
Die führenden Figuren des 20. Juli revidierten mehrfach ihre Ziele und wurden merklich bescheidener, je schlimmer die militärische Situation Deutschlands wurde. Doch noch im Mai 1944 fanden sich darunter Friedensverhandlungen auf der Grundlage der deutschen Grenzen von 1914 inklusive Österreich, dem Sudetenland und Südtirol, die Selbstverwaltung für Elsass-Lothringen und der Erhalt schlagkräftiger Wehrmachtstruppen zur Verteidigung im Osten.
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Diese hochgesteckten Ziele, die Deutschland weiterhin als vorherrschende Macht auf dem Kontinent etabliert hätten, zeigen, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer bis zum Ende deutsche Nationalisten blieben. Diese Ziele, wären sie je durchgesetzt worden, hätten eine schlechte Garantie für Frieden und Zusammenarbeit in Europa abgegeben.
Mit Blick auf die Tatsache, dass die Alliierten auf einer bedingungslosen Kapitulation beharrten, sind die außenpolitischen Ziele der Verschwörung nur extrem unrealistisch zu nennen. Als die Bombe explodierte, hatten die meisten ihrer Anführer diese unappetitliche Wahrheit bereits erkannt. Nach der Invasion in der Normandie zweifelte Stauffenberg, ob die Ermordung Hitlers noch irgendeinen politischen Nutzen habe.
Jetzt war mit Sicherheit jede Hoffnung geschwunden, in Verhandlungen mit den Alliierten eine Einigung zu erreichen und zumindest einen Teil Deutschlands vor dem Ruin zu retten. Doch seine Mitverschwörer überzeugten ihn, dass Pragmatismus ausgedient habe: Es ging nur mehr darum zu zeigen, dass der deutsche Widerstand bereit war zu handeln.
Stauffenberg wusste daher, dass seine Bombe vor allem als moralische Geste bedeutsam war. Als er sie zündete, war sein Ziel, damit die Ehre des deutschen Volkes zu retten. Doch auch diese Absicht schlug fehl. Der Ehrbegriff, auf den die Verschwörung in ihren letzten Phasen baute, war dem nicht unähnlich, der ein Jahr zuvor die Juden des Warschauer Ghettos dazu bewog, sich nicht kampflos dem letzten Vernichtungsschlag der SS zu ergeben.
Ein letztes demonstratives Aufbegehren, das wohl auch vergleichbar ist mit dem der deutschen Marineoffiziere, die Anfang Oktober 1918, als schon alles verloren war, versuchten, die Flotte gegen die Royal Navy in Stellung zu bringen. In gewisser Weise ähnelt Stauffenbergs Entscheidung sogar dem Entschluss Hitlers, Goebbels’ und anderer Parteigrößen der Nationalsozialisten, sich in den letzten Kriegsmonaten für ihre ganz spezielle Version einer deutschen Zukunft selbst zu opfern.
Doch die Führung der Nationalsozialisten opferte natürlich auch Millionen anderer Menschen. Die Verluste unter deutschen Soldaten erreichten in den letzten Kriegsmonaten einen Höhepunkt, ebenso die Zahl deutscher Zivilisten, die bei Bombenangriffen starben. Und der Massenmord an den Juden ging bis zum Ende weiter. Auch wenn Stauffenbergs Bombe Hitler getötet hätte, ist es unwahrscheinlich, dass der Militärputsch, den die Gruppe im Anschluss geplant hatte, die Verschwörer an die Macht gebracht hätte.
Große Teile der Armee, der SS und der NSDAP hätten sich mit Waffengewalt gewehrt; in der Folge wäre Bürgerkrieg wohl das wahrscheinlichste Szenario gewesen. Es besteht allerdings kaum ein Zweifel daran, dass dies den Alliierten massive militärische Vorteile gebracht hätte. Der Krieg wäre schon mehrere Monate früher beendet worden. Millionen Menschen hätten gerettet werden können.Das allein ist schon Rechtfertigung genug für Stauffenbergs Tat. Sein Scheitern war jedoch ein Scheitern auf ganzer Linie.
Der Krieg ging weiter: Weitere Millionen Menschen starben. Anti-Demokrat, Elitist und Nationalist, der er war, hatte Stauffenberg der Politik künftiger Generationen nichts zu geben, weniger noch der Politik von heute. Der verzweifelte Heroismus Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer konnte auch nicht das Ansehen Deutschlands retten. Der Verschwörerkreis umfasste nur eine winzige Minderheit des deutschen Volkes. Die große Mehrheit kämpfte weiter bis zum Ende.
Die meisten waren über die Nachricht des Attentats entsetzt – und erleichtert, dass Hitler überlebt hatte. Als moralische Geste war Stauffenbergs Bombe ohnehin völlig unzureichend, um die Verbrechen auszugleichen, die im Namen Deutschlands und mit der überwältigenden Unterstützung, der Duldung oder dem schweigenden Einverständnis des deutschen Volkes begangen wurden.
Lange vor Stauffenbergs Attentatsversuch, am 16. Juni 1943, schrieb der Offizier Wilm Hosenfeld, ein Katholik und ehemaliger Dorfschullehrer: »Mit diesem entsetzlichen Judenmord haben wir den Krieg verloren. Eine untilgbare Schande, einen unauslöschlichen Fluch haben wir auf uns gebracht. Wir verdienen keine Gnade, wir sind alle mitschuldig.«
Richard J. Evans, geboren 1947 in London, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Cambridge mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus und Autor von »Das Dritte Reich, I: Aufstieg« (DVA, 2004), »II: Diktatur« (DVA 2006). Der dritte Band »III: Krieg« erscheint im Oktober 2009.
Aus dem Englischen von Stephan Klapdor
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12 Uhr 46
?Zwar trat er bei aller Begeisterung nie in die Partei ein??
Richtig ist vielmehr: Bis zum 24. September 1944 konnte kein Soldat Mitglied der NSDAP werden. (Bei Parteimitgliedern, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, ruhte die Mitgliedschaft während der Wehrmachtszugehörigkeit.) Danach (unter dem Eindruck des 20. Juli 1944) konnte jeder Soldat der Wehrmacht Parteimitglied werden.
13 Uhr 55
Einen besonderen Umstand spricht der Autor in seinem Artikel ja auch an: seine Distanz zum demokratischen System. Mit dieser Distanz stand er aber keineswegs allein. Die europäischen Demokratien der Zwischenkriegszeit waren ja gerade keine Beispiele für die erfolgreiche Konfliktbereinigung, sondern führten mit Ausnahmen in jene Auseinandersetzungen und Krisen, welche die Diktaturen erst ermöglichten. Würde man einem verdienten kommunistischen Widerstandskämpfer mangelnde demokratische Gesinnung in diesem Zusammenhang vorwerfen?
22 Uhr 01
13 Uhr 38
11 Uhr 14
Weil man in der Zeit der Wiederbewaffnung in den 50-er Jahren irgendjemanden brauchte an den die junge Bundeswehr als Tradition anknüpfen konnte, da wurden die Seiten, auf die Evans zu Recht mal wieder hinweist, hintangestellt. Sicher wurde der kommunistische Widerstand in der DDR überproportioniert dargestellt, aber immer noch fehlt heute eine grandiose Würdigung anderer Größen des Widerstands derjenigen, die schon vor der absehbaren Niederlage ihr Leben riskierten, wie des "einfachen Schreiners" GEORG ELSER dn Hitler noch im Jahre 45 in Dachau erschiessen ließ. Liebe sz, aber bitte nicht als Popikone.
16 Uhr 54
14 Uhr 05
Die Wehrmachtselite hat dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen. Sie hat den Krieg gewollt und durchgeführt. Sie trägt die Schuld an den Kriegsverbrechen. Wer in den Offensiven der Wehrmacht kein Verbrechen erkennt, ist ein Faschist. Das Wort „Widerständler“ und damit auch das Denkmal, das viele für Stauffenberg zu errichten suchen, hat dieser jahrelang sinnlos tötende Offizier nie verdient. Vielmehr ein Kriegsgericht.
Eine Kollektivschuld für die Verbrechen von Tätern und Gehilfen hat es indes nie gegeben, es kann sie gar nicht geben. Jedoch eine kollektive Verantwortung im Umgang mit den Schuldigen und ihrem Erbe. Stauffenberg gehörte die längste Zeit zu eben diesen Schuldigen. Zu keiner Zeit hat er gegen die Ideologie der Nazis Widerstand geleistet, sondern zum Schluss heroisch gegen den eigenen Untergang gekämpft.
01 Uhr 53
Die SZ hat sich mit diesem Artikel wahrlich keinen Gefallen getan, ich bin Besseres gewohnt. Und es zeigt leider auch, wie verkrampft wir auch nach über 60 Jahren mit unserer Vergangenheit umgehen.
00 Uhr 31
16 Uhr 28
den Beitrag. Sollte er sich auf die Cruise-Verfilmung beziehen, so hätte er besser vorher Steinbach (SZ vom 23.01.2009) gelesen.