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aus Heft 22/2009 Die Gewissensfrage 20 Kommentare

Die Gewissensfrage

»Heute bekam ich eine Einladung für ein Bewerbungsverfahren an einer Fachhochschule in Bayern. Dort soll ich einen Berufungsvortrag halten. Man bat mich zum Termin den beiliegenden Fragebogen ausgefüllt mitzubringen. Darin finde ich ulkige Fragen wie ›Sind oder waren Sie Mitglied einer extremistischen Organisation?‹ Schon
klar, dass ich ›Nein‹ ankreuzen sollte, wenn ich nicht meine Chancen auf eine Berufung schmälern möchte. Es ist nun aber so, dass ich bis 1994 Mitglied in der katholischen Kirche war. Wäre es unehrlich, der Berufungskommission dies zu verschweigen?«
Susanne B., Hamburg

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold



Zu Unehrlichkeit will ich nicht raten, deshalb habe ich mich kundig gemacht. Nach Auskunft des zuständigen Bayerischen Innenministeriums orientiert sich die Frage, welche Organisationen extremistisch sind, an Art. 3 des Bayerischen Verfassungsschutzgesetzes. Dort werden als Charakteristika unter anderem Bestrebungen gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung oder sicherheitsgefährdende Tätigkeiten für eine fremde Macht genannt.

Nun wird die katholische Kirche in Personalunion vom Staatschef des Vatikans geführt, einer absoluten Monarchie, die ähnlich wie die Kirche selbst weder Gewaltenteilung noch Demokratie kennt – beides elementare Grundzüge unserer Verfassung. Frauen wird in Kirche wie Vatikan der gleichberechtigte Zugang zu höheren Ämtern verwehrt, sexuelle Minderheiten werden verfemt und diskriminiert. Zudem sind die hiesigen leitenden Geistlichen, obwohl aus deutschen Staatskassen bezahlt, undemokratisch zustande gekommenen Weisungen aus dem theokratischen Kleinstaat zu Gehorsam verpflichtet. Und so manche ihrer Äußerungen scheinen, wenn auch nicht direkt sicherheitsgefährdend, so doch stark polarisierend. Insgesamt zeigt sich an vielen Stellen also eine deutliche Abweichung von Gesellschaftsverständnis und Menschenbild unserer Verfassung. Letzteres gründet zwar auf dem christlichen Menschenbild, hat sich jedoch im Hinblick etwa auf Eigenverantwortung, Freiheit und Gleichheit gegenüber dem der katholischen Kirche offenbar deutlich weiterentwickelt.
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Zum Glück für mein Seelenheil müssen wir die Frage, ob die katholische Kirche nun unter die Definition fällt, nicht abschließend beantworten. Denn das Innenministerium teilte auch mit, dass es zu dem Fragebogen eine Liste von extremistischen Organisationen gibt. Ich habe nachgesehen: Die katholische Kirche steht nicht darauf. Sie können also beruhigt »Nein« ankreuzen. Mit dem Segen der Bayerischen Staatsregierung.

Haben Sie auch eine Gewissensfrage?
Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger, SZ-Magazin, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder an gewissensfrage@sz-magazin.de.

Kommentare

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Kommentar:

  • Peter Kunze (0)
    Henning Remler (1) sagte:
    Die Vielzahl der aufgebrachten Leser, die die vermeintlich beleidigende Frage nach der katholischen Kirche als extremistische Vereinigung und Herrn Dr. Erlingers zugleich bitterböse wie nonchalante Antwort aufs schärfste kritisieren und ob solch ketzerischer Worte sogleich hyperventilieren und lauthals nach Sanktionen und Zensur schreien, zeigt vor allem eines:Glaubensgemeinschaften, allen voran die katholische Kirche, die ihren Ritus ebenso wenig auf wissenschaftliche Erkenntnisse beründen kann wie eine afrikanische Naturreligion, zeichnen sich stets durch ein hohes Mass an Intoleranz gegenüber anders denkenden aus und rückt sich allein dadurch gedanklich in die Nähe einer extremistischen Vereinigung.Doch wozu die Aufregung? Der Vatikan sollte sich endlich um einen Sitz im UNO-Menschenrechtsrat bewerben, dann könnte er nach dem Vorbild islamischer Staaten das Menschenrecht auf freie Meinungsäusserung pervertieren und ad absurdum führen. Die 2008 erfolgreich eingebrachte Resolution, wonach die Scharia für sakrosakt erklärt wurde und islamkritische Äusserungen als Missbrauch der Meinungsfreiheit und religiöse Diskriminierung sanktioniert werden können, ermöglicht nun ganz offiziell Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit in den betreffenden Ländern, und dies mit dem Segen des UNO-Menschenrechtsrates.Da werden es doch die inbrünstigen spassbefreiten Katholiken schaffen, einen Scheiterhaufen aufzubauen und die Inquisition wieder einzuführen!



    Wie kann man nur so ingnorant sein wie herr dr. remler der sich schämen müsste so ein müll von sich zu geben... einfach nur intolerant....hoch lebe die kirche
  • Gilles Marek (0) Das ist ja schon mal ein Anfang. Ich würde mir aber viel mehr wünschen. Warum wird in den Medien immer noch andauernd über die Kirchen geschrieben? (Wo reist der Papst hin? Wann ist Krichentag? Was gibt der Papst von sich?). Kurz: warum gibt man diesen Abergläubigen auch noch ein Forum? Wo ist die Aufklärung und der Humanismus abgeblieben?
  • Martin Kiesler (0) Der Pater Stefan Oster fordert in seinem Kommentar "gegenseitigen Respekt" ein (siehe Zitat unten). Schön wäre doch, wenn die Kirche nicht immer nur Respekt fordern sondern solchen auch zeigen würde - zum Beispiel gegenüber den Opfern systematischen Missbrauchs durch kirchliche Würdenträger!
    So kommentierte der unlängst vom Papst zum Liturgie-Präfekten ernannte spanische Kardinal Canizares den Skandal um jahrzehntelangen Missbrauch in katholischen Kinderheimen in Irland folgendermaßen: Im Vergleich zur Abtreibung falle dieser Missbrauch weniger schwer ins Gewicht!
    In einer vom Madrider Erzbistum herausgegebenen Zeitschrift hieß es gar, dass es sinnlos sei, Vergewaltigung als Strafdelikt beizubehalten, wenn Sex banalisiert und die "Pille danach" eingenommen werden könne (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29. Mai).
    Na, wenn das keine extremistische Forderung ist: Gebt die Kinder frei zur Vergewaltigung!
    Hier wäre doch wohl gegenseitiger Respekt auch einmal angemessen, oder?

    Stefan Oster (0) sagte:
    Sehr geehrter Herr Dr. Erlinger,
    als Kollege aus dem Bereich der Philosophie (und früherer Journalist) habe ich Ihre Kolumne bislang zumeist geschätzt und Ihnen oft und sehr gerne ein ausgewogenes Vernunfturteil attestiert. Diese Ausgewogenheit scheint Ihnen nun aber bei Ihrem Urteil über die Institution, in deren Auftrag ich selbst Philosophie unterrichte, offensichtlich abhanden gekommen. Dieses Urteil kommt meines Erachtens in die Nähe dessen, was Sie der Kirche unterstellen: extremistisch zu sein. Gerne würde ich mich mit Ihnen in einem Gespräch im Geist gegenseitigen Respekts über die von Ihnen angeführten Vorwürfe unterhalten - und hätte dabei die gute Hoffnung, dass Sie dann auch in dem, was die Kirche angeht, zu einem weniger extremen Urteil über deren vermeintlichen Extremismus finden könnten.

    Mit den besten Wünschen für Ihre Arbeit
    Pater Stefan Oster
  • Reinhard Ettel (0) Die Fragestellung hat mich zunächst schon überrascht. Wäre ich doch
    nie auf die Idee gekommen, die katholische Kirche dort einzuordnen,
    wo die Frage sie hinverweist.
    Allerdings genügt ein Blick in die ja wahrlich blutgetränkte Geschichte
    der Katholischen Kirche, die ihre Position zunächst ja rücksichtlos
    kriegerisch auf der Welt verbreitete.
    Das sieht heute zwar anders aus, ihre Positionen sind aber immer
    noch sehr extrem.
    Und da soll der Verweis auf ihre Haltung zur Verwendung von Kondo-men und zum Schwangerschaftsabbruch genügen.
    Alles andere zu diesem Thema in der Antwort gesagte kann ich nur
    unterstützen.
  • Tom Gerstner (0) Mehr davon! Der Artikel behandelt eine sehr provokante Fragestellung auf humorvolle Art und Weise.

    Und weiterhin (und jetzt sollte die Katholiken wirklich mal eben weghören, sonst stimmt der Adrenalinpegel nicht mehr) erfüllt in meinen Augen eine Organisation, offen gegen den Gebrauch von Kondomen in Afrika (und sonstwo auf der Erde) aufruft den Tatbestand von zumindest fahrlässiger Tötung...
  • Cornelia Funke (0) Als ich den Kommentar von Rainer Erlinger las, musste ich einfach nur schmunzeln. Und ich bin froh, dass das Erzbischöfliche Ordinariat München keinen Einfluss auf die Berichterstattung der SZ hat. Das Christentum an sich möchte ich aber keinesfalls für die miese Behandlung von uns Frauen in der katholischen Kirche verantwortlich machen, denn ich bin sehr gerne Christin und ich bewundere niemanden so sehr wie Jesus Christus, der für seine Haltung von seiner eigenen Kirche umgebracht worden ist. Ich hoffe nach wie vor auf einen gerechten Gott und auf die Bestrafung so mancher Verantwortlicher in der Kirche, die durch ihr Verhalten unserem Glauben mehr geschadet als genutzt haben.
    Cornelia Funke, Dipl.-Theol. (Univ.), von einem Priester sexuell missbraucht worden und seitdem keine Anstellung mehr in der katholischen Kirche bekommen
  • Markus Hüwe (0) Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche
    Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je in Ankläger in den
    Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren
    Korruptionen...sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder
    Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine
    Seelen-Niedertracht gemacht... Ich heiße das Christentum den einen
    großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen
    großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich,
    unterirdisch, klein genug ist - ich heiße es den einen unsterblichen
    Schandfleck der Menschheit.
    Friedrich Nietzsche

    Zum Christentum wird man nicht geboren, man muß dazu nur krank genug
    sein.
    Friedrich Nietzsche

    unbesinnliche, fröhliche Pfingsten!
  • Bernhard Wunsch (0) Ich empfinde diesen Beitrag nicht als kritisch sondern vielmehr als beleidigend. Die Kritik an der undemokratischen Hierarchie der Kirche ist weder neu noch voellig unangebracht, allerdings empfinde ich es als verletzend die katholische Kirche und damit auch uns Glaeubinge einseitig als zurueckgebliebene Extremisten darzustellen. Ich erlebe die katholische Kirche als Gemeinschaft von Glaeubigen deren hoechstes Ideal die Naechstenliebe ist und auch wenn ich verstehe dass die Vergangenheit der Kirche oder auch die Struktur der Organization kritisch hinterfragt werden kann (und sollte) ist die Gleichsetzung mit Extremisten schwer nachzuvollziehen. Vor allem vor dem Hintergrund von Nachrichten ueber abscheulichen Taten und Anschlaegige von Extremisten entbehrt diese enseitige Anschuldigung jeder Verhaeltnismassigkeit.
  • Burkhard Vogel (1) Vielen Dank Herr Bürck, sie haben es auf den Punkt gebracht!
  • Marius Bürck (0) Ich weiß eigentlich nicht warum sich so viele Leute über diesen Beitrag aufregen. o.O Er hatte eine kritsche Frage und darüber nachgeforscht und ist zu einem Ergebnis gekommen bzw. ich kann mich nicht erinnern, gelesen zu haben, dass er die katholische Kirche denunziert . Er/sie stellt sie in Frage, vielleicht mit einem trockenen Unterton, aber trotzdem sollten meiner Meinung nach mehr Leute auf diese Weise an solche Fragen herangehen (und vor allem mit dieser Sachlichkeit) .

    Und noch etwas zu den Kommentaren des Herrn Josef Rödl:
    (Der Beitrag, der weiter oben abgebildet ist)

    Warum ist dieser Artikel einer "Welt"zeitung unwürdig ?
    -weil er eine andere Meinung als die Ihre darstellt ?

    Warum ist die Frage der Susanne B. eine Zumutung?
    -weil sie über die Dinge kritisch denkt und ihre Gedanken mitteilt ?

    Eine Beleidigung?
    -Warum, weil Sie die kath. Kirche in ein schlechtes Licht rücken könnte?
    -> und es ist immer noch eine Infragestellung und keine Beleidigung

    "ad absurdum" ?
    -Sie sagen selber die SZ ist eine Weltzeitung, aber vertreten die Meinung, es dürften keine kritischen Fragen gegen (in diesem Fall) die kath. Kirche behandelt werden? Das wäre genau der falsche Weg, würde ich meinen. - Ich persönlich halte nicht sehr viel von Repression.

    Zitat:
    "Man kommt fast zu dem Verdacht, Herr Erlinger hätte sich die Frage selbst gestellt, um seine anti-katholische Meinung verbreiten zu können."
    -und wäre es seine eigene Frage gewesen so ändert dies nichts an der Aussage oder dem Gedanken und soweit ich weiß, herrscht in Deutschland Meinungsfreiheit und wäre seine Meinung anti-katholisch, so darf er sie frei äussern wie es ihm beliebt.

    Das Ordinariat hat rein gar nichts mit dem Artikel zu tun :). Es kann gerne seine Meinung äussern wie jeder, aber eine "Lizenz" (die eher nicht exzistiert:) ) wird dem Herrn Erlinger nicht entzogen.
    Die SZ täte auch nicht gut, daran einen differenzierten Denker/Schreiber gegen einen engstirnigeren einzutauschen.

    Sie sprechen von einer "Entgleisung" .
    Und jetzt muss ich mich zum Schluss selbst einmal kritisch fragen:
    Wer ist hier entgleist? Der Herr Erlinger mit einem sachlichen Vorgehen an einer provokanten Frage oder Sie, der Sie ihn mundtot machen wollen!

    --> Dazu wie die Frauen über ihre Stellung in der kath. Kirche denken :
    (Der Beitrag unmittelbar über diesem)
    1. sollten wir sie lieber selber fragen
    2. Es geht auch nicht darum, wie wichtig ihre Aufgabe ist oder wie bedeutend sie im System der kath. Religion sind.
    Es geht darum, dass es ihnen verwehrt ist höhere Positionen zu bekleiden, weil sie weiblich sind.
    Und DAS ist diskriminierend, egal wie schön man es sich redet!

    Marius Bürck , Borchen
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