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aus Heft 04/2007 Frauen

Die rote Gefahr

Barbara Vinken, Damentennis (Illustration)  Seit dem Mittelalter räumen Männer starke, schöne und rothaarige Frauen aus dem Weg. Nicht nur der Fall der CSU-Politikerin Gabriele Pauli zeigt, dass sich die Zeiten ändern.
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Die attraktive Landrätin, die schöne Königin von Fürth: In fast jedem Zeitungsartikel spielte das Aussehen von Gabriele Pauli in den letzten Wochen eine Rolle. Je nach Stillage der in Frage stehenden Blätter erfährt man, dass sie im besten Frauenalter, schlank, gut aussehend und strahlend sei. Oder dass sie gern im Mini Bein zeigt, tiefe Dekolletés trägt und in enger Lederkluft auf einer roten Ducati durch die Lande braust. Das Ducati-Motorrad, traditionell ein männliches Potenzsymbol, gibt der Darstellung gerade in der Überschreitung traditioneller Rollenmodelle den unwiderstehlichen Hauch des leicht Verruchten. Das Ganze gewürzt mit einem Schuss derber Volkstümlichkeit: »So scharf wie Pauli« soll unter den Würsten stehen, die dieser Tage ein Wirtshaus in Wildbad Kreuth anbietet.

Auch wenn der Gleichberechtigungsauftrag seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen europäischen Verfassungen steht, tun sich die Republiken mit Frauen in der Politik und ihrem öffentlichen Auftreten schwer. Irgendwie gehören sie – Frauenquote hin, Frauenquote her – dort nicht hin. Der politische Körper der Republik hat geschlechtlich unmarkiert, also neutral männlich zu sein. In der Französischen Revolution setzte sich die männerbündlerische Republik gegen die Monarchie und die Frauen durch, deren Präsenz in der Öffentlichkeit das Ancien Régime zu einer weibischen Regierungsform gemacht hätte, gebaut auf leere Rhetorik, Verführung und Schmeichelei. Sachbezogene Männerbündelei, die auch unter Brüderlichkeit firmiert, so das Credo der modernen Republiken, kann nur durch den Ausschluss der Frauen garantiert werden. In der Moderne bauen Frauen ihren Mann zu Hause auf und kompensieren durch Beziehungsarbeit, immer an seiner Seite, seine Schwächen. Frauen in der Öffentlichkeit, Frauen in politischen Körperschaften sind bereits durch ihre Weiblichkeit Stein des Anstoßes. Sie sind entweder nicht weiblich genug, wie die »eiserne Lady« Margaret Thatcher und ihre Nachfolgerinnen in der europäischen Politik, oder zu weiblich. Mannweib oder öffentliche Frau: Das schienen lange Zeit die einzigen Alternativen für Politikerinnen zu sein.
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In diese republikanische Ordnung unserer modernen Demokratien ist Bewegung gekommen. Die Geschichte der Frau Pauli, der »schönen Landrätin«, tönt in den Medien wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit, die merkwürdig quer zu unserer politischen Ordnung steht. Sie scheint ein Anzeichen für das Übergehen der Moderne in eine Zeit nach der Moderne zu sein, die aus dem Bildervorrat der Vormoderne schöpft. Vollends gehören Figuren wie die heilige Johanna, als die Frau Pauli auch immer wieder apostrophiert wird, nicht in das Szenario moderner Politik. Die Medien erzählen die Geschichte einer souveränen, schönen und intelligenten Vollblutfrau, die mitten im Leben steht und gegen einen grauen Apparatschik der Macht zu Felde zieht. Kühn begehrt sie gegen eine so gesichtslose wie geschlechtlich vorgeblich unmarkierte politische Körperschaft auf, in der Männer die Macht ungestört unter sich verteilen und den gehorsamen Frauen hin und wieder großzügig auch etwas abgeben. In diese Geschichte passt auch gut, dass der Machtapparat eine solche Frau mit den finstersten Mitteln mundtot zu machen versuchte: durch indiskrete Nachforschungen, die sex and drugs ans Licht bringen sollen, um bei Bedarf Rufmord zu begehen. Während man von einem richtigen Mannsbild besonders in Bayern fast erwartet, dass es mal über die Stränge schlägt, betrunken Auto fährt, ein Bordell besucht oder eine Geliebte hat, wären ein wilderes Liebesleben oder ungezügelter Alkoholkonsum für eine Frau gefährlich. Wie ein Mann, möchte man fast sagen, hat sich das Publikum dann aber hinter Frau Pauli gestellt und den Spitzel verdammt. Stoibers Büroleiter hat die Affäre den Job gekostet und auch der Ministerpräsident selbst hat sich nun bereit erklärt, zurückzutreten.

Natürlich haben manche, denen fast jede Frau, die in der Politik auftaucht, ein rotes Tuch ist, die Männerbündelei unserer Machteliten zu verteidigen versucht. Die roten Haare von Gabriele Pauli kamen ihnen dabei besonders zupass. Diese Farbe steht – wie jedes Kind spätestens aus populären Krimiserien wie Jerry Cotton weiß – für erotisch besonders aufgeladene Frauen, die ohne die Wärme der Dunkelhaarigen und die Unschuld der Blonden auskommen und in ihrer eiskalten Herzlosigkeit für Männer fatal sind. Über Frau Pauli wurde immer wieder die Geschichte einer rothaarigen Hexe erzählt, die mit den unredlichen Waffen der Weiblichkeit – Rhetorik, moderne PR und Attraktivität – schamlos um die Gunst des Publikums buhlt. Ohne jede Sachorientierung, die nun einmal Sache der Frauen nicht sei, kaschiere ihr unverhohlener Wunsch, mit dem Messer in der Hand den Männern ans Leder zu gehen, nichts als frustrierte Karrieregeilheit. Ihre unersättliche Eitelkeit sei auch durch das Licht der Scheinwerfer, in dem sie sich sonne, nur kurzfristig zu stillen. Interessanterweise hat diese Geschichte aber nicht verfangen. Das Publikum wollte von hysterischen rothaarigen Hexen nichts hören und hielt zu seiner tapferen, schönen Landrätin, die den Mann an der Spitze zu Fall gebracht hat.

Und so ist das Phänomen Pauli vielleicht tatsächlich Symptom dafür, dass die Geschlechterordnung, die unsere modernen Demokratien begründet, ins Wanken ge-raten ist und wir uns auch politisch am Übergang in eine noch unvorstellbare Zeit nach der Moderne befinden. Die Erschütterung der alten Ordnung geht wesentlich tiefer, als sie politische Sachfragen wie der Streit zwischen dem Familienvater Stoiber und der alleinerziehenden Pauli um Familiensplitting versus patriarchalisches Ehegattensplitting ausdrücken können. Sie rührt an die symbolische Ordnung der Moderne selbst: Mutige, schöne Weiblichkeit verbindet sich mit dem Volk, dem sie eine Stimme verleiht, fast basis-demokratisch gegen einen Machtapparat. Politisch sehr viel effektiver scheint Ségolène Royal, die Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten, mit diesem Schema in Frankreich zu operieren. Der vierfachen Mutter hat der makellose, leicht sonnengebräunte Körper im Bikini, der in diesem Sommer das Entzücken der Boulevardpresse war, nicht geschadet. Ihre Schönheit und ihr Charme haben Royals Kompetenz nicht infrage zu stellen vermocht. Ségolène Royal ist es gelungen, durch die Mobilisierung der Bevölkerung den männlich dominierten Parteiapparat einfach links liegen zu lassen.
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