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aus Heft 38/2009 Innenpolitik 8 Kommentare

Mein Jahr in der Linkspartei

Klingt wie ein Buchtitel von Peter Handke, ist aber weit weniger poetisch: Unser Autor wollte wissen, wie es im Inneren der Partei aussieht, die viele als Schreckgespenst der Republik sehen. Also wurde er für ein Jahr Mitglied. Ein Experiment, bei dem er viel über einen ganz besonderen Menschenschlag lernte - und über sich selbst.

Von Tobias Haberl  Jo Jankowski (Fotos)

»Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt.« So heißt es im Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, der Internationalen.
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»Willkommen im Club«
Noch eine Stunde, dann darf ich zu Oskar Lafontaine »Oskar« sagen. Was soll ich anziehen? Auf keinen Fall darf ich elegant, aber auch nicht zu nachlässig gekleidet sein, das machen nur Adlige und Penner. Nach einigem Hin und Her entscheide ich mich für eine Levi’s, einen grauen Kapuzenpullover und Turnschuhe. Es ist Herbst 2008, der Staat pumpt Milliarden in die Hypo Real Estate, »Banker« entwickelt sich von einer Berufsbezeichnung zum Schimpfwort. Ich klingle im 2. Stock eines Bürohauses in der Schwanthalerstraße in München. Ein Mann um die 30, Glatze, Motörhead-T-Shirt, öffnet: »Hallo«, sagt er, »ich bin Niels, der Landesgeschäftsführer.« Ich habe Angst, dass er mir Fragen stellt. Angst, dass er mich ansieht und sagt: Ab nach Hause, Junge, hier hast du nichts verloren! Aber Niels stellt keine Fragen, er freut sich, dass ich gekommen bin; wir plaudern, dann drückt er mir eine Eintrittserklärung und eine Einzugsermächtigung in die Hand. Ich fülle sie aus, setze meine Unterschrift drunter, nach drei Minuten ist alles vorbei. »Willkommen im Club«, sagt Niels. Er ist jetzt mein Genosse. Ich bin das 524. Mitglied der Linkspartei im Kreisverband München.

»Spinner, Kommunisten und Sektierer«
Neulich hat die Münchner LINKE Journalisten eingeladen; die vier Direktkandidaten für die Bundestagswahl wollten sich vorstellen, zwanglos, mit Kaffee aus der Thermoskanne und belegten Broten. Aber niemand kam, der sie kennenlernen wollte, keiner von der SZ, keiner vom Merkur, keiner von der Abendzeitung, nicht mal ein Praktikant. Die Presse hat ein neurotisches Verhältnis zur Linkspartei. Sie hat so große Angst vor ihr, dass sie die Partei attackiert, lächerlich macht oder ignoriert. Dabei hat die LINKE im Saarland ihr Ergebnis von 2004 gerade verzehnfacht, in Thüringen und Sachsen wurde sie zweitstärkste Kraft. Ziemlich erfolgreich für eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. In seinem Buch Der Politik aufs Maul geschaut schreibt Erhard Eppler: »Der Kommunismus als geschichtliche Kraft ist tot. Der Antikommunismus hat ihn überlebt. Aber irgendwann wird auch er sterben.« Stirbt er gerade? Ausgerechnet zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, wo sich gerade alle so ernsthaft erinnern? Haben die Deutschen solche Angst vor der Zukunft, dass sie sich den Sozialismus wieder vorstellen können? »Die LINKE im Westen, das sind Spinner, Kommunisten, Sektierer, ideologisch, verwirrt, gefährlich.« Das schreiben die Journalisten, die kein Interesse daran haben, die Spinner kennenzulernen. Ich halte das für unhöflich und schlecht recherchiert – und wollte es besser machen.

»Du hast dich doch noch nie für irgendwas engagiert«
Ich bin kein Linker. Ich war auch nie einer. Vor 15 Jahren fand ich die Grünen gut, aber dann kam Claudia Roth. 2005 habe ich Merkel gewählt. Der Gedanke, dass ein Staat für mich sorgen muss, ist mir fremd. Das liegt auch daran, dass noch nie einer für mich sorgen musste. In meiner Familie ist keiner arbeitslos, keiner in einer Gewerkschaft, die meisten sind selbstständig, gut situiert, viele Ärzte, ein paar Anwälte, einer hat eine »Burger-King«-Filiale am Bodensee. Ich weiß noch, wie ich erschrocken bin, als ich zum ersten Mal einen Schulfreund besuchte, der mit seinen Eltern in einer 75-Quadratmeter-Mietwohnung lebte. Wenn ich morgen meinen Job verliere, versuche ich, einen neuen zu finden, egal wo, egal was, ich käme nie auf die Idee, den Fehler im System zu suchen. Was hat also einer wie ich in der LINKEN verloren? Mein Vater hat mir diese Frage auch gestellt. »Du hast dich doch noch nie für was engagiert außer für dich selbst«, sagte er. Warum also? Ich war neugierig und vor allem wollte ich nicht den Fehler begehen, den in der Politik so viele machen: aus Machtinteresse über Menschen urteilen, die man nicht kennt. Aus Kalkül Ideen ablehnen, mit denen man sich nicht auseinandergesetzt hat, oder noch schlimmer: die man heimlich gut findet. Ich wollte keinen Posten, keine Stimmen, nur die Wahrheit.

»Wir bitten dich also um etwas Geduld«
Ein paar Tage nach dem Eintritt bekomme ich einen Brief vom Landesvorstand. Man freue sich über mein Engagement, würde meinen Kreisverband darüber informieren, dass es mich gibt. Eigentlich könne ich loslegen, nur die Zusendung meines Mitgliedsausweises würde ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, ich solle Geduld haben. Die Wochen danach warte ich auf eine Nachricht, ein Flugblatt, es muss doch jetzt losgehen, Revolution, Demo, Klassenkampf, es ist Krise, aber niemand meldet sich bei mir. Ich merke nur, dass ich ein Linker bin, weil ich jeden Monat 55 Euro weniger auf dem Konto habe – Mitgliedsbeitrag. Irgendwann begreife ich: Mit einer Partei ist es wie mit einem guten Freund. Man muss sich kümmern, aufmerksam sein, aktiv werden. Die Partei würde nicht zu mir, ich musste zur Partei kommen. Ich fühle mich ertappt und google meinen Kreisverband. Da steht ja alles: Der nächste Termin ist gleich am Samstag in Ingolstadt – die »Mitgliederversammlung zur Wahl von VertreterInnen für die VertreterInnenversammlung zur Europawahl«. Es würden die Menschen gewählt werden, die anschließend die Menschen wählen, die bei der Europawahl gewählt werden können.


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Kommentare

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Kommentar:

  • Heiko Annacker (0) Sehr geehrter Herr Haberl,

    Ihre entwaffnende Offenherzigkeit ist einfach nur köstlich. Zwei Beispiele gefällig:

    - Mein Vater hat mir diese Frage auch gestellt. »Du hast dich doch noch nie für was engagiert außer für dich selbst«, sagte er.

    - Ich erfuhr, dass er auch Journalist ist und früher bei der Frankfurter Rundschau, danach viele Jahre in Namibia als Entwicklungshelfer gearbeitet hat. Sein Spezialgebiet sind Auslands- und Friedenspolitik, der Nahe Osten, Israel und Palästina. Dafür reist er in den Gazastreifen, hält Kontakt zu palästinensischen und jüdischen Intellektuellen – ich habe zuletzt Boris Becker in einem Londoner Zigarren-Club interviewt.

    Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

    Schönes Leben noch ...

    Heiko Annacker
  • Josef Seidel (1) Die Aussage, dass für die Rettung der HRE usw. das Geld ja auch dagewesen sei ist falsch und gefährlich. Es war eben nicht da, das Geld, das werden wir alle nach der Wahl noch merken. Wenn man gerade einen Kredit aufgenommen hat, um den Wiederaufbau des abgebrannten Hauses zu bezahlen wäre das sonst auch ein gutes Argument dafür, erstmal eine Weltreise zu machen, weil für das Haus das Geld ja auch da war. (Jaaa, ich weiß, dass viel Unsinn aus Steuergeldern finanziert wird - das ist zwar immer ärgerlich, aber keine wirklich entscheidende Größenordnung.)
  • Aquarius Jedermann (0) Nun ja, in erster Linie ein Artikel, über den man schmunzeln kann.

    Andererseits: Der Autor wird wohl kaum jemals in die Verlegenheit kommen, seine Ankündigung ("Wenn ich morgen meinen Job verliere, versuche ich, einen neuen zu finden, egal wo, egal was, ich käme nie auf die Idee, den Fehler im System zu suchen.") umsetzen zu müssen. Schließlich ist er gut situiert, etwas überheblich sowie gut ausgebildet und verfügt sicher auch über jede Menge nützliche Verbindungen.

    Tatsächlich sorgt aber der Staat auch für ihn, indem eben alles, was einen Staat ausmacht (öffentliche Einrichtungen, Rechtssystem usw.), auch für ihn bereitsteht. Das ist etwas, was die Apologeten des wirtschaftlichen Anarchismuses immer schnell vergessen machen möchten.

    Unterm Strich kommt dabei wohl heraus, dass auch die Menschen, die Parteimitlied bei der LINKEN sind, eben einen Teil der Gesellschaft repräsentativ abbilden. Genau so sind die Menschen eben, insbesondere diejenigen, die sich in Parteien und sonstigen Vereinen organisieren.

    Gefährlich sind diese Menschen einzeln nie, gefährlich können sie werden, wenn es nur noch eine Sorte gibt, die sich ständig selbst auf die Schultern klopft, ihre Weltsicht für die einzig mögliche halten und sich damit beschäftigen, alle anderen bis aufs Blut zu bekämpfen.

    Die LINKE ist zudem keine Kaderpartei, sondern einfach einen neue sozialdemokratische Bewegung, die den gleichen Irrtümern erliegen wird wie ihre Vorgänger (SPD, Grüne). Die Saat dafür ist bereits gestreut (Realisten versus Idealisten), was der Autor auch sogleich wortreich anmerkt.

    Das wäre schon eine gute Empfehlung an die ausführende Gewalt (Regierung und ihre Verfassungsschutzbehörde) doch Zeit und Geld zu sparen, da von diesen LINKEN keine Gefahr für das System droht. Denn letzteres besorgen schon die rabiaten neufeudalen Kräfte aus Banken, Versicherungen und ihre willigen Helfershelfer aus Parlamenten, Landesregierungen und Bundesregierung.
  • Frank Heinze (0) Sehr geehrter Herr Haberl,
    da fällt mir ein, das könnte für Sie noch von Interesse sein:
    In der Metropolregion Nue/Fü/Er hat sich ein "Bündnis Sozialticket"
    gegründet. Mit dabei sind die Kirchen, Sozialverbände, LINKE, Jusos, Gewerkschaft etc. :

    http://buendnis-sozialticket.de/erstunte...

    Auch da bewegt sich was! Wie lange kann die CSU dem widerstehen?

    MfG,
    Frank Heinze
  • Frank Heinze (0) Sehr geehrter Herr Haberl,

    vielen Dank für diesen tief humanistischen Artikel. Sie sind einer der wenigen Journalisten, die den Menschen in der LINKEN kennenlernen wollen.

    Wo sind wir gelandet, wenn die Verzweifelten und "Verrückten" diejenigen sind, die in der Öffentlichkeit die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung (ob jetzt raus aus Afghanistan, weg mit der Rente 67, weg mit Hartz4 etc.) artikulieren? Was sagt das über die sog. Volksparteien aus?

    Auch wenn die Ziele der Partei und die gesellschaftspolitischen Vorstellungen nicht die Ihren sind, unterschätzen Sie die Macht der Armen und Hoffnungslosen nicht. Wir in Erlangen haben z.B. trotz lediglich zwei von 50 Stadträten erreicht:
    -die Erstellung eines Armuts und Reichtumsberichtes wird endlich in Angriff genommen.
    - kostenlose Mittagessenversorgung bedürftiger Erlanger Kinder und Jugendliche.
    -Zusagen der Sparkasse: Es werden von der Sparkasse keine Kredite oder Hypotheken an "Finanzinvestoren" verkauft. Und Jede/r ErlangerIn hat Anspruch auf ein kostenloses Guthaben-Girokonto.
    -Auf Antrag der Erlanger Linken im Stadtrat wird eine Novellierung des bayerischen Sparkassengesetzes angestrebt mit dem Ziel, Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat der bayerischen Sparkassen zur Mitbestimmung zu verhelfen.

    Unglaublich? Aber wahr! Warten Sie mal ab, welches Wahlergebnis die LINKE in Bayern und speziell in den Kommunen mit Gemeinderäten einfahren wird. Bedenken Sie, viele Leute können sich gar keine Zeitung leisten, die bekommen ihre Infos durch direkten Kontakt mit LINKEN.

    MfG,
    Frank Heinze
  • Persson Wals (0) Links, rechts, oben, unten... ich fürchte, dass die von dir beschriebene Schrebergartenvereinsmuffigkeit in allen Parteien gleich abläuft. Vermutlich muss man in der CSU eine Menge Bier trinken, in der CDU ein paar Rassistenwitze erzählen und bei den Grünen von seinem heiter-warmen Sonnengeflecht schwärmen.

    Nun könnten wir Prada tragenden Yuppies natürlich mit den Schultern zucken und uns darüber ordentlich einen ankichern. Apple ist eben einfach cooler als Angela oder Oskar. Ist so, nützt ja nichts.

    Leider klappt das für mich nicht. Zwei Gründe: Zum einen meine 95-jährige Oma, die mir - klein und runzelig wie Yoda - hautnah über zwei Weltkriege zu berichten weiß und dass sie niemals damit gerechnet hätte, wie klammheimlich sich der Faschismus anschleichen kann. Immer wieder.

    Zum anderen sind da Menschen wie Henning. Er mag ein hoffnungsloser Idealist sein, keine Ahnung. Aber zumindest ist er kein verkappter Zyniker wie du und ich und fast unsere ganze Generation. Henning erinnert mich ein wenig an James Nachtwey. Diese Leute verdienen eine Menge Respekt.

    Wir zwei verdienen nur viel Geld.
  • Domingos Schmidt (0) Die Linkspartei erinnert mich immer an den Eifer neubekehrter Christen, die Wiedergeborenen in den USA z. B.:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...
    Neben diesen neubekehrten Linken gibts noch die Opis, Steinzeit-Kommunisten, die die DDR alles in allem für eine gute Idee halten und Stalin für einen guten Staatsmann. Und natürlich gibts immer die engagierten Pragmatiker, die zwischen diesen beiden Fronten zerquetscht werden. Deshalb ist die Linkspartei für mich persönlich unwählbar. Die Linkspartei macht eine ähnliche Entwicklung durch wie die Grünen: bei den Grünen haben die Opportunisten und liberal-grünen gesiegt, bei der Linken - vorerst - die Steinzeitkommunisten und MÖchtegern-Keynesianer wie Lafontaine.
  • Gerhard Mühlhausen (1) Ob die anderen Linken auch nur zu Selbsterfahrungszwecken Parteiangehörige waren?