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aus Heft 05/2009 Außenpolitik

Der Geisterkrieg

Jürgen Todenhöfer 

Der Westen versucht, den internationalen Terrorismus in Afghanistan zu bekämpfen. Aber gegen die Attentäter der nächsten Generation helfen keine Bomben - denn sie sind längst unter uns.

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Kabul
Sie können uns Rebellen nennen und sagen, wir verdienten keine bessere Behandlung. Aber denken Sie daran, dass wir auch als Rebellen Gefühle haben und dass wir an denen Vergeltung üben werden, die wir als ungerechte Invasoren unserer Rechte und Freiheiten betrachten
. (George Washington in einem Brief an den britischen General Lord Howe während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges)

»Terrorismus« ist das am meisten missbrauchte Wort der neueren Geschichte – vor allem, seit George W. Bush nach dem 11. September 2001 begann, all seinen Gegnern im Mittleren Osten das Terroris-musetikett aufzukleben. Wer aber ist unser wirklicher Feind? Der nationale Terrorismus muslimischer Volksaufstände gegen die westliche Besatzung in Afghanistan und im Irak? Der internationale Wanderterrorismus, der seit der Vertreibung der Sowjets aus Afghanistan auf der Suche nach weiteren »heiligen Kriegen« durch die muslimische Welt vagabundiert? Oder der islamisch maskierte Diaspora-Terrorismus, der den Westen in seinen eigenen Städten angreift?
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Nach der sowjetischen und der amerikanischen Invasion habe ich Afghanistan und Pakistan immer wieder bereist. Im vergangenen August war ich in Kabul und in den Stammesgebieten der Paschtunen, des stolzen, kriegerischen Volkes diesseits und jenseits der afghanisch-pakistanischen Grenze. Hier versteckt sich angeblich noch immer Bin Laden. Meine Gesprächspartner waren der afghanische Präsident, Ex-Talibanchefs, Geheimdienstler sowie einfache Bürger. Was ich erlebt habe, hat wenig mit dem zu tun, was unsere Politiker nach Truppenbesuchen aus Afghanistan berichten. Es lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:

1. Der Westen hat sich aus der Rolle des Befreiers in die Rolle des Besatzers gebombt.
2. Afghanistan spielt im globalen, antiwestlichen Terrorismus keine Rolle mehr.

Die Taliban und all die Widerstandstruppen, die der Westen »Taliban« nennt, sind Teil eines Volksaufstands gegen die Brutalität der Besatzer. Drei Beispiele: Im Juli 2008 starben bei US-Luftangriffen auf eine Hochzeitsfeier 47 Zivilisten, im August bei der Bombardierung einer Trauerfeier mehr als 90 und im November bei Angriffen auf eine Hochzeit 43 Menschen. Jeder Afghane hat unzählige solcher Tragödien im Fernsehen gesehen. Was wäre, wenn derartige Massaker bei uns stattfänden? Ist es wirklich erstaunlich, dass die einst verjagten Taliban in Afghanistan wieder Zulauf bekommen?

Die bis zu 30000 Neo-Taliban haben zwei Ziele: den Sturz der prowestlichen Regierung in Kabul und die Vertreibung der Besatzer. Anschläge auf westliche Städte interessieren sie nicht. Das Gleiche gilt für die einigen hundert mit ihnen verbündeten islamistischen Wanderguerillas, jene internationalen Brigaden, die sich Al-Qaida nennen, obwohl sie keinen einzigen wirklichen Al-Qaida-Führer kennen. Auch für sie liegen unsere Städte weit außerhalb ihres Horizonts.

Die echte Führung von Al-Qaida jedoch – jene von Bin Laden geführte internationale Terrorgruppe der ersten Stunde, die erst gegen die Sowjets kämpfte und dann zum Angriff auf westliche Städte aufrief – ist seit Jahren auf der Flucht, gefangen oder tot. Sie ist operativ weitgehend ausgeschaltet – selbst Michael Hayden, Chef des US-Geheimdienstes CIA unter Präsident George W. Bush, hat das inzwischen eingeräumt. Zwar verbreitet sie weiter antiwestliche Hasstiraden, aber sie hat keinen Kontakt mehr zu den Akteuren des neuen Terrorismus im Westen. Ihr Hauptziel hat sie erreicht: Ihre Ideologie ist weltweit verbreitet, der Terrorismus ist globalisiert, er braucht keine Zentrale mehr.

Die zahllosen Anschläge nach dem 11. September 2001 konnten die alten Wölfe von Al-Qaida nicht mehr selbst steuern. Ihre Kommunikationsstränge und Finanzströme sind unterbrochen. Auch ihre großen Terrortrainingscamps, deren Besuch die deutsche Regierung gerade gesetzlich verhindern will, sind seit der US-Invasion zerstört. George W. Bush und der englische Geheimdienst MI5 haben dies mehrfach verkündet. Afghanistan ist nicht mehr operatives Zentrum des globalen Terrors.

Mehr Truppen, mehr Terror

Was also bezweckt der Westen mit Truppenverstärkungen in Afghanistan? Selbst Präsident Hamid Karzai hat sich gegen sie ausgesprochen. Er argumentiert: Mehr Nato-Soldaten bedeuten mehr Krieg, mehr zivile Opfer, mehr Taliban. In seiner Glückwunsch-Adresse an Barack Obama forderte Karzai geradezu leidenschaftlich: »Der Kampf gegen den Terrorismus kann nicht in Afghanistan ausgetragen werden.«

Truppenverstärkungen liegen auch nicht im westlichen Interesse. Selbst wenn die USA ihr gesamtes Bombenarsenal auf den Hindukusch werfen und alle Taliban und Al-Qaida-Wanderguerillas töten würden, wäre der Terrorismus, der unsere Städte bedroht, nicht besiegt. Im Gegenteil: Er würde noch mehr Zulauf bekommen. Wer hat Verteidigungsminister Jung den unsinnigen Satz eingeflüstert: »Entweder wir bekämpfen den Terrorismus in Afghanistan, oder der Terrorismus kommt zu uns«? Und wer den noch schlimmeren Satz, die Bundeswehr kämpfe am Hindukusch »im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott«? Deutsche Gotteskrieger, das hat uns gerade noch gefehlt!

Die Kriege in Afghanistan und im Irak sind längst zum Terror-Zuchtprogramm verkommen. Mit jedem muslimischen Zivilisten, der durch westliche Waffen stirbt, wächst der weltweite Terrorismus. Innenminister Schäuble muss in Deutschland Terroristen bekämpfen, die Verteidigungsminister Jung in Afghanistan mit heranzüchtet. Warum steht kein Regierungsmitglied auf und sagt: »Es reicht, sieben Jahre Irrsinn sind genug«? Warum gibt niemand zu, dass man nur nicht weiß, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt?
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