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aus Heft 14/2007 Design & Wohnen Noch keine Kommentare

Harmoniesucht

Ein Interview über die Messbarkeit von Schönheit, den Goldenen Schnitt in der Natur und unsere Sucht nach Proportionen.

Von Julia Rothhaas (Interview); Julika Altmann (Illustration) 



SZ-Magazin: Herr Professor Erlhoff, kann man Schönheit messen?
Michael Erlhoff:
Bestimmte Vorstellungen von Schönheit sind bei allen Menschen sehr ähnlich, man kann diese untersuchen und genau ermitteln. Denn wir sind auf bestimmte Proportionen und deren Wiederholung angewiesen, um uns orientieren zu können. Ein gutes Beispiel dafür: Wir wissen, wie eine Treppe aussieht. Wir kennen ihre Systematik und gehen davon aus, dass jede Stufe gleich breit ist. Wir glauben, die Systematik nach vier, fünf Stufen verstanden zu haben, vertrauen ihr und sehen nicht mehr hin. Ist eine Stufe etwas kürzer, fallen wir auf die Nase.

Brauchen wir die Wiederholung, um besser zu leben?
Offenkundig. Unser Hirn liebt Serienproduktionen. Das gilt auch für Schönheit. Diese Wiederholungen sind schon in der Natur verankert. Eine Rosenblüte hat zum Beispiel etwas wunderbar Serielles. Ebenso wie die Anordnung der Kerne einer Sonnenblume, das Wachstumsmuster eines Tannenzapfens oder der Verlauf eines Schneckenhauses. Auch in der Architektur ist meist alles gleichmäßig angeordnet. Wir brauchen nur eine Ecke von einem Haus zu sehen und schon vermuten wir, den Rest des Gebäudes zu kennen. Gleichmäßigkeiten beruhigen uns, deswegen suchen wir sie. Ist dies nicht der Fall, werden wir panisch. Daran hat das Hirn natürlich kein Interesse.
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Wenn wir auf wiederkehrende Ästhetik programmiert sind, müssten doch eigentlich alle Menschen den gleichen Geschmack haben.
Nein, denn Geschmack hängt mit unserem Bildungsniveau und mit unseren Erfahrungen zusammen. Ebenso von der jeweiligen Kultur, in der wir aufwachsen. Leider werden wir aber immer darauf getrimmt, Wiedererkennbares zu produzieren. Und das von klein auf. Ein Kind kritzelt etwas auf ein Blatt Papier und der Vater sagt: »Oh, ein Hund!« Das wiederholt er so oft, bis das arme Kind endlich Hunde malt. Am Ende nimmt er dem Kind sogar den Stift aus der Hand, nach dem Motto: Jetzt zeig ich dir mal, wie es richtig geht. Das finde ich fürchterlich.

Können wir uns von diesen Mustern lösen?
Nein, das geht nicht. Unser Blick wird ununterbrochen geschult. Wir schauen zum Beispiel meist durch rechtwinklige Gebilde auf diese Welt hinaus. So waren auch die Fenster in älteren Zügen relativ identisch mit der Proportion eines Fernsehers. Das änderte sich mit der Einführung des ICE. Da wurde das Format des Fensters zu Breitband. Jetzt haben wir sozusagen LED-Bildschirme, durch die wir uns beim Zugfahren die Welt ansehen.

Empfinden wir Dinge denn intuitiv als schön?
Untersuchungen zeigen, dass wir uns immer nach der gleichen Mechanik sehnen. Der Goldene Schnitt ist das Proportionssystem schlechthin. Man findet ihn überall, auch bei sich selbst. Das Verhältnis der Hand zum Unterarm entspricht dem Goldenen Schnitt. Das bedeutet: Die ganze Strecke vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen verhält sich zum längeren Teilstück, hier also der Unterarm, genauso wie der Unterarm zum kürzeren Teilstück, der Hand. Auch das Format der Scheckkarte, das christliche Kreuz, die Proportionen eines Fisches oder eines Stuhls von Ludwig Mies van der Rohe oder Charles Eames sind nach diesem System aufgebaut.

Wir sind also harmoniesüchtig?
Die Menschen haben schon immer versucht, sich die Welt als ein harmonisches Gefüge zu erklären. Wir wollen dieses Gerüst, um den Inhalt besser verstehen zu können. Bereits die Griechen liebten die Harmonie und bauten den Parthenontempel in Athen nach dem Goldenen Schnitt. Wir nehmen die Systematik aber nicht immer intuitiv wahr. Denken Sie an den Barock. Wir empfinden die Kunst und die Architektur heute als schwülstig, fast chaotisch. Das Gegenteil ist aber der Fall. Da waren die großen Harmonielehrer und Arithmetiker am Werk.

Baumeister und Künstler richten sich von jeher wie die Natur nach dem Goldenen Schnitt?
Na ja. Eigentlich schon. Aber wenn wir bei einem Fisch oder Tempel nachmessen, bemerken wir, dass er nicht genau dem Goldenen Schnitt entspricht.

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