noch erinnern, was das alles war.
Pappik: Da kommt einiges zusammen.
Was denn?
Regener: Bee Gees, Franz Josef Degenhardt, Alexandra, Arlo Guthrie, Bob Dylan.
Pappik: Udo Lindenberg.
Regener: Auch “Hamburg 75″ von Gottfried und Lonzo, dem Teufelsgeiger, haben wir gecovert. “Hamburg 75 / Mann, war das gemütlich / Da schien noch richtig der Mond in der Nacht / Die Musik haben wir noch mit der Hand gemacht.” Ganz harter Stoff.
Bob Dylan hat sich vor einigen Jahren bei einer Schaffenskrise in alte Lieder wie “Storms Are On The Ocean” vertieft und aus dem traditionellen Liedgut neue Inspiration gewonnen. Macht diese Methode Sinn für euch?
Regener: Ich finde fast jede Musik inspirierend. Es ist ermutigend zu merken, womit andere Leute so durchkommen. Aber wir hatten auch nie so eine Krise wie Dylan wohl eine hatte. Wenn gar nichts mehr geht, können wir immer noch ein Lied im Bo-Diddley-Rhythmus machen.
Der leichte Country-Einschlag scheint mir eine der musikalischen Neuerungen auf dem Album Immer da wo du bist bin ich nie zu sein.
Regener: Wir haben mal den Song “Tumbling Tumbleweeds” gecovert, aber eigentlich blühte unsere Liebe zur Countrymusik bisher im Verborgenen; sie zeigte sich nur in kleinen Licks, Texmex-Trompeten, einer bestimmten Harmonik. Das Walzerige bei Element Of Crime hat manchmal etwas leicht countryhaftes. Aber wir haben es nie heraushängen lassen.
Endet jeder Musiker, der nur lange genug dabei bleibt, irgendwann bei Country und Folk?
Pappik: Gute Frage. Vielleicht.
Regener: Ich habe letztens irgendwo ein Interview mit Willie Nelson gesehen. Da haben sie gefragt, Herr Nelson, ist Country der Blues des weißen Mannes? Er meinte, nein, Country ist jedes Menschen Blues. Das ist natürlich richtig. Es ist das simple Lied. Die Songs mit den drei, vier Akkorden, den simplen Melodien. Wie wenn man zwischen den ganzen Cocktails mal ein Glas klares Wasser trinkt.
Da kann es kein Zufall sein, dass ihr das Album in Nashville gemischt habt.
Regener: Doch. Wenn der Roger, unser Mischer, in München gewesen wäre, hätten wir hier gesessen. Für die eigene Musik hilft einem das gar nichts, in Nashville zu sein. Man kann sich solche Sachen nicht kaufen. Es gibt keine Abkürzung. Genausowenig wie man ins Himalaya fahren und Buddhismus lernen kann. Dann lieber Kopf aus dem Fenster und Arme aufs Brett. Mal Mittagsschlaf machen ist genauso gut wie Meditation.
Dennoch klingt die neue Platte amerikanischer als die vorherigen. Wie deutsch ist eure Musik?
Pappik: Solche Fragen stellen wir uns gar nicht.
Regener: Wir definieren, was deutsche Musik ist! Was soll denn die deutsche Musik definieren? Doch nur das, was die deutschen Musiker machen. Und das sind wir. Wir sind deutsch wie Sauerkraut.

Pappik: Die Veränderung liegt daran, dass wir mehr akustische, hölzerne Instrumente verwendet haben als sonst: Ukulele, Banjo, Mandoline, akustische Gitarren. Das prägt natürlich den Sound.
Regener: Aber es ist weiterhin nachvollziehbar Element Of Crime. Das reicht. Das finde ich eine sehr privilegierte, starke Position.
Der Erfolg gibt euch recht: Eure letzte Platte war eure erfolgreichste.
Regener: Gold! Nach über zwanzig Jahren zum ersten Mal.
Pappik: Zum allerletzten Gig, den wir für die letzte Platte gespielt haben, kam jemand von der Plattenfirma und sagte “Gold”. Besser kanns nicht gehen.
Ich glaube, der Erfolg hängt auch damit zusammen, dass eure Musik etwas tröstliches hat. Vielleicht ist das gerade in hektischen Zeiten wie diesen wichtig.
Regener: Ich glaube nicht, dass die Menschen jetzt mehr Trost brauchen. Die Menschen haben immer Trost gebraucht und der lag schon immer in der Kunst. Die Kunst versöhnt den Menschen mit seiner Existenz. Wir sind nur ein kleiner Tropfen im Ozean dieses Prozesses.
Seit einem Jahr reden alle über die Finanzkrise, nur in der Popmusik merkt man nichts davon. Warum spiegelt sie diesen Teil der Realität nicht wieder? Über die große Wirtschaftskrise ab 1929 gibt es schließlich sehr viele Songs.
Regener: Die Krise ist doch bisher im richtigen Leben noch gar nicht angekommen. Wir leben nicht im Jahr 1929, wir leben nicht in Kartons auf der Straße. Wir wissen, dass wir ein Riesenproblem haben und dass das für uns alle sehr teuer werden wird; aber es sind nicht Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden und marschieren nun im Treck nach Westen. Deshalb wäre es Quatsch, jetzt Lieder über die Finanzkrise zu machen, weil die nur eine mediale Realität wiederspiegeln würden. Die Kunst kann erst reagieren, wenn das Leben des Einzelnen betroffen ist.
Und das wäre in diesem Fall?
Regener: “Kaffee und Karin”. Ich höre, wie ein Rentner am Nachbartisch schreit, dass er schon 1976 Punk war. Die Punks kommen jetzt ja tatsächlich ins Rentenalter. Was früher für den Rentner der Bauchschuss von Stalingrad war, ist heute die Narbe von der Schlägerei im Ratinger Hof. Das ist die gesellschaftliche Realität, mit der wir zu tun haben.
Die Konsequenz ist eine gewisse Zeitlosigkeit.
Regener: Ich glaube schon, dass unsere Musik eine Zeit und einen Ort hat. Wie in der Literatur: Ich kann mit großem Gewinn das „Satyricon“ von Petronius durchlesen, der im ersten Jahrhundert gelebt hat. Das hat eine Zeit und einen Ort, aber es wirkt auch heute noch modern.
Ich vermute, ihr seid auch deshalb populärer denn je, weil eure Platten etwas angenehm handgemachtes haben, das im Kontrast zu einem Großteil der Musik steht, die heute rauskommt.
Regener: Du willst uns zur Manufactum-Band machen. Das ist ein ekliger Ansatz, andererseits gibt es in der Manufactum-Bäckerei diese superleckeren Rosinenbrötchen. Wenn wir nur mit diesen Rosinenbrötchen verglichen werden, ist das in Ordnung.
Pappik: Wir nehmen unsere Platten eben weiterhin auf die klassische Art und Weise auf, wie es früher gemacht wurde. Nicht mehr wie bei Elvis, wo alle um ein Mikrofon rumstanden, aber es ist schon so, dass wir die Stücke im Studio alle zusammen einspielen. Das bringt diesen Charakter des Live-Aufgeführten.
Regener: Unsere Produktionsweise ist recht teuer – das ist auch der Grund, warum sie unmodern geworden ist. Aber wir brauchen das, weil wir der Meinung sind, dass unsere Musik so besser klingt. Am Computer produzierte Musik ist nicht sehr strapazierfähig. Die kann man nicht sehr lange hören, weshalb auch die Bereitschaft sinkt, dafür Geld auszugeben.
Die Carter Family und ihre Lieder aus den Zwanzigern wird man hingegen noch in hundert Jahren hören.
Regener: Diese Aufnahmen sind von der Qualität her unschlagbar! Das muss man einfach mal so sagen. Mit ihren Liedern ist es ein bisschen so wie mit der flämischen Malerei: Mit Vermeer kannst du nicht konkurrieren – und das weiß auch jeder. Genauso ist es mit der Carter Family
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11 Uhr 31
Also, als die Jungs noch so deutsch wie Barbecue waren haben sie mir besser gefallen. “No god anymore”, das war noch was. Danach wurde es langweilig.
11 Uhr 47
Vielleicht war die letzte Platte die erfolgreichste weil sie zugleich die seichteste war. Schade um die verlorene Originalität einer einst großartigen Band. Statt wie eh und je selbstherrlich seine Ansichten herauszuposaunen sollte Sven Regener vielleicht einmal innehalten – und entweder aufhören oder zurückkehren zu der Musik die seine Großspurigkeit rechtfertigen kann.
13 Uhr 39
Vielleicht waren die älteren Platten von Element origineller. Aber Mittelpunkt der Welt ist schöner. :)
01 Uhr 19
[...] Wenn gar nichts mehr geht, können wir immer noch ein Lied im Bo-Diddley-Rhythmus machen. Das SZ-Musikblog interviewt Element Of Crime: Wir sind deutsch wie Sauerkraut [...]
20 Uhr 15
Lieber Herr J. Wächter, ich habe jetzt ein paar ihrer Interviews gelesen, und so unterhaltsam sie auch sind, stößt mir doch etwas unangenehm auf, wie penetrant Sie ihre Interviewpartner davon überzeugen wollen, wie früher alles besser war (die tolle, handgemachte und nichtcomputerisierte Musik) und wie schlecht heute alles ist. Das mag zwar ihrem persönlichen Geschmack entsprechen, ist aber meines Erachtens Quark mit Beilage. Wir neigen ja bekanntlich dazu, die Vergangenheit zu verklären, und bei der Musik gilt genau dasselbe. Der teils grauenvoll klingende Synthpop der frühen Achziger (übrigens “handgemacht”, was auch immer das heissen soll. Auch computerproduzierte Musik ist handgemacht, nur halt mit der Maus und nicht mit dem Plektrum), der Schmonz der siebziger und unzählige zu Recht vergessene Beatbands der sechziger – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Und in zwanzig Jahren wird man sich an zwei Handvoll herrausragender Musiker der Nuller Jahre erinnern und die aktuelle Musik schmähen.
Also bitte in Zukunft nicht mehr ganz so belehrend – Sven Regener hat ja die richtige Anwort gegeben (“Du willst uns zu einer Manufactum Band mache. Das ist ein ekliger Ansatz[...])
Andererseits: auch egal.
08 Uhr 50
@ Jan S.
Danke für den Kommentar! Wie man Musik findet, ist Geschmackssache. Andererseits ist es aber eine Tatsache, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Aufnahmetechnik radikal geändert hat und damit auch der Klang der Musik. Und der Klang ist nun einmal bei einer Plattenaufnahme Teil der Performance. Ich finde, dass der Art, wie sich der Klang und damit die Musik verändert hat, viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird in der Popberichterstattung, und deshalb spreche ich das Thema in der Tat immer wieder in Interviews an. Anders als der normale Konsument haben Musiker nämlich eine große Sensibilität für dieses Thema. Ich weiß nicht, was Du aus dem EOC-Interview herausliest, aber ich entnehme dem Gespräch, dass Regener und Pappik diese Angelegenheit letzten Endes genauso sehen wie ich, nämlich dass sich mit traditioneller Aufnahmetechnik – Profi-Studio, Tonband etc. – bessere Resultate erzielen lassen. Sonst würden sie ihre Platten ja nicht so aufnehmen, oder?
20 Uhr 23
Hallo Herr Wächter,
dass dem Thema Klang vielfach stiefmütterlich behandelt wird, sieht man tatsächlich ja auch am unsäglichen “Loudness War” der letzten Jahre, insofern muss ich Dir in dem Punkt recht geben. Und sicherlich hat bei der Klangqualität gute (!) Analogtechnik noch einige Zeit die Nase vorn, wiewohl die Digitaltechnik unerbittlich aufholt. Andererseits denke ich, dass guter Klang nicht nur eine Frage der Technik ist, sondern auch vom Können und Geschmack desjenigen, der die Technik bedient, abhängt.
Sicherlich ist es eine Folge der Demokratisierung der Produktionsmittel (aka Computer), dass heutzutage Leute Musik produzieren, die von klassicher Tontechnik keine Ahnung haben, und entsprechend sind manchmal die klanglichen Ergebnisse. Andererseits habe ich – und viele andere – als Hobbymusiker dadurch Möglichkeiten, die früher einfach aus finanziellen Gründen nicht waren. Und das finde ich schon klasse, auch wenn oder vielleicht auch grade weil ich meine Ergebnisse der Welt nicht unbedingt zumuten werde…:)
Und ja, der durchschnittliche Musikkonsument hat leider eine viel zu geringe Sensibilität für das Thema, sonst müßte ich nicht allerorten Ohrenbelästigung durch Musik aus Handys hinnehmen.
Ich kann Dir also durchaus bei vielen Punkten zustimmen, allerdings neige ich immer gerne zum Widerspruch, wenn ich bestimmte Reizwörter höre (“handgemachte Musik”, “früher = besser” etc.) – das ist ein mir kaum auszutreibender Reflex ;)
Beste Grüße aus Bonn
21 Uhr 36
Tontechniker.Wo sind die guten geblieben.
Nur ein Name,Lee Hirschberg. Der Mann war genial in Aufnahmetechnik.Ungehört,nur der Name und die Platte wurde gekauft.
In der klassischen Musik ist die Tontechnik das A Und O.
Es gibt tausende von Aufnahmen in denen sich Tontechniker
verewigt haben,die man aber in der heutigen Computer komponierten Musik vermisst. die Kunst Gesang und Instrument so aufzunehmen dass man sich nach Gusto auf das konzentrieren konnte wozu man gerade Lust dazu hatte.
Und der alte Spruch hat immer noch die gleiche Bedeutung.
Es gibt keine schlechte Musik,sondern oft schlechte Musiker.