Gesellschaft/Leben | Heft 42/2009
Projekt Neustart
Von Meike Winnemuth Foto: Getty

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat festgestellt, dass fast jeder zweite Deutsche nicht in dem Beruf arbeitet, den er mal erlernt hat – fast amerikanische Verhältnisse. Ich wäre also gar nicht so allein, wenn ich umstiege. Marcel Erlinghagen, ein Duisburger Soziologe, der sich seit Jahren mit der Entwicklung des Arbeitsmarkts beschäftigt, sagt, dass statistisch gesehen die Leute vor allem dann den Job wechseln, wenn die Wirtschaft brummt. Weil sie sich mehr Geld erhoffen und bessere Aufstiegschancen. Leichter wäre es wohl, wenn ich mich nach unten verändern, mich beispielsweise im Supermarkt an die Kasse setzen würde. Denn wie viele Journalistinnen gibt es schon, die erfolgreich zur Molekularbiologin oder Hedgefonds-Managerin umgeschult haben?
Nächster Versuch: das Geva-Institut, Geva bedeutet »Gesellschaft für Verhaltensanalyse und Evaluation« und bietet einen Online-Test an, für 38 Euro. Mir werden Fragen gestellt wie »Was könnte Ihnen Spaß machen?«, unter den möglichen Antworten kann ich »Maschinen und Gegenstände montieren« ankreuzen, »landwirtschaftliche Bepflanzungspläne ausarbeiten« und »Krankheiten diagnostizieren«. Eine Woche später erhalte ich einen 22 Seiten langen Auswertungsbericht mit Diagrammen und Statistiken (PR/Medien: 100 % Eignung, Gesundheitswesen: 16 %). Auf der letzten Seite steht unter »Fazit«: »Bewerben Sie sich für Tätigkeiten, bei denen Ihre persönlichen Stärken gefragt sind.« Leute, das führt doch zu nichts.
Neue Überlegung: Wenn sich schon kein Plan B findet – ließe sich dann wenigstens Plan A aufmotzen? An einem Sonntagmorgen um neun beginnt in einem Münchner Büro mein Relaunch bei Jon Christoph Berndt, Markenexperte und Erfinder des Konzepts »Human Branding«. Seine Idee: Was für Autos und Waschpulver gilt – be different or die! –, gilt auch für Menschen. Jeder sollte eine Marke sein, unverwechselbar, wiedererkennbar, eindeutig positioniert.
Die amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich beschäftigt sich seit Jahren mit der prekären Lage des modernen Arbeitnehmers. Sie sagt, das Gute am freien Unternehmertum sei, dass jeder mitspielen kann – das Schlechte sei, dass immer häufiger auch diejenigen verlieren, die gar nicht freiwillig mitgespielt haben. Neu ist, dass das inzwischen auch für die Mittelschicht gilt: Jetzt verlieren Manager, Abteilungsleiter ebenso ihren Job wie Arbeiter oder einfache Angestellte. Und der Soziologe Ulrich Beck prägte den Begriff der »Brasilianisierung« des Arbeitsmarkts in Deutschland: »eine Ausbreitung prekärer, unkontinuierlicher, unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, wie sie für den südlichen Teil des Globus charakteristisch sind«.
Aber kann mich denn in irgendeiner anderen Branche jemand brauchen? Es gibt sie ja, diese Lebensläufe, die Mut machen: der Lehrer, der jetzt Unternehmen berät, die Ärztin, die in die Werbung wechselt. Siemens stellt jedes Jahr Hunderte von Quereinsteigern ein, vier von fünf Stellen werden zwar immer noch mit Ingenieuren und Naturwissenschaftlern besetzt, doch bei den übrigen zwanzig Prozent sind angeblich atypische Lebensläufe gern gesehen, wegen der Allrounderqualitäten, die Quereinsteiger mitbringen: die Sinologin, die besser mit Chinesen verhandeln kann als ein Betriebswirt, der Theologe, der Fragen der Personalführung anders betrachtet als der Betriebsjurist. Auch bei Firmen wie McKinsey gehört die Arbeit mit bunt gemischten Teams zur Unternehmenskultur. Eine Gruppe von Geisteswissenschaftlern, Juristen und Ärzten findet oft andere – und bessere – Lösungen als zehn BWLer, die alle dasselbe denken.
Okay, umsteigen also. Ein letzter Versuch noch: Ich treffe mich mit der Trainerin Gudrun Schwarzer, die Orientierungssuchende nach der Methode der Autorin Barbara Sher (Wishcraft) berät. Die geht kurz gesagt so: Herausfinden, was man liebt, und es dann tun. Teil eins ist oft schon der, an dem die meisten scheitern, sagt Schwarzer. »Dabei weiß jeder, was er will. Es wird nur meist als unmöglich abgetan und gelangt deshalb gar nicht ins Bewusstsein.« Sie macht zwei Übungen mit mir. Ich soll mir irgendeine Person aussuchen, die ich gern wäre, sie interviewt mich in dieser Rolle. Ich spiele Leonardo da Vinci. Schwärme von meiner neuen Erfindung, dem Hubschrauber, für den die Welt noch nicht bereit ist, und bedauere, dass nie genug Zeit für all meine Interessen ist. Ich werde in der Sher’schen Terminologie als »Scanner« entlarvt, der sich für alles und nichts interessiert, der sich nicht festlegen mag. »Und Sie müssen sich auch nicht festlegen, Sie können das alles sein«, sagt Schwarzer. »Es wird nur oft nicht anerkannt, unsere Kultur liebt nun mal Fachleute.«
Die zweite Übung ist so einfach, dass ich fast an ihr verzweifle. In der Paradies-Übung soll man schildern, was man täte, wenn alles, absolut alles möglich wäre, ohne Rücksicht auf Zeit, Raum, Geld oder Logik. Wie würden Sie leben? Was würden Sie den ganzen Tag tun? Ich fabuliere drauflos, hinterher gehen wir alles durch, ich soll mit bis zu zehn Zählern bewerten, wie wichtig mir die einzelnen Punkte sind. Dann werden die Zehn-Punkte-Kandidaten noch mal haarfein auseinandergefieselt – »Was genau lieben Sie daran?« –, bis am Ende übrig bleibt: Ich liebe die Freiheit, das Nachdenken mit anderen, das Fremde, das Querverbinden. Frau Schwarzer findet, ich sollte Journalistin sein. Und nun?
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"Es ist erstaunlich, dass die wenigsten Leute das tun, was sie lieben und was ihnen liegt", diese Worte der Düsseldorfer Lebensberater hat Meike Winnemuth noch im Ohr. Als Kind wollte sie Ornithologin, Innenarchitektin oder Lateinlehrerin werden, konnte sich nicht entscheiden und wurde folgerichtig: Journalistin. Und bleibt es wohl auch.
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