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Wirtschaft/Finanzen 10. July 2008 Noch keine Kommentare

"Wir wissen von Gott nicht mehr als ein Apfelbaum von uns"

Anlässlich des Todes des US-Milliardärs John Templeton zeigen wir hier noch einmal ein Interview aus dem März 2002.

Von Lars Reichardt 



SZ-Magazin: Sie haben mit Ihren Fonds an der Wall Street ein Vermögen verdient und spenden über dreißig Millionen Dollar jährlich für verschiedene Forschungsprojekte. Bedauern Sie manchmal, nicht selbst Wissenschaftler geworden zu sein?
Sir John Templeton:
Überhaupt nicht. Jeder Mensch verfügt über unterschiedliche Talente. Im Alter von 15 Jahren dachte ich noch, mein Talent läge darin, für das Christentum zu missionieren. Allerdings stellte ich fest, dass andere dafür begabter waren, und so beschloss ich, den Menschen zu helfen, ihr Geld anzulegen.

Offenbar mit außerordentlichem Erfolg.
Als ich damit Ende der dreißiger Jahre anfing, war Amerika ja so selbstbezogen, dass man Investitionsmöglichkeiten im Ausland noch vollkommen ignorierte. Mit den etwa 23 Milliarden Dollar, die ich im Laufe meines Lebens für meine Landsleute dann großteils in ausländischen Fonds anlegte, habe ich ihnen wahrscheinlich weit besser gedient, als ich je dazu als Missionar in der Lage gewesen wäre.
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Der von Ihnen gestiftete Preis zeichnet jedoch seit 1973 Wissenschaftler wie Carl Friedrich von Weizsäcker und Persönlichkeiten wie Mutter Teresa aus, die einen "Fortschritt in der Religion" ermöglichten.
Nein, mein Herr. Viele Journalisten haben mich da missverstanden. Der Templeton-Preis soll ganz allgemein Forschungen und Entdeckungen auf dem Gebiet spiritueller Realität ermutigen.

Welche spirituelle Realität hat denn beispielsweise der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn 1983 entdeckt?
Das ist eine schwierige Frage. Die Wahl wird von neun Richtern getroffen. Mindestens fünf von ihnen sollen Repräsentanten der verschiedenen Konfessionen sein und möglichst weltweit bekannt, denn das steigert den Einfluss des Preises auf die wissenschaftliche Forschung. Mitunter habe ich allerdings selbst Schwierigkeiten, die Entscheidung des Komitees für einen Philosophen oder Staatsmann nachzuvollziehen. Das heißt noch lange nicht, dass ich die Bewunderung für Solschenizyn nicht teilen würde. Aber dass die neun Richter bei ihm unsere Wahlkriterien erfüllt sahen, stellte auch für mich eine Überraschung dar.

Wissen Sie schon, wem Sie dieses Jahr den Scheck über eine Million Dollar überreichen werden?
Die Richter tagen momentan noch. Sie machen ständig irgendwelche neuen Vorschläge und stimmen mehrmals ab, das dauert für gewöhnlich eine ganze Weile. Aber sie werden sich bestimmt rechtzeitig einigen, um den diesjährigen Gewinner benachrichtigen zu können. Schließlich soll er am 14. März um elf Uhr vormittags auf unserer großen Pressekonferenz in New York präsentiert werden. Zuvor wird es kein Informationsleck bei uns geben.

Ihr Preis ist höher dotiert als der Nobelpreis, die Kriterien sind ähnlich streng?
Korrekt.

Der amerikanische theoretische Physiker Freeman Dyson meint, er habe selbst nicht die geringste Ahnung, warum er vor zwei Jahren den Templeton-Preis erhalten hat.
Wir glauben, dass bislang kein einziges menschliches Wesen auch nur ein Prozent des Göttlichen versteht. Naturwisseschaftler wie Freeman Dyson erforschen die Realität und helfen uns so, ein umfassenderes Bild von Gott zu gewinnen.

Für besonders religiös hält er sich auch nicht.
Dysons Buch Infinite in All Directions macht jedem deutlich, dass die Realität weitaus großartiger ist, als sich die Menschheit bis vor kurzem vorstellen konnte. Deshalb hat er den Preis gewonnen.

Stört es Sie denn gar nicht, wenn sich einer Ihrer Preisträger als Agnostiker versteht?
Das ist doch nur ein Wort. Ich glaube, man versteht Freeman Dyson damit falsch. Er bezweifelt sicherlich nicht die Existenz Gottes, allenfalls, dass Gott je erkannt werden kann.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Lassen Sie mich das so erläutern: Ein Apfelbaum ist ein absolutes Rätsel")

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