Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 16°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 41/2009 Frauen

Die Nippel der Welt

Seite 3

Susanne Frömel  Fotos: Wiebke Bosse
Spätestens aber in den Siebzigern wurde Muttermilch zum Politikum: »Mein Körper gehört mir!« – für Feministinnen war die Flaschennahrung Ehrensache und vor allem ein Statement gegen das Stillen als patriarchalisches Instrument zur Unterdrückung der Frau. Gleichzeitig entstand eine Bewegung, die die mütterliche Bindung zum Kind wieder mehr ins Zentrum rückte. Nicht nur Brüste, auch Waldorfschulen, Biokost und Zukunftsangst sorgten dafür, dass die Stillquote in Deutschland gegen Ende der Siebzigerjahre nicht gekannte Höhen erreichte. Muttermilch als erlösender Faktor, das ist etwa für Eva Herman ein logischer Gedankengang. Auf öffentlichen »Gebetsfrühstücken« erzählt sie, wie aus ihrem neun Monate altem Sohn ein echter Kerl wurde, nachdem ihm ein Stück Gurke geklaut wurde: »Er hat so geweint. Da habe ich ihn kurz angelegt, er hat ein paar Mal gesaugt und sich beruhigt. Dann ist er losgekrabbelt, hat dem Dieb die Gurke weggerissen und ihm eine Ohrfeige verpasst.« Die Milch macht’s. Offenbar ist an dem Werbespruch wirklich etwas dran.

Als kürzlich während einer Plenarsitzung die Berliner SPD-Abgeordnete Stefanie Winde ihr Baby in der ersten Reihe stillte, wurde sie in die hinteren Reihen verwiesen: »Solch ein Verhalten ist nicht angemessen.« Gleichzeitig gilt das Stillen als ultimative Auszeichnung der guten Mutter. Richtige Hardliner treffen sich in Internetforen wie beispielsweise »Stillen-und-Tragen.de«. Eine Frau, die sich »MissChippy« nennt, schreibt dort etwa einen »Liebesbrief an mein Stillkind«. Von unvergesslich »genüsslichem Schmatzen und Saugen« ist darin die Rede und davon, wie das Kind »meine freie Brustwarze gezwirbelt (hat) *autsch* – ich habe jeden Moment genossen«. Aber es wird noch poetischer: »Ich liebe es, wenn du im Vorbeigehen mal schnell auspackst«, schreibt MissChippy, »ich liebe deine kleinen nassen Küsschen, wenn du meine Brust morgens im Bett wachküsst, und Dein zufriedenes Grinsen, wenn du andockst und genussvoll die Milch trinkst.« Das betreffende Kind ist über zwei Jahre alt und heißt Malte Torben.
Anzeige
Die Alternativen zur Brust heißen Aptamil, HA Plus oder Milumil. Die Namen klingen ein wenig technisch, aber in Zeiten, als Muttermilch wegen der hohen Belastung durch Schwermetalle als veritables Mordinstrument galt, fütterten Mütter, die etwas auf sich hielten, ihr Kind eben mit Pulvermilch. Und beinahe hätte die Pulvermilch den Busen überflüssig gemacht. Dann startete die Regierung ein Brust-Rettungsprogramm, dessen Vorsitz den Titel »Nationale Stillkommission« trägt. Die Kommission ist zum Beispiel dafür zuständig, »Initiativen zur Beseitigung von Stillhindernissen« zu unterstützen und das »Stillen in der Bundesrepublik Deutschland zu fördern«. Es hat etwas gebracht, so weit man das sagen kann. Inzwischen gibt es zum Beispiel das Zertifikat »Stillfreundliches Krankenhaus«. Immer mehr Klinikchefs möchten sich das an die Wand nageln.

Es gibt keinen Zweifel, dass Stillen für das Kind das Beste ist. Aber es ist möglich, dass die Vorzüge nicht ganz so gravierend sind, wie es die Still-Mafia einen glauben machen will. Ein höherer IQ durch Muttermilch, ein geringeres Risiko für Leukämie, Diabetes oder einen erhöhten Cholesterinspiegel – all das ist, je nachdem, welche Studie man liest, nun ja, unklar. Auch der Schutz vor Allergien, allgemein ein Totschlagargument, ist nicht erwiesen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Schützt Stillen vor Übergewicht und Allergien?)
Seite 1 2 3 4
  • Frauen

    Problemstelle am Hinterkopf

    Unser Autorin leidet an etwas, worüber man nur ungern spricht: einer beim Schlafen plattgelegenen Haarstelle, die sich kaum beseitigen lässt. Der Kommentar ihres Friseurs ist höchst frustrierend.

    Von Nataly Bleuel
  • Anzeige
    Frauen

    Schön bekloppt

    Wer eine Miss-Wahl gewinnt, verliert mal kurz die Fassung. Es ist der einzige echte Moment in einer durchgenormten Show.

    Von Lara Fritzsche
  • Frauen

    »Sie kümmert sich um verlorene Seelen«

    Der Schriftsteller Jochen Schmidt versteht seine Mutter oft nicht. Trotzdem ist dies eine Liebeserklärung.

    Von Jochen Schmidt