Literatur 10. November 2009 Noch keine Kommentare
"Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, wenn jemand mein Auto anzündet."
Im Juli 2000 gab Hans Magnus Enzensberger dem SZ-Magazin ein langes Interview. Am Mittwoch wurde Deutschlands einflussreichster Intellektueller 80 Jahre alt. Hier können Sie das Gespräch noch einmal lesen.
Von Dominik Wichmann und Georg Diez
SZ-Magazin: Früher gab es oft Streit um Ihre Person. Heute verleiht man Ihnen Orden. Was haben Sie falsch gemacht?
Hans Magnus Enzensberger: Jeder, der in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit für sich beansprucht, nervt die Welt. Nach einer Weile versucht man ihn loszuwerden. Wenn das nicht klappt, dann sagt man sich: Das hat keinen Zweck, den kriegen wir nicht mehr weg.
Und dann?
Der Störenfried wird adoptiert. Das kann dann ganz extreme Formen annehmen. Wenn Sie sich zum Beispiel an Ernst Jünger erinnern. Der frühere Bundeskanzler Kohl kam zu dessen hunderts-ten Geburtstag mit Kaffee und Kuchen. Schlimmer noch: Ernst Jünger war am Ende nur noch deswegen berühmt, weil er hundert war. Seine Bücher aber hat niemand mehr gelesen.
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Graut Ihnen vor so einer Existenz?Der Rummel um meinen siebzigsten Geburtstag im letzten Jahr hatte schon etwas sehr Zwei-schneidiges. Lorbeerbäumchen, Talkshows, Interviews geben - das alles mag ich nicht. Ich stehe nicht gern im Rampenlicht. Diese naive Eitelkeit, die man braucht, um sich auf einer Bühne wohl zu fühlen, ist mir nicht gegeben. Viel lieber ist es mir, wenn irgendwelche Leute meine Bücher öffnen.
Bücher öffnen?
Ja, von lesen war nicht die Rede.
Herr Enzensberger, an Ihrer Person kleben so viele Etiketten, dass man sich fragt, mit wem wir hier eigentlich sprechen: einem konservativen Alten oder dem interessantesten deutschen Intellektuellen Ihrer Generation?
Wer und was war ich denn schon alles? Meine Titel kann man ja aufzählen: Einmal ist man Zerstörer der Literatur, der Chefideologe, ein anderes Mal ein Neokonservativer, dann wieder der Anarchist. Das, was über einen in der Zeitung steht, das nennt man wohl Pluralismus. Da habe ich mir eine Regenhaut angewöhnt. Das tropft ab.
Wie dick ist diese Regenhaut?
So ungefähr. (Hans Magnus Enzensberger beschreibt mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand einen Abstand von etwa einem Zentimeter.)
Wird die Haut mit zunehmendem Alter dicker?
Der Eigensinn nimmt zu. Und die Dickhäuterei sehe ich als eines der Risiken des Alters. Es ist einem einfach immer mehr Wurscht, was die anderen sagen. Eine merkwürdige, nicht ganz ungefährliche Immunität. Wenn jemand einen beschimpft, ein Buch oder einen Essay schlecht findet, öffentlich auf einem herumhackt und einen das alles völlig kalt lässt, dann ist das zwar angenehm, weil man sich blöde Aufregungen erspart. Es hat aber trotzdem etwas für sich, wenn einem Verletzungen leichter unter die Haut gehen.
War das früher anders?
Da war ich vor allem überproduktionsgefährdet. Wollte alles, wollte überall dabei sein. Nicht nachgeben, Recht bekommen, Recht behalten. Ich glaube sogar, dass es eine Arbeitsteiligkeit in den Altersstufen gibt. Niemals sind Erwachsene so genial, wie sie es als Kinder waren. Das Furchtbarste ist wahrscheinlich die Pubertät, aber davon wollen wir mal schweigen. Dieser dreißigjährige, hungrige Typ zum Beispiel, wenn es den nicht gäbe, das wäre doch verheerend.
Wieso?
Es muss eine Altersgruppe geben, die es wissen will, die sich Platz macht. Am entbehrlichsten ist da vielleicht die 45-Jährigkeit. Da haben alle schon ihre Positionen, die wenig verrückbar sind. Das ist wohl kein so produktives Alter. Dagegen kenne ich viele Leute, die mit achtzig eine Art Altersradikalität entwickelt haben, die ganz anders ist als die Radikalität eines 25-Jährigen. Diese Alten haben nichts mehr zu verlieren. Ich höre denen wahnsinnig gern zu. Ob sie berühmt sind oder nicht, ist doch egal. Meine Mutter zum Beispiel, die ist 95. Wie die über den Papst redet. Diese Unbeeindruckbarkeit. Toll!
Ist Unbeeindruckbarkeit ein Kriterium des Alters?
Wahrscheinlich. Ich merke das an mir ja auch.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum sich Enzensberger aus bestimmten Debatten heraushält und was er von Banken hält.
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