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aus Heft 26/2009 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold

»Einige Eltern in meinem Bekanntenkreis lassen ihre Kinder nicht oder nur teilweise impfen. Nun müssen Eltern generell selbst wissen, was für ihre Kinder am besten ist, aber ich finde, in diesem Fall ist das anders. Immerhin betrifft die Entscheidung nicht nur die eigenen, sondern auch fremde Kinder, zum Beispiel solche, die noch zu jung für eine Impfung sind. Müsste man sich aus moralischen Gründen nicht für die Impfung entscheiden? Tragen wir als Eltern nicht eine gewisse Verantwortung für alle Kinder in unserer Umgebung?«
Greta T., Jena

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Wieder einmal stehen sich die Freiheit des Einzelnen und die Anliegen der
Allgemeinheit oder der Mitmenschen gegenüber – hier mit einer Besonderheit: Man streitet um die Tatsachen. Manche Impfgegner sind der Überzeugung, dass Schutzimpfungen mehr Schaden anrichten als das natürliche Durchleben der entsprechenden Krankheit. Wenn dies generell zuträfe, ließe sich kaum eine ethische Pflicht zur Impfung formulieren, im Gegenteil, dann wäre das Impfen unethisch. Allerdings sprechen die Fakten dagegen: Die Ausrottung der Pocken rettete Studien zufolge in den letzten 20 Jahren ungefähr 40 Millionen Menschenleben. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben täglich 4000 bis 8000 Menschen an Krankheiten, die durch eine Routineimpfung verhindert werden könnten. Dank entsprechender Impfprogramme gibt es in Europa derzeit keine Kinderlähmung mehr. Die letzte Epidemie hierzulande hatte 1961 noch mehr als 300 Tote zur Folge. Masern, an denen weltweit jedes Jahr mehr als 300 000 Kinder sterben, sind bei uns durch Impfungen selten geworden. Und hier beginnen die ethischen Probleme: Sobald genügend Menschen in der Umgebung geimpft sind, sinkt das Risiko, sich anzustecken, rapide – und damit der individuelle Nutzen der einzelnen Impfung. Wer in Anbetracht dessen nun das geringe Impfrisiko für seine Kinder scheut oder schlicht nachlässig wird, erweist sich als moralischer Trittbrettfahrer, der ohne eigenen Einsatz von dem der anderen profitiert. Der Tübinger Medizinethiker Georg Marckmann formuliert es so: Der kollektive Schutz, den eine hohe Impfrate gewährt, die sogenannte Herdimmunität, stellt ein öffentliches Gut dar, an dem man teilhat; spiegelbildlich beinhaltet das aber auch eine moralische Verpflichtung, zu diesem Gut beizutragen, hier, indem man sich selbst oder seine Kinder impfen lässt.


Literatur:

G. Marckmann, Impfprogramme im Spannungsfeld zwischen individueller Autonomie und allgemeinem Wohl, Bundesgesundheitsblatt- Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 51 (2008) S. 175-183
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J.J.M van Delden et al. The ethics of mandatory vaccination against influenza for health care workers, Vaccine 21 (2008) 5562 - 5566
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