Gesellschaft/Leben | Heft 50/2008

"Ich weiß, dass ich sterben muss. Und zwar relativ bald."

Joachim Kaiser, der große alte Mann des deutschen Feuilletons, wird 80 Jahre alt: ein Interview über Ironie und Einsamkeit, über Alter und Tod. Und ja - natürlich auch über Literatur und Musik.

Von Georg Diez & Dominik Wichmann (Interview) 


SZ-Magazin: Wenn dieses Interview ein Theaterstück wäre, was würde in den nächsten drei Stunden passieren?
Joachim Kaiser:
Sie würden im ersten Akt versuchen, mich zu provozieren. Im zweiten Akt hätte ich mich heftig dagegen gewehrt. Dann hätten Sie ein weniges zurückgenommen und ich hätte auch ein weniges zugestanden. Und im dritten Akt hätten wir uns versöhnt und miteinander eine Flasche Champagner getrunken.

Wir hätten Sie als konservativen Kulturkritiker attackiert?
Vielleicht sogar als Reaktionär. Wenn man jung ist, ist man doch auf der Seite des Werdenden. Ich habe mal bei Goethe in Maximen und Reflexionen den tollen Satz gelesen, dass man im Alter immer auf einer bestimmten Stufe stehen bleiben muss. Man muss also nicht versuchen, bis ganz zuletzt progressiver zu sein als die Jüngeren.

Sie wären also eher der gütige Alte gewesen und nicht der Zornige, der Verblendete, King Lear? Ich wäre der nachdenkliche und etwas depressiv gewordene Skeptiker gewesen. Wissen Sie: Erfahrung kann lähmend sein. Wie viele stolze junge Leute habe ich im Lauf meines Lebens gesehen, und was ist dann aus ihnen geworden?

BILDERGALERIE

Joachim Kaiser radelt gern ins Büro, von seinem Haus am Englischen Garten bis nach Steinhausen im Münchner Osten.

Andere werden mit sich selbst depressiv, Sie erkranken eher am Mittelmaß der anderen? Ich werde depressiv, wenn ich ans Essen denke, wenn ich an meine Erfolge denke, wenn ich an meine Frau denke. Was war ich verfressen, und nun schmeckt es mir nicht mehr. Was war ich stolz über meine Bücher, als ich 35 war, und nun ist die Arbeit für mich nur noch wie Therapie. Meine Frau starb vor einem Jahr, danach habe ich mich mit Aufträgen eingedeckt, um mich abzulenken. Ich habe immer noch einen Namen, und die Verlage schicken mir Vorschüsse. Nur leider sind die tückisch genug und wollen dafür auch ein Manuskript haben.

Worüber freuen Sie sich heute? Manchmal denke ich: Das möchte ich auch gern wissen. Aber wenn schon die Kunst nicht Trost sein kann, so macht es mir doch Spaß, andere Menschen für die Kunst zu gewinnen, so wie ich das all die Jahre mit meinen Vorlesungen gemacht habe. Und das war ja für mich immer lebenswichtig. Das ist eigentlich das Einzige, was meine übermäßige Produktivität erklärt: dass ich gern für Dinge werbe, die mir Spaß machen, und auf Dinge schieße, die mir keinen bereiten.

Und Bildung ist Ihre Waffe? Waffe würde ich nicht sagen. Es gibt einen Satz, der so schön zynisch klingt und auf den sich alle verständigen: »Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelesen hat.« Aber ich finde, man sollte keineswegs alles Wesentliche vergessen…
Gibt es für Sie kein Leben außerhalb des Zitats? Bildungsbürger ist für mich kein Schimpfwort.

Sondern eine Berufsbeschreibung? Ein Kritiker wie ich lebt natürlich mit Präferenzen, schwimmt auf einem Strom von Menschen und Gedanken. Das Schreiben über Musik ist keine Technik, die man erlernt, es erwächst aus einer lebenslangen, lebendigen und produktiven Beziehung zu den Werken, ob das nun Opern sind oder Symphonien oder Sonaten.

Wer sich in die Hochkultur begibt, kommt darin um? Die Hochkultur ist ein Geschenk. Sie ist eine der schönen und gewinnenden und das Leben lebenswert machenden Schöpfungen.


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