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aus Heft 03/2009 Frauen 4 Kommentare

Auf der Straße

In Deutschland sind rund 60000 Frauen obdachlos. Und es werden mehr. Drei von ihnen haben uns ihre Geschichte erzählt. Leben voller Scham, Angst und Gewalt. Aber auch Kampfgeist.

Von Christine Zerwes  Fotos: Stephanie Fuessenich und Urban Zintel



Die Juristin Carolin Mändler* genießt die Sonne an der Bayrischen Staatsoper in München. Hier um die Ecke hat sie einmal gewohnt. Nun schläft sie im Frauenobdachlosenheim Karla 51
Das Leben, wie man es kennt, kann von einer Sekunde auf die nächste vorbei sein. Carolin Mändlers* altes Leben endet mit dem Klingeln an der Haustür: Hausmeister, Gerichtsvoll-zieher und Möbelpacker kommen in ihre Wohnung. Carolin Mändler, 49 Jahre alt, Juristin, hat sie schon erwartet; hat ihren Koffer gepackt, Dinge, die ihr wichtig sind, bei einem Freund in Sicherheit gebracht, den Laptop, ein paar teure Kleider, eine Halskette. Sie unterschreibt den Zwangsräumungsbescheid im Stehen – die Stühle tragen die Möbelpacker schon aus dem Zimmer. Dann schleppen sie den Tisch die Treppe hinunter, den Kühlschrank und den antiken Kleiderschrank, den Carolin Mändler von ihren Eltern zum Abitur bekommen hat. Der Hausmeister weint, als er sie zum Abschied umarmt, der Gerichtsvollzieher drückt ihr die Hand. Dann steht sie auf der Straße.

Erika Brenner* fängt an zu spielen, dann zu trinken – oder umgekehrt, sie weiß es nicht mehr. Jedes Mal, wenn sie denkt, sie habe die Sucht besiegt, legt die sich wieder wie eine Schlinge um ihren Hals. Sie wird stärker als jede andere Bindung in ihrem Leben – Erika Brenner belügt ihre Freunde, zerstört ihre Beziehung, verliert ihre Wohnung und ihre Selbstachtung. Im März 2008 steht sie auf der Straße, kennt keinen Menschen, an den sie sich wen-den kann, keinen Ort, an dem sie bleiben darf, und überlegt: »Will ich meinen Kopf noch einmal aus der Schlinge ziehen, oder ist es hier und heute vorbei?«

Am 14. Juli 1998 trifft Gertrud Hofmaier* die einsamste Entscheidung ihres Lebens: Sie kniet an einem Weiher im bayerischen Freising, stürzt einen Cocktail aus Beruhigungstabletten und Schlafmittel hinunter und schneidet sich die Pulsadern auf. Als zwei Spaziergänger sie entdecken, ist sie schon bewusstlos. Die Ärzte retten ihr Leben in letzter Minute. Wenn die 65-Jährige heute über die Narben an ihrem linken Handgelenk streicht, hat sie Tränen in den Augen. »Sonst geht dort nie jemand spazieren«, sagt sie. Das Schlechte kam früh in Gertrud Hofmaiers Leben; und auch nach dem Selbstmordversuch verschwindet es nicht.

Eine Geschichte über drei Frauen, die auf der Straße gelandet sind. Es gibt viele Wege in die Obdachlosigkeit, doch meistens sind es diese: Die Frauen haben Schulden, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können; sie sind psychisch krank, alkohol- oder drogensüchtig; sie fliehen vor ihren Vätern oder Männern, die sie schlagen und missbrauchen.

Die Schulden
Zwölf Jahre lang lebt Carolin Mändler in ihrer Wohnung, Tür an Tür mit Schönheitschirurgen und Zahnärzten, es sind nur ein paar Meter zur Münchner Staatsoper und in die Residenz. An dem Tag, an dem sie den weinenden Hausmeister umarmt, lässt sie die Wohnung und ihr altes Leben zurück.
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Seit einem halben Jahr kämpft Carolin Mändler gegen die Obdachlosigkeit. Wer ihr auf dem Königsplatz in München begegnet, dem sticht eine attraktive Frau ins Auge, schlank, kinnlanges dunkles Haar. Wenn sie redet, fällt in fast jedem Satz das Wort »Neuanfang«. Sie trägt einen eleganten, langen Mantel und einen großen Hut. Ihr Ziel heute: ein Immobilienbüro, das auch an Menschen vermietet, die von der Stütze leben. In den Monaten ihrer Obdachlosigkeit hat sie viele Wohnungen besichtigt, bekommen hat sie keine. »Wenn die Vermieter erfahren, dass ich Hartz-IV-Empfängerin bin, wollen sie nicht mehr an mich vermieten«, sagt sie.

Seit Kurzem wohnt Carolin Mändler in einem kleinen Zimmer im Münchner Frauenobdachlosenheim »Karla 51« und sucht eine Wohnung, die nicht teurer ist als 429,21 Euro im Monat, so viel zahlt das Amt. Die Miete für ihre alte Wohnung kostete 1200 Euro. Jetzt ist Carolin Mändler hoch verschuldet, wie hoch, darüber schweigt sie. Als sie beim Immobilienbüro ankommt, ist die Tür verschlossen; der Makler hat den Termin vergessen.


*alle Namen von der Redaktion geändert

Kommentare

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  • Joe Bergmann (0) Hallo , lieber Herr Wolfgang, A. Gogolin!

    Ich glaube, Sie bewerten etwas falsch. Das hat nichts mit Sexismus zu tun! Männern wird, wie mir bekannt, dieselbe Hilfe angeboten, wie den Frauen. Nur: Stellen Sie sich einmal eine Frau vor, die vielleicht noch Kinder geboren hat, ihr Leben lang hart gearbeitet hat und dann durch Scheidung/Trennung in solch eine Lage geraten ist. Hier wurde lediglich ein Beispiel dessen gegeben, dass es eben auch intelligente Frauen gibt, die so erbärmlich enden. Zur Rolle der Frau als solche, möchte ich sagen, dass so viele Frauen tatsächlich von Männern mißbraucht, zur Prostitution gezwungen u.ä. werden, dass man sie tatsächlich als schwaches Geschlecht bewerten kann. Männer gehen oftmals sehr brutal und hemmungslos mit einer Frau um. Es gibt viele davon- leider. Aber als sexistisch würde ich das an Ihrer Stelle nicht bewerten. Oder kennen Sie einen Mann, der vor seiner prügelnden Frau ins Obdachlosenheim geflohen ist? LG J.B.
  • Wolfgang Gogolin (0) Mir ist nicht ganz klar, weshalb in diesem Artikel so sehr obdachlose Frauen in den Mittelpunkt gestellt werden, denn Obdachlose sind in erster Linie - männlich. Zudem gibt es seit Jahren erheblich mehr und auch viel bessere Hilfsangebote für obdachlose Frauen als für Männer. Einzelzimmer für wohnungslose Männer werden höchst selten angeboten. Soll vielleicht angedeutet werden, dass Männer an ihrem Schicksal selbst schuld seien und daher keine Hilfe verdienen?
    Der durchaus sexistische Hinweis, Frauen 'fliehen vor ihren Vätern oder Männern, die sie schlagen und missbrauchen' unterschlägt zum einen die Eigenverantwortung von Frauen und zum andern die Existenz des Gewaltschutzgesetzes.

    Wolfgang A. Gogolin
  • Joe Bergmann (0) Deutsche Winter
    ... scheinen immer kälter zu werden, wie es scheint. Frauen- nicht nur auf der Straße, sondern auch mißbraucht und gedemütigt. Ich denke an mein Buch, welches ich derzeit schreibe und Schritt für Schritt in eine andere Welt versinke. In eine Welt der Ausbeutung von Frauen. Es geht um Zwangsprostitution einer jungen Frau. Immer wieder werden finanzielle Nöte und Zwangslagen von Frauen und Mädchen ausgenutzt.Die Opfer sind hilflos und man geht mit ihnen oftmals brutal um. Brutal ist ebenso die Obdachlosigkeit, denn somit gerät man schnell in einen Teufelskreis. Keinen festen Wohnsitz, also keine Arbeit. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden allein in Europa jährlich 500.000 Mädchen und Frauen verschleppt und zur Zwangsprostitution gezwungen. Ich meine: Obdachlosigkeit ist der Anfang. Aber auch HarzIV ist für eine Frau das Ende vom Anfang. Abgeschoben und ausgegrenzt. Denken wir nach darüber. Und möglichst nicht allzu lang. Herzlichst Ihre Joe`Bergmann
  • Martina Mertens (0) Hallo,
    ein sicherlich schweres Schicksal, welches die drei Damen hier widerfahren ist. Aus meiner Sicht, aber auch ein vermeidbares Schicksal. Es ist sehr bedauerlich, daß sie keinerlei oder zumindest nicht ausreichende Anstöße in Ihrem Leben hatten, den entsprechenden Willen und die Kraft aufzubringen. Daß mein als Kind, seine Mutter derart fallen lassen kann ist mir unbegreiflich - ich muß eine Mutter nicht lieben, um ihr mit Anstand und Respekt zu begegnen und vor allem meinen Kindern die Möglichkeit zu geben eine Großmutter zu haben.
    Dennoch - und zwar nicht aus mangelndem Respekt der Betroffenen gegenüber - hatte ich mir von diesem Artikel mehr erhofft.
    Ich wundere mich z.B. warum man eine günstige Wohnung sucht und sich wundert in Münschen keine zu finden, daß München nicht gerade günstig ist, ist ja bekannt. Wenn man in ein anderes Bundesland umsiedelt, steht einem dann nicht auch Unterstützung zu, ist man diesbzgl. irgendwie gebunden?
    Und noch zahlreiche andere Fragen.
    MfG