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aus Heft 47/2009 Sport

Geordnete Übergabe

Andreas Bernard 

Uli Hoeneß macht nach 30 Jahren Platz an der Spitze des FC Bayern. Zum Abschied hat er uns so nah an sich herangelassen wie noch niemanden zuvor: im Stadion, im Büro, in der Wurstfabrik, zu Hause.

Hausarbeit unter den Augen von Che: Uli Hoeneß im Zimmer von Paul Breitner. Von 1970 bis 1073 lebten die beiden Jungprofis des FC Bayern in einer WG in München-Trudering. Die Aufgaben wurden jeden Morgen geteilt: Einer machte die Betten, der andere spülte ab.
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Der Mittwoch vor Christi Himmelfahrt ist ein außergewöhnlich heißer Maitag. Heute will Jürgen Klinsmann, dreieinhalb Wochen zuvor als Trainer des FC Bayern München beurlaubt, in Stern TV zum ersten Mal öffentlich über seine Entlassung sprechen. Drei Tage später wird sich entscheiden, ob das Team im letzten Saisonspiel doch noch die Meisterschaft erringen kann oder sich, im schlimmsten Fall, nicht einmal für die Champions League qualifiziert. Und Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern, steht an diesem Abend auf einer Kanzel und spricht zu seiner Gemeinde.

Die Veranstaltung »Der besondere Gast« in Kempten findet gewöhnlich im Pfarrheim neben der Basilika St. Lorenz statt. Dieses Mal jedoch ist das Gespräch, moderiert vom Pfarrer der Gemeinde und dem langjährigen CSU-Vorsitzenden Theo Waigel, in die mächtige Basilika selbst verlegt worden. Am späten Nachmittag trifft Uli Hoeneß mit seinem Fahrer am Pfarrheim ein, in einem Audi, der, wie alle Dienstwagen des FC Bayern im Jahr nach einer Meisterschaft, die Initialen »DM« für »Deutscher Meister« im Kennzeichen trägt. Entspannt, aber mit hochrotem, fast violettem Kopf steigt er aus dem Auto. Es bestätigt sich, was seine Ehefrau später erklären wird: dass die oft alarmierende Gesichtsfarbe ihres Mannes nichts über seinen Gemütszustand aussagt, sondern mit extremer Hitzeempfindlichkeit zu tun hat.

Auf der Kanzel der Basilika steht Uli Hoeneß später zwischen Waigel und dem Pfarrer, ein Mikrofon in der Hand, und redet über seinen Lebensweg als Spieler und Manager. Unten in den überfüllten Kirchenbänken sitzen vier-, fünfhundert Leute. Auf die Frage nach seinem Glauben geht er kaum ein, sagt nur einmal, das christliche Prinzip der Nächstenliebe habe sein Handeln geprägt – und dennoch haftet der Veranstaltung mehr und mehr etwas Religiöses an: Wenn Uli Hoeneß, wie es seine Art ist, im Lauf der Rede auf einmal die Stimme erhebt und von einem Fußballthema ins Allgemeingesellschaftliche wechselt, dann wirkt er in dieser Umgebung tatsächlich wie ein Prediger. Am Ende gibt es sogar eine Art Kommunion: Die Menschen strömen aus den Bänken heraus, reihen sich vor der Kanzel ein, um eine Gabe entgegenzunehmen, allerdings keine Hostien, sondern die von Hoeneß mitgebrachten Autogrammkarten.

Bei der Diskussion zuvor hat sich Uli Hoeneß noch über den ARD-Brennpunkt am Tag nach Klinsmanns Beurlaubung ausgelassen. »Der Witz des Jahres« sei es gewesen, eine Meldung aus der Welt des Fußballs zum Gegenstand einer solchen Sondersendung zu machen. Doch nun bestätigt sein eigener Auftritt in der Kirche genau diesen Stellenwert: Die Menschentraube um Hoeneß löst sich lange Zeit nicht auf; jeder, vom sechsjährigen Jungen bis zum Greis in Tracht, will etwas von ihm wissen, will die einmalige Gelegenheit nutzen, ihm persönlich eine Frage zum FC Bayern zu stellen »Der Oddo geht schon wieder nach Mailand, oder?« – »Ja, klar.« – »Hätte man nicht vorher wissen müssen, dass das mit Klinsmann nichts wird?« – »Vielleicht. Aber wir sind keine Hellseher.

«Fußball ist das Gemeinschaftsstiftende schlechthin; alle haben etwas zu dem Thema zu sagen, haben eine Meinung, eine Idee, eine Variante für die Mannschaftsaufstellung am Samstag. Die Politik, das zeigt sich in der halben Stunde deutlich, kann mit dieser Anziehungskraft nicht mithalten. Denn während Uli Hoeneß mit unerschöpflicher Geduld Autogrammkarten verteilt, steht Theo Waigel, immerhin knapp zehn Jahre lang Bundesfinanzminister, völlig unbehelligt auf der Kanzel. Nur manchmal wendet sich ein Besucher, nachdem er die Hoeneß-Signatur ergattert hat, noch an ihn und fragt, ob er am Rand der Karte auch unterschreiben könne.

Der Abend in Kempten gehört zu den ersten Stationen eines Vorhabens, dem Uli Hoeneß nach längerer Skepsis zugestimmt hat – der Idee, ihn im letzten Jahr als Manager beim FC Bayern zu begleiten, bis zu seiner Kandidatur als Präsident auf der Jahreshauptversammlung am 27. November. Es ist der Versuch, einem Menschen näherzukommen, dessen öffentliche Wirkung sich auf bemerkenswerte Weise zwischen zwei Polen bewegt: zwischen Kalkül und Leidenschaft, zwischen konsequentem Leistungsdenken und einem ungewöhnlichen Maß an sozialem Gewissen. Wer ist Uli Hoeneß wirklich? Nach welchen Grundsätzen hat er den Verein organisiert, und was wird sich beim FC Bayern alles ändern, wenn er aus der ständigen Führung des Clubs ausscheidet? Hoeneß wird auf diese Fragen bei verschiedenen Gelegenheiten Auskunft geben, auf der Fahrt zu Vorträgen, im Trainingslager und in seiner Nürnberger Wurstfabrik, aber auch in regelmäßigen Interviews. In seinem letzten Jahr als Manager möchte er eine Bilanz seiner Zeit beim FC Bayern ziehen – in einem Jahr, das so turbulent und schwierig wird wie nur wenige in seiner dreißigjährigen Amtszeit: von der Entlassung Jürgen Klinsmanns im April bis zu der großen Krise um Louis van Gaal, Philipp Lahm und die grundsätzliche Vereinspolitik des FC Bayern in den Tagen vor der Jahreshauptversammlung.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein Manager "unplugged" - wie Hoeneß ohne Computer arbeitet und am Telefon Real Madrids Präsidenten zum Schweigen bringt.