aus Heft 15/2009 Wirtschaft/Finanzen 4 Kommentare
Die neue Trümmergeneration
Die Wirtschaft: ruiniert. Arbeitsplätze: vernichtet. Das Klima: kurz vor dem Kollaps. Die Aussichten: düster. Für Tausende von Kindern hat das Leben gerade erst begonnen – aber wie wird dieses Leben in ein paar Jahrzehnten aussehen, wenn sie erwachsen sind?
Von Georg Diez Fotos: Stephanie Fuessenich und Urban Zintel
An dem Tag, als Nicolas geboren wurde, zerbrach eine Welt. Weit weg, in Washington, stellte sich ein glatzköpfiger Mann hin und erklärte, dass er Lehman Brothers leider nicht helfen könne. Die Bank ging pleite. Es war der große Fehler, es war ein Zeichen, wie tief wir alle fallen können. Nichts war mehr sicher, nichts galt mehr. Eine Epochenwende. Nicolas wurde am 15. September 2008 geboren. Er ist ein Kind der Weltwirtschaftskrise.
Wie wird er auf dieses Datum schauen, wenn er 20 Jahre alt ist? In was für einer Welt wird er 2028 leben? Wird er Wohlstand nur noch aus Geschichten kennen? Was wird das Wort Sicherheit für ihn bedeuten? Was Freiheit, Individualismus, Anpassung, Glück? Wird er wütend sein auf seine Eltern? Und was wird er mit dieser Wut machen?
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Nicolas’ Vater sitzt am Laptop und tippt, Nicolas’ Mutter kommt ins Zimmer und trägt ein wenig von der Angst im Gesicht, die jetzt gerade aus dem Großen ins Private sickert. In der Abfolge der Generationen war es bislang das Privileg der Jungen, dass sie die Welt in Scherben schlagen. Heute erledigen das die Alten, erledigen wir das selbst. Klimakatastrophe, Finanzkrise, Staatsschulden, Rentenloch, Ende des Öls, Abstieg des Westens, das asiatische Jahrhundert, Überbevölkerung, Wassermangel, das Wesentliche kippt. Was bleibt da für die neue Trümmergeneration? Einfach hinter uns aufräumen?
Nicolas’ Eltern haben nichts zerschlagen. Im Gegenteil, sie haben etwas geschaffen. Sein Vater war der Erste der Familie, der studierte, der Großvater war Malermeister, der Urgroßvater auch, er hat das Mehrfamilienhaus gebaut, in dem Nicolas heute mit seinen Eltern wohnt. Nicolas’ Mutter war erst Krankenschwester, dann arbeitete sie für die Softwarefirma SAP, und wenn sie jetzt nicht gerade Nicolas stillt, macht sie an der Uni ihren Master. Lebenslanges Lernen? Aufstieg durch Bildung? Der Generationenvertrag? Gilt das alles noch für Nicolas?
»Er muss nicht unbedingt den klassischen Weg gehen«, sagt sein Vater, ein ruhiger Mann. »Wir versuchen ihm Werte zu vermitteln, er soll Erfahrungen machen, er wird Zeit haben, sich zu entwickeln. Es ist uns egal, ob er studiert oder einen Handwerksberuf ergreift. Die Kinder werden sich schon irgendwie richten. Ich will ihm Nachdenklichkeit mitgeben, das Bewusstsein für Zeit und dafür, was es bedeutet, für andere da zu sein.«
Werte also, immaterielle Werte. Nicolas’ Vater ist ein später Vater, er ist 55 Jahre alt und Optimist aus Notwendigkeit. Oder aus Notwehr. Aber dass es seinem Sohn einmal besser geht als ihm, das glaubt auch er nicht. Er ist Volkswirt, er kennt die Zahlen.
Schon wer heute 30 Jahre alt ist, zahlt 100000 Euro mehr in die öffentlichen Sozialkassen ein, als er später wiederbekommt. Das ist eine massive Umverteilung von Jung zu Alt. Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat noch ein wenig weitergerechnet: Der Staat müsste sechs Billionen Euro Rücklagen bilden, um das heutige Niveau bei Rente, Gesundheit und Pflege auch für die nächsten Generationen zu gewährleisten; dabei klaffte schon 2006, lange vor der Finanzkrise, ein Loch von 1,5 Billionen in der Kasse. Das ist ein fahrlässiges Spiel mit der Zukunft. Um das Leistungsniveau halten zu können, müssten die Steuern sofort um 15 Prozent erhöht werden. Das wäre so etwas wie die Enteignung der einen Generation durch die andere.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Kinder wie Nicolas sind die Crashtestdummys dieser Zeit. An ihnen wird ausprobiert, wie man sich für die Zukunft rüstet, sie werden ausbaden, was wir heute falsch machen.)
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09 Uhr 38
14 Uhr 09
Außerdem muss es für jeden, der in der Trümmergeneration nach dem Krieg aufgewachsen ist, ein Schlag ins Gesicht sein, dass das damalige Leiden, in diesem Artikel auf eine Stufe mit den, mit Sicherheit leichter zu bewältigenden, Problemen der nahen Zukunft gestellt wird. Das grenzt fast schon an Frechheit und Ignoranz.
Etwas mehr Objektivität und eben Feingefühl darf man von diesem Medium wohl erwarten, oder?
11 Uhr 00
Die Angespasstheit aus falscher Motivation (Angst) führt zu einer leicht dirigierbaren Masse. Schlagworte wie "Teamfähigkeit" entbehren nicht einer gewissen Ironie, denn das rat race hat schon längst begonnen. Die Sucht nach Akademia ist in etwa vergleichbar mit der produktion bestimmter Fleischklopse, man deklariert Masse zur Klasse in einer in Bälde zwar durchpromovierten, aber verblödeten Gesellschaft.
Ach ja.. ich finde es schon ein wenig frech, einen solchen Artikel mit einer Burberry-Werbung zu verzieren. Der Säugling schreit vielleicht, weil er sich das nicht mehr leisten kann? ANsosnten finde ich es schon etwas daneben.
00 Uhr 04
Zum Thema, daß die Regierung jetzt schon X Billionen Euro zusätzlich sparen müßte, um die zukünftige Rentnergeneration zu versorgen: Ich möchte hier gerne die sog. 'Mackenroth-These' erwähnen. Kurzgefasst sagt die aus, daß jegliche Sozialleistung immer und jederzeit nur aus der aktuellen Wirtschaftskraft kommen kann.
Klar, denn Geld kann man bekanntermaßen nicht essen. Als Rentner brauche ich erstmal kein Geld, ich brauche ein warmes Plätzchen, was zum Essen, Sachen zum Anziehen, usw...
Worauf könnte das hinauslaufen? (ich selbst bin 39 Jahre alt, und das Thema beschäftigt mich natürlich, da ich genau in der 'Sandwich'-Position bin)
Ich prophezeie mal, daß die Arbeit viel gleichmäßiger über die Lebenszeit verteilt werden wird, als es heutzutage der Fall ist. Zur Zeit ist es ja teilweise so irrsinnig, daß Hochschulabsolventen über 60, 70, 80 Stunden Wochen stöhnen, während manchmal bereits 45-jährige 'abgebaut' werden, und in die Dauer-Arbeitslosigkeit fallen.
Dieser Irrsinn wird in Zukunft einfach nicht mehr finanzierbar sein. Dazu kommt noch, daß es durchaus sein könnte daß wir in einem Jahrzehnt massiven Arbeitskräftemangel bekommen werden. Die Lösung des Dilemmas? Wir werden wohl bis 70 oder länger arbeiten müssen, ABER: Vielleicht nur 3 Tage die Woche. Für jung und alt. Für Mann und Frau. Flexibel, die Jungen haben endlich Zeit, Nachwuchs in die Welt zu setzen und großzuziehen, die Alten müssen sich nicht mehr aufs Abstellgleis geschoben fühlen, und können ihren Erfahrungsschatz weitergeben. Wäre das nicht ein Ansatz für eine hoffnungsfrohe Prognose?