Und Berlusconi war eben einer von ihnen, das nahmen die Wähler hin und ließen sich auch von einem nächsten Berlusconi-Skandal im Vorfeld der Wahlen 2008 nicht weiter stören: Ende 2007 wurde Berlusconi von der Staatsanwaltschaft in Neapel beschuldigt, Agostino Saccà bestochen zu haben, einen Beamten und Chef der Filmabteilung des italienischen Staatssenders RAI.
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In Abhörprotokollen, die vom Nachrichtenmagazin L’Espresso ins Internet gestellt wurden, konnte man Berlusconi dabei zuhören, wie er den Staatssender zu einer Art »Besetzungscouch« umfunktionierte. So bat er Saccà, Rollen für hübsche junge Schauspielerinnen zu organisieren, die Berlusconi in einem der Protokolle als le fanciulle mie (meine Mädels) bezeichnete. In manchen Fällen diente dies nur zur »Aufheiterung des Chefs« (also Berlusconi), in einem speziellen Fall erklärte Berlusconi Saccà, dass er ein Rollenangebot für eine Schauspielerin brauche, die mit einem Senator der Prodi-Regierung verbandelt sei. Er wolle, wie er sagte, dem Senator Anreize liefern, das Lager zu wechseln und den Sturz der Regierung Prodi zu forcieren.
Doch während die italienische Öffentlichkeit die schweren Straftaten, die Berlusconi in diesem Fall zur Last gelegt wurden – immerhin Beamtenbestechung zum Zwecke eines Regierungssturzes – fast teilnahmslos aufnahm, entstand urplötzlich eine enorme Aufregung über einen möglichen Sexskandal, als Gerüchte um weitere Abhörprotokolle zu kursieren begannen, die Berlusconi und gleich drei ungewöhnlich attraktive Frauen in seinem Kabinett betrafen.
Je nach politischem Lager klangen die Gerüchte anders: Berlusconis Gegner favorisierten das Bild eines siebzigjährigen Tattergreises mit einem Hang zu Penispumpen und Viagra; seine Anhänger feierten ihn als unermüdlichen Don Juan, der in der Lage ist, zwei oder drei Frauen gleichzeitig zu befriedigen.
In diesen Gerüchten spielte auch die Ministerin für Gleichstellungsfragen eine wichtige Rolle: Mara Carfagna, eine 33-jährige ehemalige Kandidatin bei der Wahl zur Miss Italia, die als Co-Moderatorin Karriere in Berlusconis Sendergruppe gemacht hatte und lange Zeit vor allem in ultraknappen Röckchen und tief ausgeschnittenen Blusen zu sehen war. Die italienische Komikerin Sabina Guzzanti merkte bei einer großen Protestveranstaltung im Juli in Rom zum Thema Carfagna an: »Man kann doch niemanden zur Ministerin für Gleichstellungsfragen ernennen, nur weil sie einem den Schwanz gelutscht hat!« Die Ministerin streitet jedwede persönliche Beziehung zu Berlusconi ab und hat Guzzanti wegen Rufmordes angezeigt.
Zu Berlusconi quasi-monarchischem Verständnis passt es, dass er 2006 ein neues Wahlrecht verabschiedet hat, das den Parteivorsitzenden nahezu uneingeschränkte Macht bei der Auswahl der Parlamentskandidaten einräumt. Früher konnten die Wähler sich für einzelne Kandidaten entscheiden, unter der neuen Regelung können die Wähler nur noch für eine Partei stimmen, und die Parteichefs stellen die Wahllisten auf. Das hat zur Folge, dass Berlusconi nach Belieben Leute ins Parlament beruft, die entweder persönliche Freunde, Angestellte oder wenigstens hübsch anzusehen sind. So hat Berlusconi eine ganze Reihe ehemaliger Starlets, die in seinem TV-Imperium zu Ruhm gekommen sind, im Parlament wie auch in seinem Kabinett etabliert. Und ist sogar noch stolz darauf: »Ich bin wie die gute Fee: Sie waren Mäuschen und ich verwandelte sie in Parlamentarier.«
Der ernste Hintergrund von Berlusconis Art der Parlamentsbesetzung ist, dass Berlusconi gerade versucht, die Rolle des italienischen Parlaments auf eine weitestgehend zeremonielle Funktion zu reduzieren. Jüngst beantragte er, dass sich nur die Vorsitzenden der jeweiligen Parteien die Mühe machen sollten, im Parlament abzustimmen. Damit wäre der politische Wert der 500 anderen Abgeordneten nur noch rein rituell zu verstehen. »Wir bewegen uns auf eine Art südamerikanisches Modell der Demokratie zu«, meint dazu Bruno Tabacci, ein ehemaliger Christdemokrat.
Und wie das dann aussehen könnte, lässt sich schon jetzt besichtigen: Zu Beginn der Legislaturperiode 2008 hielt ein Fotograf mit seinem Teleobjektiv eine auf ein Stück Papier gekritzelte Botschaft von Berlusconi fest, gerichtet an zwei hübsche, junge, weibliche Abgeordnete, Gabriella Giammanco und Nunzia de Girolamo:
»Gabri, Nunzia, ihr gebt ein tolles Paar ab! Danke, dass ihr hierbleibt, aber das ist gar nicht nötig. Solltet ihr eine Einladung zu einem romantischen Mittagessen haben, gestatte ich euch gern, euch zu entfernen! Seid beide oftmals geküsst!! ›Euer‹ Präsident.«
Der Fotograf fing auch noch den Anfang der Zettel-Replik ein:
»Lieber Präsident, romantische Einladungen nehmen wir nur von Ihnen an…«
Dass nichts davon der italienischen Öffentlichkeit Kopfschmerzen bereitet, sagt einiges über das Politikverständnis der Italiener, über Berlusconis Medienmacht, aber ebenso über die zersplitterte und nahezu aufgelöste Mitte-Links-Opposition, mit der es Berlusconi zu tun hat. Auch aufgrund einer fehlenden Alternative räumt eine Mehrheit des italienischen Volkes dem als stark und zielstrebig empfundenen Berlusconi nur allzu gern eine außerordentliche Machtfülle ein, die dieser – sein Macher-Image wiederum befördernd – ebenso gern nutzt:
So strich er 2008 umgehend die Vermögenssteuern, die auf den Hauptwohnsitz in Italien gezahlt werden, und obwohl diese Einkünfte nun durch andere Steuern wieder wettgemacht werden müssen, war der Schritt höchst populär. Durch rasches Hinzuziehen der Armee beseitigte er außerdem den Abfall auf den Straßen Neapels und behauptete im Anschluss, die Stadt in nur 58 Tagen wieder der westlichen Welt zugänglich gemacht zu haben. Damit hatte er die Italiener auf seiner Seite.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie schlecht es wirklich um die italienische Wirtschaft bestellt ist.)
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09 Uhr 23
10 Uhr 53
Vielleicht noch einen anderen Gedanken: Viele Italiener nehmen bereits jetzt wahr, dass einige junge EU Staaten quasi am Aufholen sind, wenn es um Lebensstandart, Jobaussichten und Perspektiven geht. Das wird noch zunehmen und sicherlich böse aufstoßen. Es ist ein langsames Aufholen, das gepaart mit dem Selbstbewusstsein und der Energie der Neuen aber schon heute spürbar ist. Viele Polen, Tschechen, Rumänen können sich schon heute einen Urlaub in Italien leisten.
Ich würde mich sehr über einen ähnlichen Artikel zu Groß Britannien freuen. (Habe 4 Jahre in Italien und 1 Jahr in UK gelebt.)
11 Uhr 35
es mag alles zutreffen, was Sie da über Herrn Berlusconi zu berichten wissen. Nur, wenn der Fussballverein dieses Herrn gegen
jenes Aushängeschild des deutschen Fussballs spielt, das geradezu ein Ausbund an Seriosität, Rechtschaffenheit und Solidität sein will - dann setzt es für den FC Ruhmreich seit Jahren regelmäßig Niederlagen.
Offensichtlich ist es zumindest im Sport wohl doch nicht so, wie es der Verfasser des Artikels glauben machen will. Ach ja, einen Tost hat man hierzulande: Man hat die schöneren Stadien, ist doch auch etwas.....
15 Uhr 18
Beschreiben Sie nicht in Wirklichkeit Deutschland? –
Oder möchten Sie mit Ihrem Bericht darstellen, wie toll es hier in Deutschland ist? –
Jetzt, wo George W. Bush nicht mehr da ist, nimmt sich die „Feine“ Presse Berlusconi vor. Der Präsident der Italienischen Republik, ist frei gewählt worden! –
Hat ein Gericht Berlusconi oder Prodi für schuldig erklärt?
Ihre Berichterstattung ist „abfällig“ und aus dem Bauch heraus! –
Populistische Berichterstattung.
Warum berichten Sie nicht über die Korruption in D und wie diese verschleiert wird!
Warum gibt es immer reiche Menschen in D?
Zur Wiederwahl Berlusconis hat Herr Prodi alles beigesteuert! –
Zu den Politiker Honoraren: In Italien sind diese öffentlich!
Und in Deutschland?
Honorare + Aufwandsentschädigen + Reisekosten: Streng Geheim! –
Was ist das für eine Transparenz? –
Zu den Politikerkasten: Wie ist es denn Deutschland?
Zu Ausländern: Zu den Berufsaussichten für Ausländische Akademiker:
Deutschland ist Schlusslicht aller OECD-Länder.
Warum sagt man Deutschland: Beziehungen sind das halbe Leben! –
Es ist schade, dass die SZ solche einen populistischen Bericht veröffentlicht! –
Alle mir Bekannten Italiener - egal welcher Parteiausrichtung – empfinden es als Verleumdung und üblere Nachrede.
Läuft das Unternehmen der SZ so schlecht, dass man Bericht unter der Gürtellinie veröffentlichen muss?
Gerardo Señoráns Barcala
Politologe - Economist - Freelance Journalist
15 Uhr 16
Wollte Gott, Berlusconi wäre das größte Problem Italiens! Es wäre genug, ihn nicht mehr zu wählen. Aber die Mehrheit von uns hat ihn dreimal gewählt. Warum? Es gibt zwei Möglichkeiten: die meisten Italiener sind dumm oder Berlusconi war/ist der am wenigsten Schlimme. Schlussfolgerung: die Italiener sind das größte Problem Italiens!
11 Uhr 28
09 Uhr 24
Aber wenn sie nachfragen, niemand hat ihn jemals gewählt.
Anderseits kann auch nicht die Deutschen verstehen, die Italien als das Land der Lebensfreude sehen, Oberflächlichkeit nenne ich das Lebensgefühl in Italien.
Aber was will man auch verlangen von Menschen die nach dem Mittagessen ihren „Cappuccino“ trinken, auf jedem Fall können sie die Lebensumstände in Italien nicht beurteilen.
Ich werde in absehbarer Zeit wieder zurück nach „Europa“ ziehen, Südamerika hat mir nie gefallen!
00 Uhr 03
Als Bananenrepublik erwarte ich etwas mehr Zurückhaltung von den Cisalpinen!
Wie wäre es, einige Hundertschaften deutscher Beamter und Politiker (machen dort ja immer Urlaub) nach Italien zu schicken, damit die Colleghi am deutschen Wesen endlich genesen.
Warum haben eigentlich die Italiener in ihrem Chaos mehr Spaß am Leben als wir griesgrämigen Deutschen in unserem tollen Land? Das soll die vorhandenen Probleme nicht verharmlosen aber die Penetranz mit der deutsche Medien (und vor allem die Süddeutsche) auf Italien rumhackt ist mir unverständlich.
Wahrscheinlich alles frustrierte Fussballfans...
21 Uhr 11
Übrigens, die Kosten für das Opera Haus in Hamburg kamen auch etwas teuerer als geplant, Steuer Hinterziehung war immer der Lieblingszeitvertreib der Menschen, einschließich in Deutschland. Die Finanzkrise hat der seriöse Deutsche Finanzminister als lokales (also damals amerikanisch) Ereignis geschilderd, und das ohne die Milderung einer nacht in der Diskotek.
Haben Sie in The Economist gelesen (oder von der FAZ), was nach 100 Tage Berlusconi Regierung geschrieben wurde?
Ihr Leser
13 Uhr 34