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aus Heft 52/2009 Gesellschaft/Leben

"Gestern Abend mit einem komischen Gefühl meine Ausrüstung fertig gemacht."

Die Weihnachtspost der deutschen Soldaten aus Afghanistan.

Gestern Abend mit einem komischen Gefühl meine Ausrüstung fertig gemacht. Es geht nach Kundus. In den Krieg? Jedenfalls sterben dort Menschen. Oberstleutnant Boris Barschow, 42, Masar-i-Scharif 2009.
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1. Ankunft


Hallo, mein Liebling, ich bin kaum aus der Tür und vermisse Euch jetzt schon so sehr. Wir fliegen in einer halben Stunde ab, und Du kannst Dir nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, von Euch getrennt zu sein. Ich melde mich, sobald ich die Möglichkeit habe. Mach Dir keine Sorgen. Ich liebe Dich.
Oberstleutnant Markus Mossert*, 35, Masar-i-Scharif 2009.
(*Namen von der Redaktion geändert)


Nach 6 Stunden Flug ab Köln landeten wir gegen 22:30 Uhr örtlicher Zeit in Termes, Usbekistan. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Kabul, endlich mal wieder Transall fliegen. Dieser Lastesel der Bundeswehr fliegt seit knapp 40 Jahren. Zum Pinkeln hätte ich eine Klappe im Flugzeugheck benutzen dürfen, immerhin mit Anstandsvorhang. Ich habe verzichtet.
Oberstabsarzt Jens Weimer*, 34, Kabul 2006.

Es war schon ein komisches Gefühl, in Termes aus dem Luftwaffenairbus zu steigen, in den am nächsten Morgen der Sarg mit dem gefallenen deutschen Hauptfeldwebel eingeladen wurde, um ihn nach Deutschland zu fliegen. Die Stimmung als gelöst zu beschreiben würde es nicht treffen.
Stabsoffizier Hermann West*, 40, Kabul 2008.


Nachdem ich jetzt Internetzugang habe, möchte ich liebe Grüße vom A… der Welt in dieselbige senden. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich das heute in Form einer Sammelmail tue, aber die Verteidigung der deutschen Sicherheit am Hindukusch (Danksagungen nehme ich gerne entgegen …) erfordert meinen ganzen Einsatz.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Faisabad 2004.


Hier ist alles 100 Mal schlimmer, als es mir in meinen kühnsten Träumen erschien. Wenn Albanien schon schlimm war, was Armut betrifft, und Bosnien, was Zerstörung betrifft, so kann das alles hier mühelos getoppt werden. Der Dreck, der Staub ist unbeschreiblich. Waschen in der Früh bei minus 8 Grad aus der Flasche, weil der Wassercontainer meist eingefroren ist. Die Toilette ist ein Donnerbalken. Von einem Wasserhahn träumen hier alle, von einer Dusche gar nicht zu reden.
Oberstleutnant Bertram Hacker, 61, Kabul 2002.

Nach den Wochen des Ankommens und der Anpassung an Klima, Geräusche etc. schlafe ich prächtig und viel. Vielleicht würde mein bislang nicht existenter Therapeut sagen, ich verdrängte. Vielleicht bin ich auch einfach nur stumpf genug, vieles an mich gar nicht ranzulassen.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz*, 27, Kundus 2009. Mitglied der Schnellen Eingreiftruppe.

Weihnachten in Afghanistan, I.
Bei uns kommt der Weihnachtsmann mit der CH-53 angeflogen. Die Hubschrauber fliegen im 10-Minuten-Takt über unsere Köpfe. Minus 20 Grad und kälter haben wir nachts, das Mittel dagegen heißt: Glühwein, viel Glühwein. Sieg und fette Bräute, Björn!
Hauptgefreiter Björn Uwe Schulz, 23, Kabul im Dezember 2006.
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2. Der Einsatz beginnt

Waren auf Nachtpatrouille raus. Sehr aufregend. Wir sind in ein Dorf namens Madrassa gefahren, sind aufgesessen und haben dann den Patrouillenweg zu Fuß fortgesetzt. Im Stockdunkeln, mit Nachtsichtgeräten. Ich war schwer bewaffnet … das Harmloseste war noch eine Familienflasche Tränengas, so groß wie ein kleiner Feuerlöscher.
Hauptgefreiter Robert Klein*, 23, Kabul 2007.

Man braust etwas soldatisch-romantisch in der Panzerluke stehend durchs Land, funkt ein bisschen hin und her, lebt von EPA, schläft auf dem Panzerdeck und denkt unter einem unendlichen Sternenhimmel über diese Welt nach.
Stabsarzt Christian Werner*, 38, Kabul 2005.

In ein paar Tagen geht’s wieder raus. Dann nicht an die Front – das gibt’s in diesem Guerillakrieg in diesem Land gar nicht. Aber Talibanhochburgen. Und dort geht’s hin. Um im Vorfeld und während der Wahlen Präsenz zu zeigen und, wo nötig, kräftig auf den Busch zu klopfen.
Hauptfeldwebel Rolf Schmitz, 27, Kundus 2009.

Ich mach jetzt mit anderen Kräften einen neuen Auftrag, das ist bei Kundus! Genaueres darf ich nicht sagen! Leider ist es dort, wo die anderen zwei Soldaten gefallen sind. Brauchst Dir aber keine Sorgen zu machen, ich pass gut auf mich auf! Smile!
Hauptgefreiter Tom Granz*, 19, Kundus 2008.

Unsere Panzer haben alle Namen, leider aus der Sesamstraße. Meiner heißt Samson, nun ja. Schade, dass ich nicht mehr mit ganz vorne sitze und rausschauen kann. Jetzt kann ich eine Fahrt nach Imam Sahib nur am Schaukeln von einer nach Buxtehude unterscheiden. Also bleiben mir Buch und Rätselheft während der Fahrt. In der Kabine habe ich eine Luke, aber in und um Kundus ist es unratsam, den Kopf oben herauszustecken.
Oberstabsarzt Jens Weimer, 34, Kundus 2009.

Weihnachten in Afghanistan, II.
Die amerikanische Majorin hat einen kleinen Christbaum zwischen ihren Schreibtisch und meinen gestellt, und ich hab einen Kalender mit täglicher Schokolade hinter dem Türchen, das ist gar nicht so schlecht. Das Support Element lässt einen Christbaum aus DEU einfliegen, wie alles bei der Bundeswehr hat sogar der Christbaum eine Versorgungsnummer – unsere Logistik ist der Hammer. Und der Bundeswehrverband hat jedem Soldaten im Einsatz einen Schokonikolaus versprochen, die Einsatzbereitschaft des deutschen Heeres ist somit sichergestellt.
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.



3. Alltag im Lager

Der Fernseher ist den ganzen Abend und Nachmittag an. Wenn das nicht reicht, wird DVD geguckt, meist Kriegsfilmscheiß!! Da der Fernseher so steht, dass er genau neben mir ist, fliehe ich abends.
Oberstleutnant Bertram Hacker, 61, Kundus 2003.

Den Wohncontainer teile ich mit einem Dänen, ganz offenbar Hägars jüngerer Bruder – im Wettschnarchen liege ich trotzdem nach Punkten vorn. Die hygienischen Bedingungen erinnern an eine Jugendherberge in Mecklenburg fünf Jahre vor dem Mauerfall.
Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul 2008.

Bei uns geht alles unter im Schnee, und wir sind ständig beschäftigt damit, die Wege frei und die Fahrzeuge einsatzbereit zu halten. Am schlimmsten ist, dass unsere Satellitenschüssel zuschneit und wir nix mehr in die Röhre bekommen. Sonst ist alles ruhig, und wir bauen Schneemänner und Schneeengel, wobei die Schneeengel eher dadurch entstehen, dass wir einen Kameraden in den Schnee schubsen und ihn dann an den Beinen herumschleifen. Oder wir fangen eine Schneeballschlacht mit den Franzosen an.
Hauptgefreiter Björn Uwe Schulz, 23, Kabul 2006.

Hatte vergangene Nacht OvD-Dienst: Der Offizier vom Dienst ist derjenige, der im Fall der Fälle das Lager aus den Betten bläst und in die Bunker jagt. Nur hatte mir das keiner gesagt. Also zog mich um 20:45 Uhr, lange nach Dienstbeginn – im Radio lief gerade die Bundesliga-Schlusskonferenz, die uns vom SWR eingespielt wird –, ein aufgelöster Oberleutnant keuchend aus der »Feuchten Patrone«, wo ich beim zweiten Weißbier saß und eben eine Zigarre auf das herrliche Gefühl angezündet hatte, dass vor mir ein Sonntag lag, an dem ich ausschlafen konnte. Oberleutnant Claus Liesegang, 41, Kabul 2003.

Ich verbringe die Zeit mit Schlafen und Sport und habe nur einmal Playstation gespielt. Sonst ist dafür keine Zeit, oder ich bin platt wie ein Puffer. Hauptgefreiter Björn Uwe Schulz, 23, Kabul 2006.

Ich befürchte übrigens schon wieder das Schlimmste, was meinen Pommeskonsum hier angeht.
Oberleutnant Ulrich Ruder*, 31, Masar-i- Scharif 2007.

Weihnachten in Afghanistan, III.
Am Nachmittag eröffnet der General den Weihnachtsmarkt. Es gibt norwegische Waffeln, Glühwein und Stollen. Dazu eine heimelige Atmosphäre, die einen vergessen lässt, wo man ist. An die Ein-Becher-Regelung hält sich kaum einer, Glühwein in afghanischer Kulisse und Soldaten in Flecktarn mit Zipfelmütze sind einfach Ausnahmezustand.
Stabsoffizier Lars Stock*, 29, Masar-i-Scharif 2007.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Plötzlich eine Detonation, der Boden unter den Füßen vibriert. Ich drehe mich um und sehe einen Staubpilz in der Luft, 50 Meter von uns. Keiner weiß, was passiert ist. Ein zweiter und ein dritter Knall ..."
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