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aus Heft 27/2008 Gesundheit 5 Kommentare

Schwer: in Ordnung

Seit Ewigkeiten lassen wir uns vom Mythos Idealgewicht knechten. Dabei ist längst klar: Fitte Dicke sind gesünder als schlappe Dünne. Höchste Zeit, dass die Verfechter des Schlankheitswahns ihr Fett wegkriegen.

Von Werner Bartens 



Zur Vorspeise gab es Salz und Öl. Die Gäste konnten zwischen verschiedenen Körnungen und Herkunftsregionen wählen, der Hausherr erläuterte die Details. Die Öle kamen aus kretischen und apulischen Hanglagen, das Salz aus dem Himalaja und aus Norwegen. Zudem war Fleur de Sel im Angebot, die abgeschöpfte Sole von verdampftem Meerwasser. Man tropfte sich einen Klecks Öl auf übergroße weiße Teller, tunkte italienisches Brot hinein und nahm mit der feuchten Pampe ein paar Salzkörner auf.

Unter den Anwesenden war niemand, dessen Body-Mass-Index jenseits der 25 lag. Alle sahen schlank, gesund und gut aus. Die Oberschicht hat sich ein paar neue Abgrenzungsrituale zugelegt. Natürlich erzählt man immer noch gern vom aufwühlenden Konzerterlebnis oder der letzten Vernissage, aber Menüfolgen und ausgefallene kulinarische Vorlieben sind längst genauso beliebt, um sich der Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht und Einkommensklasse zu vergewissern. Allein das connaisseurhafte Geschwätz über Wein ist etwas in Verruf geraten, seitdem auch Lohnbuchhalter und Diplomingenieure Weinseminare buchen.
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Die gespaltene Gesellschaft zeigt sich aber nicht nur daran, ob jemand Fasan statt Fastfood kauft. Wichtig ist nicht nur, was in den Körper hineinkommt, sondern auch, wie der Körper geformt ist. In der aktuellen Debatte um dicke Deutsche und die Volkskrankheit »Übergewicht« geht es nicht nur um eine Massen-, sondern auch um eine Klassenfrage. Im Streben nach Schlankheit verbindet sich die protestantische Verzichtsethik einer aufstrebenden Mittelschicht mit dem Genussideal der Toskana-Fraktion. Erlaubt ist, was kulinarisch-kulturell adelt - und nicht dick macht.

Gerade erst hat das Kabinett sogar einen »Nationalen Aktionsplan« vorgestellt, mit dem das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bundesbürger bis 2020 verbessert werden soll. Dabei müsste man den Begriff »Übergewicht« aus medizinischer Sicht längst streichen - oder ihn umbenennen: in Idealgewicht.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wer geringes bis mittleres Übergewicht auf die Waage bringt, lebt am längsten.)

Kommentare

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  • Konrad Kasper (1) Dem Kommentar von Stefanie Gerlach kann ich zustimmen. Man darf natürlich aus dem "richtigen Gewicht" keine Ideologie machen, aber man darf auch nicht die in dem Magazin-Artikel nicht angesprochenen Probleme ignorieren, die durch zu hohes Gewicht erzeugt werden können:
    schädliche Belastungen der Gelenke und Bänder und daraus folgende Behinderungen bei der normalen Bewegung insbesondere Rückgrat-, Hüft-, Knie-, Fußprobleme! Insofern bedauere ich den sicher in manchen Punkten zustimmungsfähigen Artikel.
  • Stefanie Gerlach (1) Wir bedauern das Erscheinen des sehr polemischen Artikels „Schwer: in Ordnung“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 04. Juli 2008.

    In zahlreichen Fällen werden hier leider richtige Fakten und falsch recherchierte Daten (Beispiel: „dass die Kinder immer dicker werden, stimmt nicht“) vermengt. Wer sich allerdings weder fundiert mit dem medizinischen und volkswirtschaftlichen Problem der Adipositas und ihrer Folgeerkrankungen auseinandersetzen will, noch sich mit vorbeugender Gesundheitsförderung und schon gar nicht mit der Intention des Nationalen Aktionsplans und der Initiative „IN FORM“ der Bundesregierung beschäftigt hat (Beispiel: „soziale Unterschiede sollen verfestigt und Dicke als ungesund und unterprivilegiert diffamiert werden“), zeigt, dass er seine Hausaufgaben als seriöser Journalist nicht gemacht hat.
    Mehr noch: der Artikel vermischt moralisch-ethische Diffamierungen (die er vermeintlich anprangern will) mit wissenschaftlichen Unkorrektheiten („Dummheit macht dick“). So ist dem Autor offenbar nicht der Unterschied bekannt zwischen einer Ursache-Wirkungs-Beziehung und einer Korrelation. Schwer erträglich auch die Reduktion von „Bildung“ auf „Benimm“ - es fällt schwer, auf diesen Artikel, der qualitativ so gar nicht zur „Süddeutschen“ passen will, nicht in sarkastischer Weise zu reagieren.
    Im Nationalen Aktionsplan heißt es: „Die Medien sollen mit einer verantwortungsvollen Darstellung von Ernährungs- und Bewegungswissen dazu beitragen, das gesundheitsbezogene Verhalten der Bevölkerung zu verbessern.“ Es ist zu wünschen, dass diese Botschaft auch bei Autor und Redaktion der „Süddeutschen“ Gehör findet.

    Zur Klarstellung nur so viel: Adipositas-Experten bekämpfen „die Dicken“ nicht. Wir setzen uns für die längst fällige Anerkennung der Adipositas als einer chronischen Erkrankung ein – sowie für mehr Lebensqualität, also eine bessere Ernährung und mehr Bewegung in unseren alltäglichen Lebenswelten und für die politischen Rahmenbedingungen, die das ermöglichen und die (uns allen!) helfen können, gesundheitsbewusstere Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Übrigens: das „Idealgewicht“ ist seit Jahren ein alter Hut und wird von uns auch nicht propagiert. Im (richtig definierten) BMI-Normalbereich (der für die meisten Menschen ein gutes Maß ist, wenn sie nicht gerade Hochleistungssportler sind) kann sich jeder ein persönliches Wohlfühlgewicht innerhalb einer breiten Gewichtsspanne aussuchen.
    Es ist zwar richtig, dass „fitte Dicke“ ein geringeres gesundheitliches Risiko als unfitte Normalgewichtige haben, sie haben aber immer noch ein höheres gesundheitliches Risiko als fitte Normalgewichtige. Daher kann die Schlussfolgerung nur heißen: „Mehr Bewegung für alle“ und nicht etwa, dass stark Übergewichtige (BMI > 30) nicht abnehmen sollten.
    Wer nur leicht oder mäßig übergewichtig ist (BMI 25-29,9) muss übrigens nicht unbedingt abnehmen – es sei denn, er hat ein ungünstiges Taillenmaß und damit ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine ernährungsabhängige Erkrankung (z. B. Diabetes mellitus II, Bluthochdruck, ...). Wer übergewichtig ist, hat jedoch ein erhöhtes Risiko schwer übergewichtig (adipös) zu werden – mit allen Folgeproblemen; daher macht eine frühzeitige Vorbeugung Sinn.

    Das Fazit aus diesem Artikel kann für uns nur heißen: weiter machen, mehr und besser kommunizieren. Nie war so deutlich: wir brauchen eine bessere (gesellschaftliche und politische) Wertschöpfung wissenschaftlicher Erkenntnisse und besonders auch eine neue Wertediskussion zum Thema „Gesundheit“ in Deutschland.

    Der Vorstand der Deutschen Adipositas-Gesellschaft
  • Manuela Langer (1) Liebe Redaktion, danke für diesen Artikel. Ich dachte schon, Udo Pollmer bleibt der Einzige, der Bücher und Artikel in dieser Richtung schreibt. Seit ich seine Bücher gelesen habe, macht mir das Essen wieder Spaß und ich nehme trotzdem ab dabei. Wenn man Artikel in der Art gelesen hat, fällt einem das erst richtig auf, wie die Medien immer wieder auf diesem Thema rumreiten. Montagabend gings gleich weiter bei "Fakt ist" auf MDR. Das war mal wieder sehr einseitig, fand ich. Immer auf die Dicken. Ach, ich lächle jetzt immer in mich hinein, wenn manche sich mal wieder was verkneifen wegen der Figur oder von "Mal wieder Sport machen müssen" reden. Wozu lebt man denn, wenn man sich alles versagt. Also ich brauchte mal den Anstoß, es locker zu sehen anstatt von einer Diät in die nächste zu schlitttern. Der Artikel hätte ruhig noch etwas größer auf der Titelseite erscheinen können aber soweit gehts dann doch noch nicht. Ist halt immer noch ein Tabu in der heutigen Debatte, es mal von dieser Seite zu betrachten.
  • Anke Arndt (1) Ach, tut dieser Artikel gut! Seit Jahren ärgert mich mein Gewicht. Dabei geh ich regelmäßig laufen und ins Sport-Studio, nehme an Halb-Marathons teil und fahre meine rund 30 Kilometer Arbeitsweg gern mit dem Fahrrad. Und ich komm partout nicht unter 70 Kilo! Ab sofort pfeif ich auf dieses Ziel (ich bin eh 1,73 m groß) und lass mir meinen heißgeliebten Marmorkuchen, die Oma-Käsetorte, die Pastetchen schmecken! Und bleibe dabei sportlich.
  • Elsa Martinelli (1) Das ist der mit Abstand beste Artikel zu dem Thema, den ich bisher gelesen habe - Respekt!
    Das Einzige, was in Sachen Gewicht in der westlichen Welt zunimmt seit Jahren, sind Essstörungen! Und zwar hervorgerufen durch ein völlig verqueres Essverhalten, welches wiederum durch die gesellschaftlich gehypte Magersuchtsfigur und Sportneurotiker bedingt ist, da kaum einer sich mehr sich traut, sich diesem MAssenwahn und Big Business der Diät- und Schönheitsindustrie mehr zu widersetzen wagt! Die Regierung scheint auch keine renomierten Mediziner und Forscher in den Reihen ihrer - sicherlich sehr teuren aber wertlosen - "Berater" zu haben, sonst würde sie nicht solche wissenschaftlich IRRSINNIGEN und völlig an den URSACHEN des gestörten Essverhaltens vorbeizielenden und sogar kontraindizierten Diät- und Diskriminierungsprogramme gegen die Bevölkerung starten!