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aus Heft 37/2009 Männer

Mutprobe Nr. 6: Zu Besuch in der Redaktion

Axel Hacke  Peter Rigaud (Fotos)

Vergangenen Herbst ist die Süddeutsche Zeitung in ein neues Verlagsgebäude gezogen. Die Expedition nach Steinhausen hat Axel Hacke aber nie gewagt. Bis jetzt.

Ganz neu und ganz weit draußen: Das neuen Verlagshaus der SZ.
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Na ja, nicht zu gehen wagte, nicht zu gehen gewagt … Kann man sagen, dass ich bisher zum neuen Hochhaus meiner alten Redaktion nicht zu gehen wagte? War es nicht einfach so, dass ich einfach keine Veranlassung hatte dazu, weil es E-Mail gibt und Telefon? Unlustig war ich natürlich auch: Was soll ich da, was geht mich der Stadtrand an, dieses Zamdorf (oder ist es noch Steinhausen?), in das Verleger den Zeitungsstandort im vergangenen Jahr verlegt haben? Wie kann man eine Zeitungsredaktion woanders unterbringen als im Zentrum einer Stadt?, dachte ich und werde ich immer denken.

Aber nicht gewaaagt . . ?

Andererseits ist es folgendermaßen: Als ich vor 33 Jahren aus der Provinz nach München zur Journalistenschule kam, öffnete mir die Süddeutsche Zeitung die Augen für die Welt, sie half mir, ein anderer zu werden, die Redaktion war für mich zeitweise fast wichtiger als mein Elternhaus. Und als ich vor neun Jahren kündigte und die SZ verließ, um mein eigener Herr zu werden und nur noch für das SZ-Magazin zu arbeiten, mied ich fortan deren Büros, wie ich vorher einmal viele Jahre lang auch meine Heimatstadt gemieden hatte, aus Angst (oder Respekt) vor den Kraftfeldern dort, die einen vielleicht in alte Bahnen zurückholen könnten.

Also ein kleines Wagnis. Ein Wagnis für einen wie mich.

Ich bin dann mit dem Fahrrad gefahren. Die Sonne schien, doch vorsichtshalber klemmte ich einen Schirm auf den Gepäckträger, es war Sommer, da muss man in München mit Regen rechnen.

Ich radelte von meinem jetzigen Büro aus über den Viktualienmarkt Richtung Haidhausen, rechts hinter dem Gasteig in die Preysingstraße hinein, vorbei an der Wohnung, die ich 1981 von meinem ersten Gehalt als SZ-Redakteur gemietet hatte, vorbei an einer anderen Wohnung in der Metzstraße, in der wir zu dritt lebten, als meine älteste Tochter zur Welt gekommen war, vorbei an einer dritten Wohnung in der Kirchenstraße, in der ich kurze Zeit mit meiner Frau lebte, als sie noch nicht meine Frau war.

Jahrelang hatte ich schon in Richtung dieses Hochhauses gelebt, aber es war damals zu früh für dessen Bau da draußen gewesen, und so belohnte mich das Leben: Fast zwanzig Jahre musste ich von Haidhausen nicht stadtauswärts, sondern durfte stadteinwärts in die Redaktionszentrale fahren. Und mitten in München arbeiten.

Am Haidhauser Friedhof stieg ich vom Radl, um das Grab von Egon Scotland zu suchen, der vor 18 Jahren, für die Süddeutsche aus dem Krieg berichtend, in Kroatien von einem serbischen Scharfschützen ermordet wurde und der ein wirklich mutiger, tatsächlich etwas wagender Mann war. Ich suchte lange, aber ich fand das Grab nicht und musste weiterfahren, hinaus aus Erinnerungen, Sentimentalität und Melancholie, unter den Eisenbahngleisen am Ostbahnhof hindurch und über den Mittleren Ring hinüber, dorthin, wo die Straßen breiter und die Häuser neuer sind und die Stadt plötzlich ganz anders aussieht, nicht besser als, sagen wir mal, Frankfurt oder Hannover.

Ich radelte nun schneller, vorbei an Edeka und Aral, auch am Pizzaservice Blizzeria, dann links in die Weihenstephaner Straße, rechts in die Neumarkter, zu Lidl, Aldi Süd und Alfa Romeo. Rechts grüßte matt eine Fahne vor einem seltsam farblosen Haus mit dem rätselhaften Schild »Gurdwara Sri Guru Nanak Sabha e. V.«, auch erblickte ich eine Verkaufsstelle für »WOLU Sauna und Bräuner«, dann einen Fachbetrieb für Fußbodenverlegung, dann einen für Gerüstbau, ja, nahm es denn kein Ende mit den Fachbetrieben!? Links noch eine Lackiererei, dahinter sah ich es aber, Kunststück: ein Hochhaus unter Flachbauten, mein Ziel.

Hultschiner Straße 8.

Ich stellte mein Fahrrad hundert Meter vom Haus entfernt am Straßenrand ab. Näher wagte ich mich nicht heran damit, so leer war der Platz vor dem Gebäude, so sorgsam eingebettet ins Viereckige die Grünpflanzen, so abwesend jede Form von Unregelmäßigkeit. So penibel aufgeräumt alles, als käme gleich der Fotograf von »Schöner Arbeiten« zum Termin. Warum haben Hochhäuser immer so etwas Bestimmendes, Einschüchterndes, geradezu Herrisches? Ich vermute: weil sie so hoch sind.

Vor dem Haus steht eine schwarze Säule, rechteckig, darauf 18 Firmennamen, dazwischen irgendwo auch die Worte Süddeutsche Zeitung (aber nix von Redaktion), so was nennt man einen Konzern. Kleiner blauer Pfeil darunter, daneben: »Posteinwurf an der rechten Längsseite«. Die rechte Längsseite entdeckte ich, aber den Posteinwurf nicht, es war wie in diesen Designertoiletten, wo man die Papierhandtücher nicht findet, aber egal: Ich hatte ja auch keine Post dabei.

Ich wurde abgeholt, von zwei Kolleginnen, das war schon mal gut. Zum Essen in der Kantine.

Wobei: Kantine … Das ist ein Wort wie Mahlzeit. Früher, in den Innenstadtbüros, gingen wir über verschlungene Flure und Treppenhäuser zum Essen, und Mahlzeit! schallte es überall, Mahlzeit!, Mahlzeit! Hier sagte niemand Mahlzeit!, das Wort muss im Zentrum geblieben sein, es wurde abgerissen mit der alten Kantine und den Büros, es liegt in einer Schuttgrube und ist tot. Früher kramten wir auch Essenmarken aus den Hosentaschen, sie waren an den Rändern geriffelt wie Briefmarken und es stand ein E darauf, für Essen. Heute legt man Kärtchen auf Maschinchen, dann wird abgebucht. Früher schob eine herbe Slowakin schwappende Suppe auf den Tisch, brachte Essen, das man nicht bestellt hatte, und nahm es auch nicht wieder mit. »Du isst!«, befahl sie. »Macht stark.« Heute lächeln Köchinnen und Köche über die Speisen hinweg und wünschen guten Appetit. Früher tranken wir hinterher selbst gebrauten Kaffee, heute servieren Kaffee-Feen alles von Latte bis Macchiato.

Also: Kantine?! Sie sagen immer noch so, hier. Dabei kann man sogar draußen sitzen, auf einer prima gefegten Terrasse vor dem Hochhaus, wie auf einer künstlichen Insel, aufgeschüttet in einem Meer von Fachbetrieben.

Jetzt mal ein Wort zum Aufzug, der ist ganz wichtig bei einem Hochhaus. Dieser Aufzug ist das Modernste, was man sich im Aufzugwesen überhaupt nur vorstellen kann, ein Spitzenlift. Man muss, wenn man sich ihm nähert, auf einer Tastatur erst mal eine Zahl drücken: das Stockwerk, das man anstrebt, oder, wie es wieder neben einem blauen Pfeilchen heißt, das »Zielstockwerk«. Dann wird diesem Himmelfahrtsbegehren insofern stattgegeben, als dem Fahrgast einer von sechs Aufzügen zugewiesen wird. Nur diesen darf man benutzen, nur dieser bringt einen ans Ziel.

Hier tritt wieder das erwähnte herrische Wesen des Hochhauses hervor, das freie Aufzugwahl nicht zulässt. Menschen, die in unterschiedliche Stockwerke möchten und früher dann oben am Ziel des einen in der Aufzugtür voneinander Abschied nahmen, werden nun bereits unten getrennt. Sie fahren in verschiedenen Kabinen. Im Grunde müssten auch zwei Menschen, die ins selbe Stockwerk wollen, diesen Wunsch durch zweimaligen Tastendruck bekannt geben, was aber, wie ich aus zuverlässigster Quelle erfuhr, nicht in jedem Fall geschieht, aus Schlamperei oder Widersetzlichkeit, oder weil man dann eigentlich auch in getrennten Aufzügen fahren müsste.

Jemand erzählt, er habe mal im schon fahrenden Aufzug zu zwei Fremden mit Amts-Stimme gesagt: »Aufzugpolizei! Sie fahren zu zweit, haben aber nur einmal gedrückt. Ich muss das leider melden!« Dann, leiser: »Ich mache das auch nicht gerne …«

Die Leute hätten schuldbewusst reagiert.

Man gewöhne sich aber, sagt ein anderer, natürlich nach einer Weile an das System und daran, dass man im Lift selbst keinen Knopf mehr drücken könne, so sehr sogar gewöhne man sich, dass er in einem Hotel schon untätig im Fahrstuhl gestanden habe: Tür zu, Tür auf, er sei ausgestiegen, aber immer noch im Erdgeschoss gewesen. Wie dressierbar der Mensch doch sei!

Übrigens hat man hier das Problem gelöst, dass im Aufzug keiner weiß, wohin er gucken soll, weshalb alle ihre Schuhspitzen betrachten, als hätten sie noch nie Schuhspitzen gesehen. Hier ist an der Wand ein Display mit den neuesten Nachrichten, da guckt jeder hin. Stundenlang ging mir die Zeile »Lieber doof sein als Mikado heißen« nicht aus dem Kopf, eine Meldung über abwegige Vornamen.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das neue Haus lädt zum Rausspringen ein.
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