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aus Heft 28/2008 Gesellschaft/Leben 9 Kommentare

Eine Liebe auf dem Land

Das Bild von Tyler Ziegel ging um die Welt: Ein Attentat im Irak hatte das Gesicht des US-Marines bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Seine Freundin Renee heiratete ihn trotzdem. 15 Monate später haben die beiden sich scheiden lassen. Die Geschichte zweier Menschen, die einfach noch zu jung waren für ihr Schicksal.

Von Ariel Leve, Mitarbeit: Lars Jensen  Foto: Nina Berman




Das Märchen geht so: Sie sind ein junges Liebespaar und leben in Metamora, einer kleinen Stadt in Illinois, im Mittleren Westen Amerikas. Er macht seinen Schulabschluss, geht zu den US-Marines, wird in den Irak abkommandiert. Als er zurückkehrt, verloben sie sich. Er macht ihr einen Heiratsantrag, bevor er das zweite Mal in den Irak zieht. Sie ist 18; er 21. Sie wartet sehnsüchtig darauf, dass er nach Hause kommt.

Seine Dienstzeit endet vorzeitig. In der Nähe seines Truppenfahrzeugs hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Der junge Soldat erleidet fürchterliche Verletzungen. Am nächsten Tag liegt er im Brooke Army Medical Center in San Antonio in Texas. Sie verlässt zum ersten Mal im Leben ihre Heimatstadt und eilt mit seiner Mutter an sein Krankenbett. Seine körperlichen Schäden sind enorm.

Er muss mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Sie weicht nicht von seiner Seite, eineinhalb Jahre lang, bis sie nach Hause können. Ihre Heimkehr gleicht einem Triumphzug. Er ist ein Held, sie seine Heldin. Ihre Beziehung scheint unerschütterlich, sie beflügelt die Menschen, sie gibt ihnen Mut. Die beiden heiraten. Sie ist 21, er 24. Das Datum ihrer Hochzeit, der 7. Oktober 2006, wird in Illinois zu einem Feiertag erklärt, zum »Renee & Tyler Ziegel Day«.
Doch das Glück dauert nicht lange. Im Januar 2008 lassen die beiden sich scheiden. Die Menschen reagieren geschockt, ungläubig, gekränkt. Als wäre ihnen ein Happy End versprochen worden, um das man sie nun betrogen hat.

Metamora liegt in Illinois, zwei Autostunden von Chicago entfernt, die Art von Kleinstadt, aus der man nicht wegzieht. Tyler, inzwischen 25, steht in der Küche seines Hauses, hier wohnte er gemeinsam mit Renee, bis sie auszog. Die Ehe hielt nur ein gutes Jahr. Sie sind trotzdem Freunde geblieben. Im Januar – da waren die Scheidungsunterlagen gerade erst unterschrieben – kam sie sogar zu seiner Superbowl-Party.

Sie halten Kontakt, auch wenn Tyler glaubt, dass sie jetzt in einer neuen Beziehung mit »’nem anderen Kerl« lebt. Es stehen immer noch viele gerahmte Fotos aus der Zeit vor dem Sprengstoffattentat herum, auf denen die beiden lachen und sich zärtlich ansehen. Am Kühlschrank hängen Schnappschüsse von Freunden und von Tyler.

Ein Bild sticht besonders hervor: Tyler, wie er sich allein in der Wüste ausruht, ein hübsches Gesicht, der Körper schlank und durchtrainiert, das blonde Haar kurz geschoren, er liegt im Sand, die Hände im Nacken verschränkt, lächelt in die Kamera. Tyler steht vor dem Bild und blickt auf sein früheres Gesicht. »Das hat Renee aufgestellt«, sagt er. Das Gesicht auf dem Foto gibt es nicht mehr.

Heute ist Tyler auf einem Auge blind, seine Ohren sind verbrannt. Ein Teil seines Schädels wurde in das Fettgewebe seines Oberkörpers implantiert. Dort, wo der Knochen sein Gehirn schützte, befindet sich eine Kunststoffplatte. In seinem Kopf stecken Schrapnellstücke, über seiner Augenbraue klafft ein Loch im Schädel. Sein linker Arm ist ein Stumpf, der unterhalb des Ellbogens amputiert wurde.

Die Finger seiner rechten Hand wurden abgerissen – nur zwei sind ihm geblieben –, eine seiner großen Zehen wurde ihm als Daumen verpflanzt. Tyler neigt den Kopf nach links und schüttelt sich eine Träne aus dem Auge. »Mir fehlte der Tränenkanal, der die Flüssigkeit ablaufen lässt, also haben sie mir einen aus Glas ein-gesetzt«, erzählt er. »Aber mit dem bin ich nicht zurechtgekommen, da hab ich ihn wieder rausgezogen.«

Wenn ihm wie jetzt in der Kälte die Augen tränen, muss er den Kopf neigen, um die salzige Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Seine entspannte Haltung steht in krassem Gegensatz zu seinem Äußeren. Er lacht. Fast vergisst man, wie schwer dieser Mann verletzt, wie stark er behindert ist. Es müssen immer noch Verbände gewechselt werden, das macht jetzt seine Mutter Becky.

Sie würde ihm auch gern bei der Hausarbeit helfen, aber Tyler möchte das nicht. Einmal pro Woche bringt er seine Schmutzwäsche zu ihr, das ist alles. Die Leute im Ort sagen: »Ty ist der Gleiche geblieben, er sieht nur anders aus.« Tyler besitzt 24 Morgen Land, darauf will er ein Haus bauen. Es soll im Wald stehen und wie eine Blockhütte aussehen. Den Grundriss hat er schon.

Das Land hat Tyler vor der Hochzeit gekauft – gemeinsam mit Renee wollte er sich dort ein Zuhause aufbauen. Als er das erste Mal in den Irak zog, hatte der Krieg noch gar nicht begonnen. Tyler wurde in biologisch-chemischer Kriegsführung ausgebildet. Renee ging damals noch zur Schule. Bei seinem Abschied weinte sie, danach hatten sie Briefkontakt, einmal in der Woche durften sie fünf Minuten lang telefonieren, aber Tyler schenkte seine Minuten her. Er hatte keine Lust auf die Anrufe.

»Die Reizüberflutung war zu hoch. Mir ist dann immer zu viel durch den Kopf gegangen.« Im Sommer 2003 kam er nach Hause, glücklich und unversehrt. Drei Wochen später starb Renees Vater bei einem Unfall. Renee war am Boden zerstört. Sie suchte Halt bei Tyler, er wurde noch wichtiger für sie, die beiden verlobten sich.

Dann musste Tyler wieder in den Irak ziehen. »Als er das zweite Mal aufbrach«, sagt seine Mutter Becky, »war da diese innere Stimme, die mir sagte: Er wird nie mehr der sein, der er einmal war. Es war so ein Bauchgefühl. Ich wusste es einfach.« Wie schlimm es wirklich war, erfuhr sie erst, als sie ihn das erste Mal an Heiligabend im Krankenhaus in Texas liegen sah, zusammen mit Renee. Sie glaubt nicht, dass Renee Tyler wegen seiner Behinderungen verlassen hat.

»Ich werde Renee immer lieben, egal, was alle anderen sagen. Ich werde sie immer lieben, weil sie da war, als er sie am meisten brauchte. Als er spüren musste, dass es egal war, wie er jetzt aussieht.«

Tyler sitzt auf seinem Sofa und sagt, dass er und Renee nie ein besonders »sinnliches« Verhältnis hatten. Auch nicht in der Zeit vor der Hochzeit. »Es war nicht wirklich ein Fehler. Es war nur nicht richtig. Die Hochzeit war so…«, er zögert, »durchgeplant. Da war dieses Teil hier…«, er bricht ab und holt die gerahmte Heiratsurkunde hervor, ausgestellt vom Staat Illinois. Sie erklärt seine Hochzeit zu einem staatlichen Feiertag. »So etwas platzen zu lassen…« – er setzt sich wieder. Flitterwochen gab es nicht. Sie stürzten sich sofort ins Eheleben.

Im Herbst 2006 klangen die Nachrichten, die aus dem Irak nach Amerika drangen, beklemmender denn je: Das amerikanische Militär schien in einem sinnlosen Gemetzel ohne Ende zu versinken. Nach den Skandalen von Abu Ghraib und Guantanamo dürstete man an der Heimatfront nach Geschichten, die Hoffnung spendeten und den patriotischen Stolz der Bürger befeuerten.

Die Hochzeit von Tyler und Renee Ziegel war so eine Geschichte. Nina Berman schoss am 7. Oktober 2006 jenes Bild, das den World Press Photo Award gewann und bis heute bei Republikanern, Kriegsbefürwortern, Veteranen und den Bewohnern von Metamora, Illinois, Gänsehaut und Herzklopfen auslöst: das Hochzeitsfoto von Renee und Tyler Ziegel. Die Fotografin hatte gar nicht geplant, ein ikonenhaftes Bild zu produzieren, als sie bei der Hochzeit eine Reportage für das Klatschmagazin »People« fotografierte. Sie erledigte einfach nur ihren Job.

Das Bild erschien auf dem Titel. Die Story war genau der Stoff, den die Kriegsverherrlicher bei CNN, Fox News und CNBC brauchten, um die Einschaltquoten stabil zu halten, während sich die Stimmung des Publikums verdüsterte. Zum Beispiel das Interview auf CNN, bei dem Tyler mit einer Live-Schaltung zu seinem Bruder Zac überrascht wurde, der gerade im Irak stationiert war, sogar in der gleichen Einheit wie er.

Moderatorin: Ty, sag mir, was du empfindest, wenn du deinen Bruder in Uniform siehst.
Ty: Ich, ich … bin stolz.
Moderatorin: Zac, dein Bruder ist sprachlos. Ihm stehen die Tränen in den Augen. Sag etwas, damit er nicht heult.
Zac: Ty, ich bin auch stolz auf dich.

Dann zeigte die Kamera minutenlang Tylers Gesicht und wie dieses deformierte Antlitz mit den Gefühlen ringt. Und jener Teil der Bevölkerung, der daran glaubt, der Irakkrieg stelle ein ehrenwertes Unterfangen dar, erkor Tyler Ziegel zum Helden. Was für ein Kerl, der sich erst den Kopf wegschießen lässt und dann in Uniform eine Frau heiratet. Alle anderen empfanden Mitleid mit dieser entstellten Kreatur.

Tyler dachte nicht einmal darüber nach, ob ihn seine Anführer, ob ihn George W. Bush oder Dick Cheney belogen hatten. Die Fragen, die ihn wirklich interessierten, waren: Kann er seine Frau befriedigen? Und falls nicht: Schickt ihm das Militär Viagra? Die Medien verklärten Renee Ziegel zur amerikanischen Urfrau: Das Mädchen, das klaglos zusieht, wie ihr Highschool-Sweetheart für ein paar Jahre an der Front verschwindet, das in seiner Abwesenheit an nichts anderes denkt als an die Hochzeit und ihn ohne Zögern heiratet, als er, in seine Einzelteile zerlegt, in der Heimat angeliefert wird.

Eine Geschichte über die Liebe in Zeiten des Krieges, die den amerikanischen Medien im Herbst 2006 zufiel wie ein Sechser im Lotto. Tyler Ziegel gibt zu, dass er sich manchmal einsam fühlt. »Aber das war auch in der Ehe so«, sagt er, »am Ende habe ich auf dem Sofa geschlafen.« Er scheint sich damit abgefunden zu haben, dass die Trennung auch so geschehen wäre.

»Es hätte wohl nur etwas länger gedauert«, sagt er, »ich habe viel falsch gemacht, und die Tatsache, dass ich nicht arbeiten musste, hat sicher mehr als alles andere dazu beigetragen, dass die Ehe gescheitert ist. Jetzt, nach der Trennung, verstehen wir uns aber besser als je zuvor.« Seit Kurzem hat er ein paar neue Tätowierungen. Eine davon, die sich den Unterarm entlangschlängelt, lautet: »Gestern ist Geschichte. Morgen ist ein Rätsel. Heute ist ein Geschenk.«

Eine andere: »Du könntest meine Hand halten, aber du würdest mich nur runterziehen.« Auf dem Couchtisch steht ein Arsenal von Medizindöschen. Sieben insgesamt. »Ein Schmerzmittel, dazu ein Mittel gegen Sodbrennen, ein Döschen mit Morphium gegen ›die Kopf-Sache‹, und das hier«, Tyler zeigt auf eine der Dosen, »das sind die ›Bring deine Frau nicht um‹-Tabletten.« Er muss sie für den Rest seines Lebens einnehmen.

»Ich laufe aber nicht herum wie ein Zombie«, erklärt er, »ich fühle schon etwas. Die Tabletten helfen mir, unter Menschen gehen zu können.« Trotzdem erkennt man nur schwer, wo die Stimmungsaufheller enden und Tylers natürliche Zurückhaltung beginnt. Als die Rede wieder auf Renees neuen Freund kommt, zeigt er keine Reaktion. »Ich dachte mir schon, dass sie jemanden finden würde«, sagt er und erzählt dann, dass er gestern Abend selbst eine Verabredung hatte.

Gleich danach spielt er die Sache verlegen herunter. Er sei nur mit einer Freundin unterwegs gewesen – und ihrem Cousin und einer Freundin des Cousins. Erst was essen, danach im Kino. Sie sei nett. Ob sie ihn auch nett findet, wisse er nicht. Das sei ja das Schwierige: Zuneigung und Mitleid auseinanderzuhalten. Manchmal ertappe er irgend so einen Idioten dabei, wie der ihn anstarre. »Dann lasse ich ihm die Minute Zeit und warte, bis er sich satt gesehen hat.«

Menschen wie ihn sehe man nicht oft auf der Straße, das weiß Tyler, dafür hat er Verständnis. Wenn er auf die Menschen zugeht und sie fragt, was sie wissen wollen, zahlen sie ihm am Ende meistens ein Bier. Tyler versteht, dass es den meisten Frauen schwerfällt, sein Äußeres zu ignorieren. Trotzdem strahlt er Zuversicht aus, und egal, ob diese Haltung echt oder zurecht-gebastelt ist – er weiß intuitiv, dass sie ihn attraktiv macht.

»Man kann nicht aussehen wie ich und nicht selbstsicher sein«, sagt er. »Ich brauche eben einen guten Einstiegssatz«, sagt er, »so was wie: Hallo, willst du mal das Loch in meinem Kopf sehen?« Tyler hatte sich damals gemeinsam mit seinem besten Freund Buddy Robison zur Armee gemeldet, ein attraktiver, schüchterner junger Mann, der ein paar Kilometer weiter in Peoria lebt und gemeinsam mit Tyler in den Irak versetzt wurde.

»Am Anfang fiel es mir schwer, ihn anzusehen«, sagt Buddy, »im Krankenhaus bin ich schnurstracks an ihm vorbeimarschiert, weil ich ihn nicht erkannt habe. Aber jetzt verstehen wir uns genauso wie früher. Und das wird auch so bleiben.« Tyler sei sogar offener geworden, gehe auf Fremde zu, spreche Menschen an. Nur einmal habe es Schwierigkeiten gegeben, als eine Gruppe Studenten sich über Tyler lustig machte.

Sie nannten ihn einen Freak, es kam zu einer Schlägerei. »Das kann man doch nicht einfach so stehen lassen, wenn ein paar Kerle die Frechheit besitzen, sich über jemanden lustig zu machen, der seinem Land gedient und uns alle verteidigt hat.

Das »Family Fountain« liegt am Marktplatz, zwei Minuten vom Haus von Tylers Mutter Becky entfernt. Der Tisch in der Lokalmitte ist von einem halben Dutzend Männern in Flanellhemden und Baseballkappen belegt. Es ist das Restaurant, in dem Becky früher gearbeitet hat. Tyler und Buddy bestellen Hamburger, die Unterhaltung dreht sich um den Krieg.

Sie dachten weder an Öl oder Geld, noch kämpften sie für Präsident Bush. Sie taten nur ihre Pflicht – sie verteidigten ihr Land, ihre Werte, ihre Freiheit. Die Frage nach dem großen Ganzen stellte sich nicht. Tylers Anwesenheit im »Family Fountain« sorgt nicht für Aufsehen. Die Einheimischen schenken ihm nicht mehr oder weniger Aufmerksamkeit als anderen Leuten. Er würde es auch gar nicht anders haben wollen.

Seit Tyler nach Hause kam, hat sich in Metamora nur noch ein junger Mann zum Kriegsdienst gemeldet: sein Bruder Zac. So berichtete es der ehemalige Bürgermeister, Air-Force-Veteran Matt O’Shea. Es ist hier wie in den meisten ländlichen Gemeinden im Mittleren Westen.

Die Menschen erfahren von der Welt, was ihnen die Nachmittags-Talkshows an Informationen liefern: nichts. Gute Jobs sind rar, und das Militär bietet immer eine attraktive Alternative für einen 18-jährigen Schulabgänger, der keine Lust hat, den Rest seines Lebens bei Taco Bell Quesadillas zu verkaufen.

Bevor Tyler nach Hause kam, hatten die Klinkendrücker des Militärs in Metamora Erfolg mit ihren Versprechungen vom Soldatenleben. Sie priesen den Teamgeist an der Front und führten Filme vor, die aussehen wie Trailer zu einem Michael-Bay-Film. Es geht ja nicht nur darum, Terroristen zu erschießen, sondern auch darum, ein Abenteuer zu erleben, von dem man den Enkeln erzählen kann. Vielleicht springt sogar ein Universitätsstipendium heraus.

Die Leute mögen schlecht informiert sein in abgelegenen Dörfern wie Metamora, viele wissen nicht, wo der Irak auf der Landkarte zu finden ist, doch dumm sind sie nicht. Wenn jemandem Unrecht geschieht, spüren sie das. Und wie das US Department of Veterans (VA) mit ihrem Mitbürger und Helden Tyler Ziegel umspringen wollte, hat den Menschen in Metamora nicht gefallen.

Um seine Rente zu kalkulieren, rechnete ihm die VA in einem komplizierten Verfahren 80-prozentigen Verlust des Gesichts, 60-prozentigen Verlust des Armes und zehnprozentigen Verlust des Schädels an. Die verlorenen Finger, das rechte Auge, der pulverisierte Kiefer wurden nicht einmal erwähnt. Also trat Tyler wieder bei CNN auf und hielt einen Abguss seines Schädels in die Kamera. Lauter Löcher in der Stirn, Leere, wo die Zähne sein sollten, die Schädeldecke fehlte komplett.

»Das sind ja wohl mehr als zehn Prozent«, lachte er, offensichtlich unter Einfluss von Antidepressiva. Nach diesem Auftritt hob die VA die Zahlungen an. Inzwischen bekommt Tyler 1500 Dollar monatlich, davon kann er ganz gut leben. Wie sehr man sich zerschießen lassen muss, um die Höchstsumme von 2163 Dollar zu kassieren, bleibt das Geheimnis der VA. Und die muss an jedem Fall sparen – die Versorgung der mehr als 30 000 Irakkriegs-Versehrten wird bis zu deren Tod mehr als 300 Milliarden Dollar kosten.

Das Vertrauen in ihr Militär haben die Bewohner von Metamora nach der Affäre um Tylers Pension jedenfalls verloren. Obwohl der nach wie vor behauptet: »Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich alles genauso machen.« Er erwartet weder Dank noch Reichtum aus der Rentenkasse. Ob er ahnt, dass es nur zwei führende Politiker in Amerika gibt, deren Kinder im Irak kämpfen?

Virginias demokratischer Senator Jim Webb, Vietnam-Veteran und Romanautor, wird favorisiert für den Job als Vizepräsident unter Barack Obama. Der andere, John McCain, möchte selbst Präsident werden. Webb will Kriege vermeiden, McCain singt »Bomb, bomb, bomb, bomb, bomb Iran«. Wen wird Tyler wählen? Bislang hat er sich immer als Vollblut-Republikaner bezeichnet – begründen konnte er seine Haltung allerdings nicht.

Als Donna Kline, Renees Mutter, von Tylers und Renees Trennung erfuhr, war sie zuerst auf beide wütend. In einem grell-orangefarbenen Adidas-Sweatshirt sitzt sie an ihrem Schreibtisch im Hinterzimmer von »Kline’s Repair«, einer Autowerkstatt. Der Raum riecht nach Motorenöl. Sie wirkt abweisend. Sie hat sich zwar bereit erklärt, Renees Sicht der Dinge zu erläutern, hat aber Bedenken, dass ihre Tochter vielleicht im falschen Licht erscheinen könnte.

Auch sie glaubt, die beiden hätten die Sache mit der Ehe langsamer angehen sollen. »Aber dazu fehlte ihnen einfach die Zeit. Es war so verrückt. Hätten die beiden mal kurz Abstand gewonnen, wäre es vielleicht nie zu einer Heirat gekommen.« »Renee bereut nichts«, behauptet Donna. »Sie hatten Probleme und haben beschlossen, sich zu trennen. Klar war ich schockiert und gekränkt.« Auf der Ehe lastete ein enormer Druck. Die Probleme bei der Krankenversorgung, das Leben in Texas: »Wäre das Attentat nicht passiert… ach, keine Ahnung. Ich weiß es nicht.«

Es fällt ihr schwer zu verstehen, dass die Ehe ihrer Tochter auf diese Weise enden musste, nach allem, was sie durchgemacht hatten. Im Übrigen halte sie nicht viel von Scheidung. Und Renee sei sicher nicht mit dem Gedanken in die Ehe gegangen, sich ein Jahr später wieder zu trennen. »Renee hat kein schlechtes Gewissen, dass sie Tyler verlassen hat, weil sie ihn nicht so sieht wie andere Menschen.

Sie sieht ihn so, wie er vor vier Jahren war, nicht, wie er heute ist. Ich weiß, dass Renee Tyler liebt. Aber liebt sie ihn so sehr, wie man seinen Mann die nächsten 50 Jahre lieben soll? Anscheinend nicht. Aber bei ihm bin ich mir auch nicht so sicher.«

Je nach Schätzungen liegt die Scheidungsrate bei Kriegsheimkehrern in Amerika zwei- bis fünfmal so hoch wie bei Normalbürgern. Es konnte also kaum überraschen, dass sich Renee und Tyler trennten – weniger als ein Jahr nachdem ihre Hochzeit vom Gouverneur von Illinois zum nationalen Liebesfest hochgejubelt worden war. Zur Scheidung schickte er nicht mal einen Brief.

CNN, Fox und die anderen Sender interessierten sich ebenso wenig für diesen traurigen Vorfall. Sie konzentrierten sich im Winter bereits auf das Ereignis, das ihnen die höchsten Umsätze ihrer Geschichte bescheren sollte: die Seifenoper um Hillary Clinton und Barack Obama. Das »People Magazine« opferte in der Ausgabe vom 17. Dezember 2007 genau eine Spalte für die Nachricht von der gescheiterten Ehe. Wer will kurz vor Weihnachten deprimierende Neuigkeiten erfahren?

Amerika hat Tyler und Renee Ziegel vergessen, was auch daran liegt, dass der Irakkrieg aus der öffentlichen Diskussion verschwunden ist. Die Menschen zerbrechen sich die Köpfe über die Benzinpreise und lassen sich ablenken vom jahrelangen Wahlkampf. Die Zeit, die das Fernsehen dem Desaster im Irak widmet, ging im vergangenen Jahr um neunzig Prozent zurück.

Das märchenhafte Happy End sollte nicht sein. Renee und Tyler Ziegel waren zu jung für diese Ehe. Zu jung, um sich bewusst zu werden, dass es vielleicht der Wunsch nach Sicherheit in einer unsicheren Welt gewesen sein könnte, der sie zu ihrem Entschluss führte. Es gibt kein Geheimnis, keinen Zusammenbruch, kein tragisches Ende. Es ist einfach nur so, dass eine Heirat die Folgen von Tylers Verletzungen nicht ausgleichen konnte, dass sie nicht den Verlust kompensieren konnte, den Renee nach dem Tod ihres Vaters empfand.

Sie waren ein Paar und jetzt sind sie keines mehr. Viele Menschen dachten damals, dass es zu früh sei – dass es vielleicht ein Fehler sei, so schnell zu heiraten. Aber niemand sprach die Zweifel offen aus. Alle feierten und freuten sich mit. Fremde Menschen projizierten auf die beiden das, was sie selbst glauben wollten.

Renee personifizierte den Mut und die Stärke, wovon die Leute hofften, dass sie sie selbst aufbrächten. Tyler personifizierte die Kraft und den Willen, auch in einer hoffnungslosen Lage weiterzumachen und unbedingt glücklich werden zu wollen. Aber sie war erst 18 und er 21. Keiner kannte Tyler und Renee. Nicht einmal Tyler und Renee selbst.

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  • Iris Hiller (1) Hallo Herr Ritter, hallo Herr Kaiser,
    da kann ich Ihnen nur zustimmen! Niemand von denen, die sich über die Qualität des Artikels, Scheidungsgründe (für solche Fragen
    gibts doch die GALA) oder " wer entscheidet eigentlich, was für diese beiden Menschen ein happy end ist?" aufregen, muss sich mit dieser unvorstellbaren Situation selbst auseinander setzen. Mir scheint, da werden Nebenschauplätze aufgemacht, um die es gar nicht geht.
    Wissen wir es wirklich besser? den Unterton in manchen Beiträgen empfinde ich als anmaßend und selbstgerecht.
  • Tappy (1) Hallo Herr Kaiser,

    da haben Sie mich falsch verstanden. Von prinzipiell kann keine Rede sein. Das Schicksal Tylers ist schrecklich. In einem Umfeld allerdings, in dem die Sorge um genug Viagra eine solche Rolle spielt, der Partner durchgängig betäubt ist und die Beteiligten in diesem Alter sind, erscheint mir die Eheschließung weniger das Ergebnis der großen Liebe als vielmehr das Ergebnis eines Sichverpflichtetfühlens.
  • Eberhard Ritter (2) Ich bin überrascht über die Kommentare. Es ist eine Geschichte über Missbrauch und Gewalt, Gewalt auf ganz verschiedenen Ebenen, und eine Geschichte über eine Liebe, die keine Chance hatte. Eine solche Geschichte über Missbrauch auch in den Medien ist doch nicht selbst ein ein Akt von Missbrauch. Der Text bewahrt immer die Achtung vor den Opfern. Die Geschichte ist sehr stark und sehr gut.
  • Leo Kaiser (1) Lese ich hier erntshaft die Forderung, dass die amerikanischen Medien ausgiebig über die Scheidung hätten berichten müssen (also nicht nur "eine Spalte")? Und der Gouverneur wird kritisiert, weil er "nicht mal einen Brief" geschrieben hat? Ich weiß natürlich nicht, was sich die Autoren im Falle ihrer Scheidung wünschen, aber ich würde auf Medienöffentlichkeit und breite Anteilnahme vermutlich gerne verzichten.

    Ich finde es auch geschmacklos, dass die Geschichte dieses Paares überhaupt als politische Rechtfertigung missbraucht wird. Zunächst haben die konservativen Medien aus dem großen Glück, dass manche Freundschaft größer ist als die Leiden des Krieges eine politische Apologie gestrickt. Und nun instrumentalisieren linksliberale Medien das Scheitern einer Ehe zu einem Angriff auf die Konservativen, als wäre es wiederum die Falschheit des Krieges gewesen, die dazu geführt hat. Das ergibt aber nur einen Sinn, wenn man der Meinung ist (wie offenbar "Tappy"), einen "solchen" Menschen könne man prinzipiell nicht lieben.
  • Magda Ritter (1) Die Qual kann ich nachvollziehen. Als Journalistin habe ich mir auch mehr Content von diesem Artikel erwartet. Unterm Strich ist es lediglich der Stoff für ein Hollywood-Movie. Immerhin bietet sich gerade auf der Insel die Möglichkeit eines dieser Happy-Ends auf seine Langlebigkeit zu überprüfen: http://www.dailymail.co.uk/femail/articl...
    http://www.sundaymirror.co.uk/news/sunda...
    http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/new...
  • Julia Hockenmaier (2) Sehr interessanter Bericht!

    Der Originalartikel (auf timesonline.co.uk zu lesen) war jedoch etwas informativer, und auch ohne folgende, doch etwas herablassende, Behauptung:
    "Die Menschen erfahren von der Welt, was ihnen die Nachmittags-Talkshows an Informationen liefern: nichts."

    Natürlich gibt es (in Amerika und anderswo) genug Leute, die ihre Informationen tatsächlich nur über das Privatfernsehen beziehen, aber will die Süddeutsche ihren Lesern wirklich weis machen, dass es für Amerikaner keine anderen Informationsquellen gibt? Klar, denn einen Internetanschluss (oder Zugang zu PBS oder NPR, dem öffentlichen Fernsehen und Radio) hat im ländlichen Illinois ja niemand... Aber so eine Pauschalaussage passt natürlich prima zusammen mit den in Deutschland so weit verbreiteten Vorurteilen von den ungebildeten Amis.
    Schade. Wie gesagt, der Originalartikel ist besser.

    PS: Und (das wird im Original auch nicht erwähnt), das grellorangene Sweatshirt ist höchstwahrscheinlich kein Zeichen von Geschmacksverirrung - ich nehme an, dass die Frau bloss Sportsfan ist und die Teams der Universitaet von Illinois unterstützt.
  • Friedrich Jahn (1) Zahlenakrobatik.
    Hab ich etwa falsch gerechnet?
    30.000 "IRAK-Kriegsrentner kosten den US-Staat nicht 300 Milliarden,
    sondern "nur" 30 Milliarden.
  • Klaus Müller (4) Die Parship-Werbung ist geschmacklos!

    Gute Vorraussetzung um auf den einschlägigen Seiten zu landen.