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aus Heft 50/2009 Gesellschaft/Leben 8 Kommentare

Henryk M. Broder trifft Maxim Biller

Seite 2

Von Evelyn Roll und Tobias Haberl (Interview)  Alfred Steffen (Fotos)



Henryk M. Broder
Und Sie, Herr Broder, hatten keine Angst, Ihren Ruf durch diese Spaßbewerbung zu ruinieren?
Broder:
Das war mir wurscht. Außerdem habe ich meine Bewerbung mit sachlichen Hinweisen dazu verbunden, was an diesem deutsch-jüdischen Zirkus faul ist.

Biller: Dein Problem ist, dass seit vierzig Jahren alles unkontrolliert aus dir nach außen strömt. Man weiß nie, was wie gemeint ist. Du machst die ganze Zeit Witze, manche sind gut, und alle denken, das ist jüdischer Humor, aber viele deiner Witze sind gar nicht jüdisch.
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In Ihrem Buch Der gebrauchte Jude charakterisieren Sie Broder als "klein, bärtig und bösartig". Ehrlich gesagt, wir dachten, Sie sind Freunde.
Biller:
Weil alle Juden sich kennen müssen, damit sie zusammen böse Sachen gegen die Nichtjuden aushecken können? Nein, wir beide kennen uns praktisch gar nicht. Und wenn er sagt, er will genau so gern mit Teresa Orlowski reden wie mit mir – dann ist das nicht jüdischer, sondern schlechter Humor. Nein, tut mir leid, es gibt keine Freundschaft zwischen dem Juden Biller und dem Juden Broder. Ich habe Henryk das erste Mal in Tel Aviv getroffen, auf Vermittlung einer Redakteurin. Später habe ich ihn noch einmal getroffen in Jerusalem. Lustig ist, dass er für den Spiegel mein neues Buch kritisiert und man ihm zwei Spalten dafür gibt zu erklären, dass wir damals in Tel Aviv Lasagne und nicht Hühnersuppe gegessen haben …

… wie Sie es im Buch beschreiben.
Biller:
Es kann doch nicht sein, dass unser größtes Nachrichtenmagazin ihm fast eine Seite für so einen Quatsch gibt. Oder ist es gar kein Nachrichtenmagazin mehr? Und warum lassen Sie ausgerechnet einen Juden das Buch eines Juden kritisieren? Die denken sich doch: Sollen die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, da mischen wir uns gar nicht ein, das ist unsicheres Terrain.

Broder: Du bist paranoid. Dem Spiegel ist es egal, wie viel von dieser Lasagne zu lesen ist, Hauptsache, die Geschichte ist gut geschrieben.

Biller: Aber du kannst doch gar nicht schreiben, Henryk, wie soll das gehen? Du hast ab und zu eine gute Idee und prügelst sie dann durch die Seiten.

Broder: Das sagst du nur, weil du emotional ein Problem mit mir hast. Gott sei Dank hast du nicht gesagt, ich langweile dich. Das wäre das Einzige, womit
du mich kränken könntest. Im Übrigen finde ich, dass du gut schreibst.

Biller: Bist du so naiv oder ruhmsüchtig? Wenn der Spiegel vor einem jüdischen Thema Angst hat, schickt er dich los. Hmm, denkt da einer in der Spiegel-Kulturredaktion, Der gebrauchte Jude, das neue Buch vom Biller, gefährlicher Titel. Das lassen wir lieber einen von denen erledigen, dann machen »wir« keinen Fehler.

Broder:
Das ist Unsinn, du interpretierst da so viel rein.

Warum haben Sie das Buch so heftig verrissen, Herr Broder?
Broder:
Habe ich doch nicht.

Immerhin steht in Ihrer Kritik: "Maxim ist ein Literat, der sich selbst eingerichtet hat, in einem Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit."
Broder:
Im Prinzip ist meine Kritik doch eine Liebeserklärung an Maxim Biller. Ich finde, er kann schreiben. Das habe ich an drei bis vier Stellen der Rezension betont. Und Maxim, wenn ein Nichtjude dein Buch verrissen hätte, hättest du dich darüber aufgeregt, dass ein Nichtjude auf einen Juden losgelassen wird. Es wurde aber ein Jude auf einen Juden losgelassen, und das regt dich genauso auf. Weil dich alles aufregt, was dich nicht auf einen Sockel stellt mit einer Schar von Anhängern, die auf den Knien liegend zu dir aufschauen und sagen: Du bist der Größte! Weißt du was? Ich bin ein Pausenclown, aber du bist es auch. Mit dem Unterschied, dass ich einen Mehrwert daraus ziehe und du ein Drama daraus machst.

Biller: Das siehst du so. Ich sehe es anders. Ich nehme meine Arbeit sehr ernst. Ich leide oft und schön und zuweilen sehr poetisch darunter, was es bedeutet, jeden Tag zu schreiben.

Broder:
Ich würde nie etwas machen, worunter ich leide.

Biller:
Das ist der Unterschied. Mich strengt es sehr an, eine Seite zu schreiben, von der ich denke: Die war schon so gemeint, als die Welt geschaffen wurde, und sie kann nicht anders sein.

Broder: Warum schreibst du dann?

Biller: Weil es mich erfüllt. Weil ich ohne Schreiben depressiv werde. Und dass du sagst: Ich bin ein Clown und die anderen jüdischen Autoren sind auch Clowns, das geht mir auf die Nerven.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Hier habe ich dann schnell gemerkt, dass die anti-antisemitische, aber auch kollektivistische deutsche Nachkriegsgesellschaft von mir nur eines möchte: dass ich mich in ihr auflöse, wenn ich schon nicht weggehe." (Maxim Biller))

Kommentare

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Kommentar:

  • Dominick Schott (0) Wenn das zwei Pausenclowns sind, arbeite ich lieber durch. Wobei: Broder ist wenigstens schlagfertig. Biller ist nur ichbezogen weinerlich.
  • atze berlin (0) das war richtig grausam. es war mit das schlimmste was ich je gelesen habe. was redet biller denn da? er sollte dringend den therapeuten wechseln! beim jüdischen schach ist alles erlaubt, bis auf die anwendung körperlicher gewalt? das sagt biller doch nur, weil er weiss, dass ihn selbst ein einarmiges 11-jähriges mädchen niederschlagen könnte und dies auch durchaus in betracht ziehen würde.
  • Martin Protz (0) Zwei Männer, die sich unablässig beleidigen, ohne wirklich böse zu werden - wundervoll! Mir hat's Spaß gemacht und erkenntnisreich war's auch - danke an beide!
  • Simon Weber (3) Bei dem Interview krieg ich den Eindruck einer "Judenshow": Zwei Berufsjuden machen Kunststückchen im Zeitungszoo mit selbstgebastelten Schildern "Gattung: Homo, Spezies: Jude". War das das Ziel des Interviews, oder sind Broder und Biller selbst auf diese Idee gekommen?

    Viel schlimmer können die Wildenvorstellungen in Hagenbeck's Tierpark des vorvergangenen Jahrhundertsauch nicht gewesen sein... Broder und Biller dürften doch eigentlich mehr drauf haben, als für eine Zeitung die streitlustigen Juden zu spielen.

    Naja, nächstes mal wenigstens das Ganze als Humoreinlage kennzeichnen, damit Menschen, die keine anderen Juden kennen, keinen falschen Eindruck kriegen und damit humorlose Menschen wie ich sich nicht so sehr fremdschämen müssen ;-)
  • Kurt Lippert (0) Dick und Doof
  • Michael Tarnowski (1) B&B: zwei infantile Wichtigtuer, die im Sandkasten ihrer Befindlichkeiten spielen und gegenseitig wetteifern, wessen Pipimann der grössere ist: die eigene Eitelkeiten, das "bessere Juden Sein", die eigene Kindheit, die eigene literarische Bedeutung - "Meine ist größer!" - "Gar nicht!" - "Dooch...!" - "Mennoo...".
    Schade, dass diese Pausenclowns sich im jüdisch/deutschen Literaturdiskurs so vordrängen können.
    Nach Lesen des Artikels habe ich sofort alle B&B-Bücher im Altpapier entsorgt.
  • Josef Hellmann (0) Gelesen habe ich es, aber Teresa Orlowski als Partnerin hätte das Gespräch sicherlich spannender gemacht. Wir erfahren, dass die armen Juden nicht in Deutschland angekommen sind bzw. von den deutschen Mitbürgern nicht angenommen werden. Dennoch gehen sie nicht nach Israel, auch nicht dann, wenn sie darüber einen Witz machen, den wir nicht verstehen. Sie sind Pausenclowns, und sie verdienen Geld damit. Es sei Ihnen gegönnt. Schade ist nur, dass von den Menschen jüdischen Glaubens vorwiegend denen in der Öffentlichkeit Gehör gegeben wird, die eher unsymphatisch wirken. Herrn Friedman habe ich in dieser Runde wirklich vermisst,
  • Jeeves Kadeem (0) Das sind beides unangenehme Mitmenschen und deshalb les ich's erst gar nicht.