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aus Heft 05/2009 Gesellschaft/Leben 5 Kommentare

Was geschah mit Petra S.?

Sie wurde zur schönsten Frau der Welt gekürt, war berühmte Moderatorin, der Liebling der Münchner Gesellschaft. Dann zerstörte ein einziger tragischer Moment ihr Leben - und Petra Schürmann verstummte für immer.

Von Alexandros Stefanidis 




Ein nasses Laubblatt, das der Novemberwind über den Friedhof peitscht, hat sich um die Radspeiche geschlungen; die Reifen des Rollstuhls sinken in den Boden und ziehen zwei Geraden zu einem Grab. Hier liegen Alexandra Maria Freund und ihr Vater Gerhard. Die Frau im Rollstuhl trägt ein dunkles Kopftuch und eine schwarze Sonnenbrille. Ihr Gesicht wirkt knochig, ihre Haut blass, ihr Lippenstift glänzt lila. Würde die Pflegerin nicht den Rollstuhl vor dem Grab zum Stehen bringen, wäre es nur eine Vermutung, dies sei Petra Schürmann, die ehemalige Fernsehmoderatorin, die 1956 als bisher einzige Frau Deutschlands zur schönsten der Welt gekürt wurde.
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Petra Schürmann kann seit zwei Jahren nicht mehr sprechen, ein Arzt diagnostizierte kurz nach dem Tod ihrer Tochter vor sieben Jahren eine psychoreaktive Sprechstörung aufgrund ihrer Trauer. Seit etwa einem Jahr sitzt sie im Rollstuhl, weil es ihr schwerfällt, sich zu bewegen. Das letzte Interview, das Petra Schürmann der Zeitschrift Bunte gab, führte sie über SMS. Das war im April 2006. Zwei Reporterinnen trugen ihr Fragen vor, und sie tippte die Antworten in ihr Handy. »Es geht mir nicht besonders gut, aber ich habe keine Magersucht, kein Parkinson und auch kein Alzheimer«, ließ sie wissen. Doch auch die Kommunikation über SMS ist heute nicht mehr möglich. Ein Pflegeteam betreut sie 24 Stunden am Tag.

Wer heute etwas über Petra Schürmann erfahren möchte, kann sich nicht an sie persönlich wenden. Aber Petra Schürmann sind ein paar Freunde geblieben, die sich um sie kümmern. »Vor einigen Jahren wurde eine Pflegerin entlassen, weil sie Petra schon nachmittags ins Bett gesteckt hatte, um Ruhe zu haben«, sagt eine Freundin der Schürmann-Familie, die ungenannt bleiben möchte. Sie war empört und »zutiefst angewidert«, als sie Petra Schürmann hilflos im Bett vorfand. Mehr will sie nicht sagen, deutet aber an, dass es nicht allein die Trauer um ihre Tochter Alexandra war, die Petra Schürmann pflegebedürftig werden ließ. Konkreter wird sie nicht. Gerüchte besagen, sie litt schon vor dem Tod ihrer Tochter an einer Krankheit. Und über die Jahre habe sich diese Krankheit verschlimmert.

Alexandra Schürmann-Freund starb am 21. Juni 2001 durch einen Geisterfahrer auf der A8 zwischen München und Salzburg. Gerhard Freund, Alexandras Vater, Petra Schürmanns Mann, am 9. August 2008 an Krebs. Nach dem Tod der Tochter schrieben die Zeitungen, Petra Schürmann sei magersüchtig, weil sie angeblich stark abgenommen hatte. Ihr wurde Alkohol- und Tablettensucht unterstellt. Dann war die Rede von einem Schlaganfall, von Parkinson und von Alzheimer. Alle diese Gerüchte dementierte Petra Schürmann per SMS.

Ein paar Tage nach Allerheiligen 2008 besucht Petra Schürmann den Friedhof in Aufkirchen nahe Starnberg. Man kann beobachten, wie sie von einer Pflegerin im Rollstuhl durch den Hintereingang des Friedhofs zum Familiengrab geschoben wird. Der Blick vom Friedhofshügel reicht über den Starnberger See bis hin zu »Petra Polis«, dem Schürmann-Anwesen in Starnberg. Petra Polis hat sie es einst getauft, »Petras Stadt«, »Petras Gemeinde«. Zu Petras Gemeinde gehörten Kollegen vom Bayerischen Rundfunk, Freunde und Bekannte aus der Starnberger und Münchner Gesellschaft, aber vor allem ihre kleine Familie: Alexandra, die Tochter, und Gerhard, der Ehemann. Diese Familie war der Kern der Petra Polis, sie war die Königin dieses Reichs, das in den vergangenen Jahren zuerst die Prinzessin verlor und dann den König.

Petra Schürmann ist 21 Jahre alt, als sie 1956 in London zur »Miss World« gewählt wird. Ihre Eltern, gebürtige Rheinländer, streng katholisch, halten eine »Miss« anfangs für so etwas Ähnliches wie eine Stripperin oder eine Hure. Als Familie Schürmann nach der Wahl zur Miss World zusammen in die Kirche geht, schimpft der Priester von der Kanzel herab: »Man stellt seinen christlichen Leib nicht zur Schau! Im Übrigen – nur die Mutter Gottes, Maria, war schön.«

Die Fünfzigerjahre in der alten Bundesrepublik sind kein Paradies für Freigeister. Petra Schürmann studiert damals am Philosophischen Seminar der Universität Bonn. Frauen sieht man auf den Treppen und Fluren des Seminars selten – und wenn, handelt es sich meist um Sekretärinnen. Den Muff der alten Bundesrepublik bekommt Schürmann auch von ihren Kommilitonen zu spüren: Wer sich im Badeanzug auf dem Laufsteg zeigt, hat an der Uni nichts verloren, rufen sie ihr hinterher.

Schürmann zieht nach München, schläft wochenlang auf dem Röntgenstuhl in der Zahnarztpraxis ihres Onkels, weil sie keine Wohnung findet. Kommilitonen beschreiben sie als »fröhlich, aber auch sehr ehrgeizig und diszipliniert«. Nach dem Studium und einer begonnenen, aber nie beendeten Dissertation über den »Begriff der Wahrhaftigkeit bei Nietzsche«, kommt 1967 ihre Tochter Alexandra Maria zur Welt, Gerhard Freund, der Vater, ist damals noch mit der Schauspielerin Marianne Koch verheiratet.

Schürmann zieht das Kind zunächst allein groß, hält den Vater ihres Kindes geheim. Wieder muss sie im tiefkatholischen Oberbayern Häme und Spott ertragen: Unverheiratet ein Kind in die Welt zu setzen und den Vater zu verheimlichen ist damals etwa so selten wie eine deutsche Miss World. Sie fürchtet auch um ihren Job als Ansagerin beim Bayerischen Rundfunk. Nachbarn und Kollegen tuscheln hinter ihrem Rücken. Aber diesmal hat sie eine Verbündete, ihre Tochter. In dieser Zeit wächst vermutlich auch die spätere Fixierung der beiden aufeinander. »Petra hat ihre Tochter nie aus den Augen gelassen«, sagt die Freundin. »Als Alexandra älter wurde, waren die beiden wie ein seelenverwandtes Paar.«

Nach der Scheidung von Marianne Koch heirateten Gerhard Freund und Petra Schürmann im Jahr 1973. Schürmann schafft beim Bayerischen Rundfunk bald den Sprung von der Ansagerin zur Moderatorin. Populär wird sie Anfang der Achtzigerjahre mit dem WDR-Nachmittagsprogramm MM Montags-Markt, sie moderiert Das Verkehrsgericht tagt und ab 1985 vor allem Unterhaltungsshows und Galas. Mehr als 600 Sendungen mit Petra Schürmann finden sich in den Archiven von ARD und ZDF.

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Kommentare

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  • Ida Sons (0) Sehr schön, ich schlieβe mich meinem Vorgänger an, denn es handelt sich hier um einen fundierten Bericht, der meines Erachtens nichts mit dem Stil der Boulevardmagazine gemeinsam hat. Außerdem wird hier auf behutsame Weise mit einem Thema umgegangen, das eben gerade interessant ist, weil es einen Wiedererkennungswert besitzt und doch so weit weg zu sein scheint, wenn es sich um Persönlichkeiten wie Frau Schürmann handelt. Mich hat der Artikel dahingehend inspiriert mich mit dem Thema des 'Stimmverlustes' auf verschiedene Art und Weise auseinanderzusetzen was wiederum die Besonderheit von Petra Schürmanns Fall kennzeichnet.
  • Stefan Maurer (0) Ich habe den Text eben auch mal gelesen - und finde ihnsehr gut. Als Abonnent der SZ frage ich mich: Seit wann ist denn die Berichterstattung über gesellschaftlich relevante Themen/Menschen nur Sache von Bunte/Gala etc.? Der Autor geht meines Erachtens sehr behutsam mit dem Schicksal von Frau Schürmann um. Also: Über was regen Sie sich eigentlich auf? Interessanterweise haben Sie, meine Damen, alle den Text ja gelesen. Das sagt schon mal einiges. Und woher wissen Sie eigentlich so genau, was in Bunte/Gala/Brigitte steht? Kurz: Als Leser einer Tageszeitung will ich "umfassend" informiert UND unterhalten werden. Basta.
    Für bildungsbürgerliche Frömmeleien gibtes bestimmt irgendeinen Blog, dem Sie sich geschlossen anschließen können.
  • Marie Nienhaus (1) Gehts noch? Lese ich die Süddeutsche oder "Frau mit Herz im Spiegel"?
  • Agnes Schüllner (0) Ich kann mich meiner "Vorschreiberin" nur anschließen. Bei jedem Todesfall bleiben Menschen zurück die mit ihrem Schicksal dann klarkommen müssen. Ich weiß dass aus Erfahrung.
  • Bettina Kromen (1) Herzlichen Glückwunsch! Dieser Text qualifiziert den Autor dazu, umgehend bei BunteGalaBrigitte Chefredakteur zu werden- den Stil beherrscht er schon trefflich. In der SZ hat ein solcher Artikel meines Erachtens nichts verloren.