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aus Heft 38/2008 Gesellschaft/Leben

"Ich habe den Tod gespürt, er saß in mir. Ich habe gekämpft."

Georg Diez 

Christoph Schlingensief über sein Leben mit dem Lungenkrebs.

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Christoph Schlingensief sieht nicht besonders müde aus, er sieht auch nicht krank aus. Er hat vielleicht ein paar Falten mehr um die Augen, er ist dünner, die Haare sind ein wenig grau geworden. Aber sieht so jemand aus, der mit dem Dämon gerungen und ihn erst einmal besiegt hat? Dieser Dämon, den manche Krebs nennen oder Tod und der man doch immer auch selbst ist.

Er bestellt Kakao und ein Eis-Sandwich, braun-weiß-rot gestreift, an der Pommesbude hier im Landschaftspark Duisburg-Nord, wo früher der Stahl floss und heute die riesigen Kesselanlagen und die rostigen Rohre wirken wie die Organe eines Körpers, der vor langer Zeit gestorben ist.

Wir setzen uns in die Sonne, auf zwei Plastikstühle, der eine ist rot, der andere ist gelb. Ein leichter Wind geht durch die Birken. Schlingensief inszeniert hier gerade: Am 21. September wird sein Oratorium »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« bei der Ruhr Triennale Premiere haben. Dafür hat er eine Monstranz gebaut, in die er ein Röntgenbild seiner Lunge eingefügt hat. »Ich trinke sehr viel Kakao«, sagt Schlingensief, »und eine Weile habe ich mich fast ausschließlich von diesen Eis-Sandwichs ernährt.«

Eigentlich hatte er dieses Treffen schon abgesagt. »Ich will hier arbeiten«, hatte er in einer SMS geschrieben, »ich tauche nach sieben Monaten Horrorzeit wieder langsam und ängstlich ins Leben.« Eigentlich wollte er nicht mit der Presse sprechen.

Aber dann reden wir. Er erzählt von seinem Vater, der im Januar 2007 starb, und von der Chemotherapie, von Ärzten, von den Ängsten, der Wut. Es gibt so viel zu sagen, es gibt so wenige Worte.

»Wenn dein Leben sich in eine Tragödie verwandelt, versuche, sie als Zuschauer zu betrachten.« Das ist einer der Sätze, die Schlingensief festgehalten hat, in den langen Nächten, als er im Krankenhaus lag und ins Diktiergerät sprach. 450 Seiten sind es geworden, ein ganzer Leitz-Ordner voll, kleine Teile daraus sind in die Inszenierung gewandert, die seine Krankheit zum Thema hat.
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Der große Rest: ein beeindruckendes Protokoll der Selbstbefragung.
Christoph Schlingensief war nie der Provokateur, als den ihn viele sehen wollten. Er war immer ein wunder, ein verletzter Mensch. Jetzt, da er wirklich krank ist, verändern sich sein Leben und seine Kunst. Und auch unser Blick auf Christoph Schlingensief ist ein anderer.
Muss es sein.

Im Januar 2008 erfuhr er, dass er, der nie geraucht hat, Lungenkrebs hat. Er kam gerade aus Nepal, wo er die rituellen Totenverbrennungen gefilmt hatte. Er hatte einen Husten, der hartnäckig blieb. Er ging zum Arzt, ließ sich röntgen – und war gezeichnet.
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