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aus Heft 04/2009 Geschichte 14 Kommentare

Sein wahres Gesicht

Seite 3

Von Richard J. Evans 




Die führenden Figuren des 20. Juli revidierten mehrfach ihre Ziele und wurden merklich bescheidener, je schlimmer die militärische Situation Deutschlands wurde. Doch noch im Mai 1944 fanden sich darunter Friedensverhandlungen auf der Grundlage der deutschen Grenzen von 1914 inklusive Österreich, dem Sudetenland und Südtirol, die Selbstverwaltung für Elsass-Lothringen und der Erhalt schlagkräftiger Wehrmachtstruppen zur Verteidigung im Osten.
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Diese hochgesteckten Ziele, die Deutschland weiterhin als vorherrschende Macht auf dem Kontinent etabliert hätten, zeigen, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer bis zum Ende deutsche Nationalisten blieben. Diese Ziele, wären sie je durchgesetzt worden, hätten eine schlechte Garantie für Frieden und Zusammenarbeit in Europa abgegeben.

Mit Blick auf die Tatsache, dass die Alliierten auf einer bedingungslosen Kapitulation beharrten, sind die außenpolitischen Ziele der Verschwörung nur extrem unrealistisch zu nennen. Als die Bombe explodierte, hatten die meisten ihrer Anführer diese unappetitliche Wahrheit bereits erkannt. Nach der Invasion in der Normandie zweifelte Stauffenberg, ob die Ermordung Hitlers noch irgendeinen politischen Nutzen habe.

Jetzt war mit Sicherheit jede Hoffnung geschwunden, in Verhandlungen mit den Alliierten eine Einigung zu erreichen und zumindest einen Teil Deutschlands vor dem Ruin zu retten. Doch seine Mitverschwörer überzeugten ihn, dass Pragmatismus ausgedient habe: Es ging nur mehr darum zu zeigen, dass der deutsche Widerstand bereit war zu handeln.
 
Stauffenberg wusste daher, dass seine Bombe vor allem als moralische Geste bedeutsam war. Als er sie zündete, war sein Ziel, damit die Ehre des deutschen Volkes zu retten. Doch auch diese Absicht schlug fehl. Der Ehrbegriff, auf den die Verschwörung in ihren letzten Phasen baute, war dem nicht unähnlich, der ein Jahr zuvor die Juden des Warschauer Ghettos dazu bewog, sich nicht kampflos dem letzten Vernichtungsschlag der SS zu ergeben.

Ein letztes demonstratives Aufbegehren, das wohl auch vergleichbar ist mit dem der deutschen Marineoffiziere, die Anfang Oktober 1918, als schon alles verloren war, versuchten, die Flotte gegen die Royal Navy in Stellung zu bringen. In gewisser Weise ähnelt Stauffenbergs Entscheidung sogar dem Entschluss Hitlers, Goebbels’ und anderer Parteigrößen der Nationalsozialisten, sich in den letzten Kriegsmonaten für ihre ganz spezielle Version einer deutschen Zukunft selbst zu opfern.

Doch die Führung der Nationalsozialisten opferte natürlich auch Millionen anderer Menschen. Die Verluste unter deutschen Soldaten erreichten in den letzten Kriegsmonaten einen Höhepunkt, ebenso die Zahl deutscher Zivilisten, die bei Bombenangriffen starben. Und der Massenmord an den Juden ging bis zum Ende weiter. Auch wenn Stauffenbergs Bombe Hitler getötet hätte, ist es unwahrscheinlich, dass der Militärputsch, den die Gruppe im Anschluss geplant hatte, die Verschwörer an die Macht gebracht hätte.

Große Teile der Armee, der SS und der NSDAP hätten sich mit Waffengewalt gewehrt; in der Folge wäre Bürgerkrieg wohl das wahrscheinlichste Szenario gewesen. Es besteht allerdings kaum ein Zweifel daran, dass dies den Alliierten massive militärische Vorteile gebracht hätte. Der Krieg wäre schon mehrere Monate früher beendet worden. Millionen Menschen hätten gerettet werden können.Das allein ist schon Rechtfertigung genug für Stauffenbergs Tat. Sein Scheitern war jedoch ein Scheitern auf ganzer Linie.

Der Krieg ging weiter: Weitere Millionen Menschen starben. Anti-Demokrat, Elitist und Nationalist, der er war, hatte Stauffenberg der Politik künftiger Generationen nichts zu geben, weniger noch der Politik von heute. Der verzweifelte Heroismus Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer konnte auch nicht das Ansehen Deutschlands retten. Der Verschwörerkreis umfasste nur eine winzige Minderheit des deutschen Volkes. Die große Mehrheit kämpfte weiter bis zum Ende.

Die meisten waren über die Nachricht des Attentats entsetzt – und erleichtert, dass Hitler überlebt hatte. Als moralische Geste war Stauffenbergs Bombe ohnehin völlig unzureichend, um die Verbrechen auszugleichen, die im Namen Deutschlands und mit der überwältigenden Unterstützung, der Duldung oder dem schweigenden Einverständnis des deutschen Volkes begangen wurden.

Lange vor Stauffenbergs Attentatsversuch, am 16. Juni 1943, schrieb der Offizier Wilm Hosenfeld, ein Katholik und ehemaliger Dorfschullehrer: »Mit diesem entsetzlichen Judenmord haben wir den Krieg verloren. Eine untilgbare Schande, einen unauslöschlichen Fluch haben wir auf uns gebracht. Wir verdienen keine Gnade, wir sind alle mitschuldig.«

Richard J. Evans, geboren 1947 in London, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Cambridge mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus und Autor von »Das Dritte Reich, I: Aufstieg« (DVA, 2004), »II: Diktatur« (DVA 2006). Der dritte Band »III: Krieg« erscheint im Oktober 2009.


Aus dem Englischen von Stephan Klapdor

Kommentare

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Kommentar:

  • Jakob Knab (0) Der namhafte Professor Richard J. Evans schreibt über Stauffenberg:
    ?Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein??
    Richtig ist vielmehr: Bis zum 24. September 1944 konnte kein Soldat Mitglied der NSDAP werden. (Bei Parteimitgliedern, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, ruhte die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit.) Danach (unter dem Eindruck des 20. Juli 1944) konnte jeder Soldat der Wehrmacht Parteimitglied werden.
  • Bernhard Keim (2) Mir ist diese Betrachtungsweise ein wenig zu eindimensional. Fakt ist: Stauffenberg hat gehandelt und es ging ihm um Ehre und Gewissen, auch wenn er nicht der Vorkämpfer in Sachen Demokratie war, den wir uns heute in ihm wünschen.
    Einen besonderen Umstand spricht der Autor in seinem Artikel ja auch an: seine Distanz zum demokratischen System. Mit dieser Distanz stand er aber keineswegs allein. Die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit waren ja gerade keine Beispiele für die erfolgreiche Konfliktbereinigung, sondern führten mit Ausnahmen in jene Auseinandersetzungen und Krisen, welche die Diktaturen erst ermöglichten. Würde man einem verdienten kommunistischen Widerstandskämpfer mangelnde demokratische Gesinnung in diesem Zusammenhang vorwerfen?
  • Raimund Waligora (0) verehrter Herr Wedekind, die Motive der Widerständler unterschiedlicher Coleur waren verschieden, dennoch wohl alle ehrenwert.In dieser Diskussion geht es aber um die unterschiedliche Rezeption. Die "Linke" hat dem nationalkonservativen Widerstand nicht unterstellt, sie wollten "nur" ihre ostelbischen Güter widerhaben, sondern dass er ein extrem konservatives Weltbild hatte. Dem linken Widerstand (insonderheit dem kommunistischen) wurde nach der Wende eine gleichberechtigte Würdigung wegen ihrer politischen Ziele abgesprochen. Auf die politische Inanspruchnahme Stauffenbergs aus damals aktuellen Gründen und die Ausblendung anderer "Einzeltäter" gingen Sie leider nicht ein. Schade, die große Mehrheit der Deutschen sahen (und sehen) Widerstand als Verrat. Die Daueraustellung am Bendlerblock leistet Großartiges, dass neuere Generationen dies differenzierter sehen.
  • Rudolf Wedekind (0) Evans mag etwas von historischen Details wissen. Von der menschlichen Seele weiß er offenbar recht wenig. Stauffenbergs Leistung liegt ja gerade darin sich von den Personen abzusetzen, die ihm eigentlich und ursprünglich nahe waren, d.h. sich gegen einen Teil seines Milieus, seines traditionellen Lebenskreises, gegen einen Teil seines Denkens und seiner Seele zu stellen, also im besten Sinne eine Gewissensentscheidung zu fällen, die ja einen inneren Konflikt voraussetzt. Wir wissen, dass diejenigen, die schon immer Nazigegner, z. B. Kommunisten waren und die entsprechend früh gegen die Nazis kämpften, zwar hier und da für ihren Mut zu bewundern waren, aber vielfach, wie uns die Geschichte der DDR beweist, keine besseren Menschen, sondern nur eben Feinde waren. Das mag übrigens auch für viele der britischen Gegner gelten, was diese aber mangels Bereitschaft sich mit der menschlichen Seele auseinanderzusetzen, nicht wahrhaben wollen. Stauffenbergs Leistung ist viel vorbildhafter, denn er zeigt, wie eine Gewissensentscheidung wirklich aussieht. Er hat sein Leben eingesetzt, weil ihm das vom ihm erkannte Böse, Schlechte nicht weiter kompromissfähig erschien, weil er nicht mitschuldig werden wollte. Dabei ist es recht unerheblich, ob er dabei zukunftsfähige politische Vorstellungen hatte oder eher rückwärtsgewandte. Wichtig ist nur, den perfiden Verdacht, den die Linke in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verbreitet und gepflegt hat, aus der Welt zu schaffen: Dass nämlich die Verschwörer des 20. Juli allesamt nichts anderes im Sinn hatten, als ihre Güter in Ostpreußen zu retten. Das wäre allerdings denn doch zu armselig gewesen um als vorbildhafte Gewissensentscheidung dienen zu können. Gottseidank hat Evans unbeabsichtigt dazu beigetragen, dass Stauffenberg eher zu Recht als zu Unrecht als Vorbild gesehen wird. Denn seine Motive waren lauter, wenn auch aus einer alten schon damals fast untergegangenen Zeit stammend.
  • Raimund Waligora (0) Stauffenberg war immer unbequem, als Popikone, wie auf dem Titelblatt des letzten sz-Magzin eignet er sich auch wirklich nicht, dafür ging um zu hohe "Einsätze". Auch war er, wie Evans richtig zeigt, wahrlich kein Vorkämpfer (Vordenker) der FDGO. Was aber keiner der bisherigen Kommentatoren reflelktierte: Warum wurde er seit einer bestimmten Zeit so heroisiert, wurde aus einem "Vaterlandsverräter" ein fast heroischer Widerstandskämpfer?
    Weil man in der Zeit der Wiederbewaffnung in den 50-er Jahren irgendjemanden brauchte an den die junge Bundeswehr als Tradition anknüpfen konnte, da wurden die Seiten, auf die Evans zu Recht mal wieder hinweist, hintangestellt. Sicher wurde der kommunistische Widerstand in der DDR überproportioniert dargestellt, aber immer noch fehlt heute eine grandiose Würdigung anderer Größen des Widerstands derjenigen, die schon vor der absehbaren Niederlage ihr Leben riskierten, wie des "einfachen Schreiners" GEORG ELSER dn Hitler noch im Jahre 45 in Dachau erschiessen ließ. Liebe sz, aber bitte nicht als Popikone.
  • detlev steffen (0) Dass Kammerdiener keine Helden kennen ,ist bekannt.Es ist das Verdienst des Herrn Evans , diese alte Weisheit wieder einmal in Erinnerung gebracht zu haben.
  • S. Zimmermann (0) Diese „Außenansicht“ auf das deutsche Selbstgebaren um den Aufstand in der Reichswehr ist richtig und notwendig. Stauffenberg war zuallererst ein radikaler Militarist. Ein Mensch, der die aggressive Politik des deutschen Reiches zu fast jeder Zeit unterstützt hat. Sein Attentat bleibt der Versuch zu retten, was zu retten war. Daran ändert auch ein Film mit Tom Cruise nichts.

    Die Wehrmachtselite hat dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen. Sie hat den Krieg gewollt und durchgeführt. Sie trägt die Schuld an den Kriegsverbrechen. Wer in den Offensiven der Wehrmacht kein Verbrechen erkennt, ist ein Faschist. Das Wort „Widerständler“ und damit auch das Denkmal, das viele für Stauffenberg zu errichten suchen, hat dieser jahrelang sinnlos tötende Offizier nie verdient. Vielmehr ein Kriegsgericht.

    Eine Kollektivschuld für die Verbrechen von Tätern und Gehilfen hat es indes nie gegeben, es kann sie gar nicht geben. Jedoch eine kollektive Verantwortung im Umgang mit den Schuldigen und ihrem Erbe. Stauffenberg gehörte die längste Zeit zu eben diesen Schuldigen. Zu keiner Zeit hat er gegen die Ideologie der Nazis Widerstand geleistet, sondern zum Schluss heroisch gegen den eigenen Untergang gekämpft.
  • Chris Nomis (0) Ein spontane Reaktion: Das ist ein wirklich schwacher Artikel! Die Charakterstudie von Stauffenberg ist noch ganz interessant. Aber warum muss die Leistung Stauffenbergs diskreditiert werden, weil Stauffenberg anfangs noch von den Ideen der Nazis angetan war? Wird die Leistung der Weißen Rose auch geschmälert, weil die Scholl Geschwister anfangs gerne bei der HJ waren? Wird Schindlers' Leistung gemindert, weil er noch viel mehr Leute retten können? Was ist das für eine negative Einstellung? Reicht es nicht, dass der Krieg eher beendet wäre und Tausende, wenn nicht Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen? Auch das negative Bild, was nach dem Attentat passiert wäre (nach Evans ein Bürgerkrieg) ist reine Spekulation. Und schließlich: kein Mensch versucht Stauffenberg zum "Superhelden" zu machen. Aber es gut, beruhigend und WICHTIG für das nationale Selbstbewusstsein zu wissen, dass nicht alle Deutschen den Nazis gefolgt sind, dass es auch bei den Deutschen Widerstand gab (nicht genug, ganz offensichtlich). Im übrigen ist der Cruise-Film ausgezeichnet, er stellt sehr gut die Zerrissenheit in der Gruppe um Stauffenberg dar, und die Schwierigkeiten (psychischer Natur, logistisch, auf allen Gebieten!) , die die Gruppe zu überwinden hatte. und nicht zuletzt zeigt sie den Mut, den Stauffenberg und seine Getreuen schließlich zeigten, einen Mut, den leider nicht genug Deutsche hatten.
    Die SZ hat sich mit diesem Artikel wahrlich keinen Gefallen getan, ich bin Besseres gewohnt. Und es zeigt leider auch, wie verkrampft wir auch nach über 60 Jahren mit unserer Vergangenheit umgehen.
  • Jasper Bernstorff (0) Also ich finde viele Aspekte des Textes sehr wichtig. Evans hebt hervor, dass Stauffenberg zu einer Elite gehörte, die die sich im Vorfeld des Krieges den Nazis in keinster Weise in den Weg gestellt hat. Die Masse der Deutschen und auch Stauffenberg, hat keine moralischen Bedenken dabei gehabt die Nazis an die Macht zu heben. Das Attentat verliert von daher an Bedeutung als Beispiel für einen wirklich breiten Wiederstand in der deutschen Gesellschaft, zumal es erst nach Jahren des Grauens einsetzt, da Deutschland den Krieg zu verlieren droht.
  • Gerhard Bronisch (1) Man kann Evans in einigen Punkten zustimmen. Da jedoch seine Ausgangsthese (Verklärung zum Superhelden) falsch ist, entwertet dies
    den Beitrag. Sollte er sich auf die Cruise-Verfilmung beziehen, so hätte er besser vorher Steinbach (SZ vom 23.01.2009) gelesen.
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