Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 13/2009 Gesellschaft/Leben

"Er hat sehr viel gelächelt"

Christine Dohler (Interview)  Foto: Peter Rigaud

1936 braucht eine junge Frau einen Psychiater und trifft auf einen sehr alten, klugen Mann. 73 Jahre später erzählt Margarethe Lutz von ihrer Therapie bei Sigmund Freud. Ein Gespräch mit der letzten lebenden Patientin des Psychoanalytikers.

Anzeige
Frau Lutz, Sie strahlen mit 91 Jahren so eine Lebensfreude aus. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie bei Sigmund Freud in Behandlung waren?

Margarethe Lutz: Eigentlich ja. Dank der Begegnung mit Freud habe ich ein selbstbestimmtes Leben geführt. Ich habe aus allen miserablen Situationen in meinem Leben immer ein Stückchen Glück herausgefischt. Ich verstand erst später, dass einem auch Unglück Positives bringen kann.

Sie waren 1936 Freuds Patientin. Wie war es für Sie, auf Freuds berühmtem Sofa zu liegen?
Ich habe nie auf dem Sofa gelegen. Ich war so ein einfacher Fall, gar nicht zu vergleichen mit anderen Patienten. Ich war für Freud ja völlig uninteressant.

Hat Freud Ihnen dennoch zugehört, obwohl Sie für ihn keine Herausforderung waren?

Ja. Er war väterlich, freundlich, verständnisvoll. Ein Freund. Wir haben uns immerzu in die Augen geschaut, und er hat sehr viel gelächelt. Ich habe einfach drauflosgeredet. Das hat ihn erheitert.
Anzeige
Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie im Alter von 18 Jahren bei Freud in Behandlung waren?
Wissen Sie, ich war ein einsames Kind, ein Einzelkind. Meine Mutter war bei der Geburt gestorben. Mein Vater wusste nicht, wie er mit mir umgehen sollte. Wenn ich schrie, schob er mich unter das Bett. Später heiratete er erneut. Aber meine Stiefmutter sprach nie mit mir. Mein Vater hat viel in seiner Fabrik gearbeitet, die Bestandteile für Jagdpatronen hergestellt hat. Davon haben wir ganz gut gelebt. Wir hatten eine Villa.

Wer hat Sie erzogen?
Meine Großmutter. Sie trug noch Röcke aus der Zeit um 1880, und ihre Erziehungsmethoden stammten auch von damals. Ich durfte niemanden besuchen oder empfangen. Ich lebte isoliert und wurde immer von jemandem in die Oper, ins Burgtheater und zum Zahnarzt begleitet. Meine Familie hatte schreckliche Angst, dass ich verführt werde. Ich wusste gar nicht, wie man verführt oder verführt wird. Was ich wollte, hat keinen interessiert. Manchmal bin ich in der Nacht aufgestanden und habe im Vorzimmer bei meinem Hund geschlafen, weil er Wärme gab und zuhörte. Ich war schrecklich liebesbedürftig.

Sie haben nie aufbegehrt?
Wissen Sie, was ein Hascherl ist? Ich war vollkommen verschüchtert, ein unglückseliger Wurm. Aber einmal hat die Eitelkeit gesiegt. Die anderen Mädchen in der Schule trugen kurze Kleider, ich einen langen Rock, unter dem ein selbst gestrickter, roter Unterrock hervorschaute. Die anderen Kinder haben mich deshalb geneckt. Da habe ich den Unterrock ausgezogen und an die Klotür in der Schule gehängt. Die Großmutter hat ihn vom Schuldirektor ausgehändigt bekommen. Danach hat sie ihn mir nicht mehr aufgezwungen. Das war für mich eine ungeheure Revolution, aber eben nur gegen meine Großmutter, nicht gegen meinen Vater.
Mit vier Jahren war Margarethe Lutz noch ein trauriges Kind.
Wie haben Sie Ihre freie Zeit verbracht?
Ich habe mich in meine Tagträume geflüchtet und heimlich gelesen. Den Bücherschrank haben sie mir nämlich zugesperrt. Aber der Schlüssel für die Uhr öffnete auch den Bücherkasten. Wenn ich meine Aufgaben gemacht hatte, habe ich Tristan und Isolde aus dem Bücherkasten geholt – das habe ich so besonders gut gefunden – und alle Rollen allein nachgespielt. Einmal war ich gerade sehr vertieft und habe aus dem Fenster geschaut. Unten haben mich die Leute gesehen. Ich habe einen Schleier angehabt und meinen Text gesprochen. Weil die Leute zu mir raufgeschaut haben, habe ich mir gedacht: Das ist das Volk. Passte tadellos. Also habe ich gegrüßt.

Wie haben die Leute reagiert?
Sie haben zu meinem Vater gesagt: Leider haben Sie nur eine Tochter, und die ist dann auch noch verrückt! Da ging er mit mir zum Hausarzt. Der meinte: Ihrer Tochter fehlt nichts Körperliches, es ist die Seele. Mein Vater war ein Geschäftsmann. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand wegen der Seele krank wird. Der Hausarzt hat uns die Adresse gegeben von einem gewissen Dr. Sigmund Freud.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über die erste Therapiestunde bei Freud: "Es war plötzlich ein unglaubliches Vertrauen da."
Seite 1 2 3