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aus Heft 26/2009 Wirtschaft/Finanzen 4 Kommentare

"In der Öffentlichkeit wird die Wahrheit unterdrückt"

Vor der letzten Bundestagswahl wurde der Finanzexperte Paul Kirchhof als weltfremder Intellektueller verhöhnt. Jetzt zeigt sich, wie sehr der Politik Fachleute fehlen. Ein längst überfälliges Gespräch über das Versagen des Systems und ahnungslose Abgeordnete.

Von Georg Diez und Johannes Waechter (Interview)  Niko Schmid-Burgk (Fotos)



SZ-Magazin: Herr Kirchhof, hätten wir heute soziale Unruhen, wenn Sie Finanzminister wären?
Paul Kirchhof:
Die Deutschen bleiben in dieser Finanzkrise doch relativ gelassen. Sie haben Vertrauen in ihre Erneuerungskraft und in dieses politische System. Im Übrigen hätten wir vielleicht für unsere Reformen mehr Zustimmung bei den Bürgern gefunden.

Vielleicht ist diese Gelassenheit falsch.
Tatsächlich müssen wir uns von einigen vermeintlichen Gewissheiten verabschieden. So von der Idee des ständigen Wachstums, welches wir durch billige Zinsen und billige Schulden finanzieren. Das ist ein Scheinwachstum, das die Zukunft unserer Kinder gefährdet.
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Befürchten Sie, dass die Stabilität der Demokratie darunter leiden wird? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat kürzlich vor Steuerunruhen gewarnt. Unruhen gibt es nicht, aber etliche Missstände. Wir kaufen dem Bürger durch Steueranreize und Subventionsangebote seine Freiheit ab – und der Bürger denkt noch, er sei besonders clever, wenn er sich auf diese Verführungen einlässt. Das ist arglistig, weil der Staat dem Bürger die Steuerentlastung auch ohne Freiheitsverzicht geben könnte.

Ihre Idee der einheitlichen Einkommenssteuer von 25 Prozent hätte das geändert. Aber die ist tot.
Nein, die Flat Tax ist ganz nah.

Wie bitte? Angesichts der hohen Neuverschuldung wird die Regierung niemals die Steuern senken.
Zum 1. Januar 2009 hat der Gesetzgeber beschlossen, dass die Flat Tax von 25 Prozent in Deutschland gelten soll – allerdings nur für Einkünfte aus Kapitalvermögen. Die sonstigen Einkünfte werden mit bis zu 45 Prozent besteuert. Wer von seinem Vermögen lebt, zahlt also viel weniger Steuern als derjenige, der die Ärmel hochkrempelt und hart arbeitet. Ist das die Gerechtigkeit, die wir in Deutschland wollen? Ich finde das unerträglich. Wir können eine einfache Einheitssteuer einführen, dabei die Anfangseinkommen entlasten und dem Staat die gleichen Steuererträge sichern, wenn wir zugleich alle Steuerprivilegien abschaffen.

Die Aufregung scheint sich in Grenzen zu halten.
Weil es ein Schweigekartell gibt. Jeder, der sich mit Steuerrecht befasst,
weiß es, viele Intellektuelle wissen es. Aber in der Öffentlichkeit wird diese Wahrheit unterdrückt. Wenn dem deutschen Volk dieser Vorgang bewusst wird, wird es das nicht hinnehmen.

Also doch ein Aufstand?

Jede Machtausübung provoziert Widerstand, möglicherweise Aufstand. Doch die Demokratie vermeidet diese Entwicklung durch Wahlen, die den Wettbewerb um eine bessere Lösung organisieren, und durch ein Parlament, das
die Gesellschaft im ständigen Gespräch über die verschiedenen Lösungsansätze hält.

Ein Gespräch, das erlahmt scheint. Die Art, wie Sie 2005 vorgeführt wurden, hat Experten und Intellektuelle zum Schweigen gebracht.

Es gibt in der Tat gerade junge Wissenschaftler, die aus diesem Grund Distanz zur Politik wahren. Das ist ein großes Problem.

Warum sind die deutschen Intellektuellen so mundfaul und angepasst?
Von Kollegen wird mir oft die Frage gestellt, ob es zum Amt eines Hochschulpro-fessors gehöre, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Ich erwidere immer: Wir müssen der Politik unser Wissen aufdrängen. Jeder, der schweigt, ist Mittäter.

»Die Politik hat nicht so viele sachkundige und langfristig denkende Köpfe.« Das ist ein Zitat von Ihnen.
Es bezog sich auf das Steuerrecht. Da beobachte ich schon eine weit verbreitete Unkenntnis des Rechts und seiner Wirkungen. Wenn das Parlament über Dinge wie die Zinsschranke abstimmt – ein Element der Unternehmensbesteuerung –, dann wissen ganz wenige Abgeordnete, was sie tun.

Das hektische Hin und Her in der gegenwärtigen Krise wirkt nicht viel kompetenter.

Ich führe keine Kritik am aktuellen Krisenmanagement. Das wäre unfair angesichts des ungeheuren Drucks, unter dem die Bundesregierung steht. Aber eine Chance haben die Wähler gehabt: Hätten Union und FDP die letzte Bundestagswahl gewonnen, hätten sie danach das Steuerrecht reformiert, die Steuerprivilegien abgeschafft, diese verfehlten Anreize und Abreize des Steuerrechts. Dann stünde heute jeder Einzelne besser da, denn für die Privilegien des einen muss der andere zahlen.

An der Wirtschaftskrise hätte das aber nichts geändert.
Doch. Die Finanzkrise ist ja auch eine Denkkrise. Wir denken falsch, er-warten vom Staat die Lösung und reagieren deshalb auch falsch. Die Elementarkrise nach dem Zweiten Weltkrieg beantwortete das Grundgesetz mit dem Prinzip der Freiheit. Jeder hilft sich zunächst selbst. Der Staat ist heute dazu übergegangen, nicht mehr durch das Recht zu regieren, sondern durch die Macht des Geldes.


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Kommentare

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  • Hilmar Sturm (0) Herr Professor Dr. Kirchhof weist auf interessante und wichtige Dinge hin. Aber mir scheint, er ist selber viel zu sehr von bestimmten Werten und Zielen geprägt; er übersieht, dass andere Menschen andere Werte und Ziele haben.

    Sein angeblich so einfaches Steuersystem habe ich mir mal durchgelesen. Es bleibt in allgemeinen Sätzen stecken, und die Details darf dann wieder der Bundesfinanzhof festlegen. Denn es ist ja beispielsweise nicht damit getan zu sagen, der Gewinn werde besteuert, wenn nicht gleichzeitig genau definiert wird, wie dieser Gewinn ermittelt wird. Und jeder Betriebswirt weiß, wie kompliziert das ist.

    Zudem argumentiert Herr Professor Dr. Kirchhof schräg, um nicht zu sagen unsauber. Das Grundgesetz sagt in der Tat, die ABGEORDNETEN sind direkt zu wählen. Das hat doch nichts damit zu tun, welche Koalitionen diese Abgeordneten später eingehen und welche Regierungen von ihnen gestützt werden.

    Die Vorstellung, mehr "Expertentum" werde es besser machen, halte ich für irrig. Es gab Experten (Universitätsprofessoren) für "Kapitalmarktforschung", die uns mit ihren verfehlten Theorien geradewegs in eine Weltwirtschaftskrise hineingeschickt haben. Die Schwachstellen des Finanzsystems sind doch mit professoraler Unterstützung hergestellt worden (auch indem Schranken beseitigt worden sind, die nach der letzten Weltwirtschaftskrise errichtet worden waren). Wir haben doch das gerade ein Versagen aller Eliten (Politik, Fachverwaltung, Universität, Forschungsinstitute, Journalisten) erlebt.

    Am besten gefällt mir ja der wohlfeile Spruch: "Jeder Akteur, der die Chance hat, einen Gewinn zu machen, muss das Risiko seines Fehlverhaltens tragen. Wer handelt, der haftet." Das hört man immer gern aus dem Munde von Universitätsprofessoren, die auf Steuerzahlerkosten und Lebenszeit ein recht angenehmes Gehalt bekommen und keinerlei Risiko tragen.
  • Reinhard Ettel (0) Zunächst, kann man bei einem Kommentar auch mal auf Fremdwörter verzichten? Und wenn nicht, sollte man sie im eigentlichen Sinne verwenden.Sicher, eine Überladung verursacht u.U.ein Systemversagen, hat aber mit dem Problem, dass in der Politik Fachkräfte fehlen, nichts zu tun.
    Wahrnehmung der Bürgerrechte als "wichtigste Systemkontrollmöglichkeit "klingt wunderschön, funktioniert aber nicht, weil, sobald der Bürger seine Stimme bei der Wahl abgegeben hat, er nicht einmal mehr darauf Einfluss hat, was damit passiert.
    Ich glaube nicht, dass es irgendeine Wirkung hätte, wenn ein paar hundert Wähler an der Ortsvorstand ihrer Partei eine Anfrage richteten, weshalb einer Entcheidung zugestimmt wurde, für die man seine Zustimmung eigentlich nicht gegeben hätte.
    Politik lebt doch in diesem Lande nur noch durch Berater, deren Vorschläge fürchte ich sich nicht unbedingt all jenen erschliessen, die dann darüber abstimmen.
    Nehmen wir den Herrn Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, der noch nie selbt als Arzt praktiziert hat, aber genau weiss, wie es in diesem Bereich zugeht. Mich überzeugt er nicht.
    Es ist eben für die Bürger offensichtlich, dass in Deutschland bestenfalls Mittelmaß regiert.
  • Wilfried Echterhoff (0) Sehr geehrte Damen und Herren,
    der Kollege Kirchhof bedauert zu Recht die Art wie Politik im Normalfall gemacht wird. Ich erlebe als Experte immer wieder, dass man als Hochschullehrer von Ministerialen und Volksvertretern als unrealistisch denkend eingestuft wird, nur weil man nicht sofort mehrheitsfähig ist. Eine Demokratie erzeugt leider als unangenehmen Nebeneffekt die Gefahr, dass sich die Mittelmäßigkeit und die Herrschsucht durchsetzen. Für den dadurch entstehenden Zustand habe ich die Bezeichnung Mediocratie (Herrschaft der Mittelmäßigen) geprägt. Dennoch gibt es immer wieder kompetente Vertreter in der Legislative und auch in der Exekutive, von denen leider manche nach und nach in den Hintergrund gehen oder gehen müssen. Mediocre Mitarbeiter der Exekutive, die öffentlichkeitswirksam handeln, holen sich gern über „Forschungs“-Aufträge weidlich bekanntes Alltagswissen und genehme Meinungen ins Haus, um ihre vermeintlichen Gewissheiten zu untermauern. Die zunehmende Anzahl von Berufspolitikern hat die Anerkennung fachlich fundiert arbeitender Wissenschaftler nicht gerade einfacher gemacht. Aber in einer Demokratie darf man keineswegs aufgeben, immer wieder auf das fachlich Bessere aufmerksam zu machen. Dies lohnt sich, wenn man Entwicklungen abwarten kann.
    Prof. Dr. Wilfried Echterhoff
  • Reinhard Kropp (0) Politisch werden!

    Wann entsteht Systemversagen: Wenn die Redundanz versagt. In der Demokratie entsteht Redundanz durch gegensätzliche politische Lager und v.a. durch die Bürger. Deren wichtigste Systemkontrollmöglichkeit in der Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte besteht. Damit ist es aber in Deutschland schlecht bestellt. Warum ist das so?, wird man sich fragen müssen. Politisches Bewußtsein entsteht in Familie und Schule. Wenn es denn vermittelt wird. Kirchhof hat Recht mit seiner Forderung nach Verfassungsunterricht für Parlamentarier: Ich fordere dasselbe für alle Bürger. Lebenslang!