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aus Heft 09/2010 Familie

Sind das meine Augen?

Seite 2

Okka Rohd (Protokoll) 

Doch irgendwann habe mir die alten Kalender in der Küche geschnappt und nachgesehen, was überhaupt los war zu der Zeit, als meine Frau schwanger wurde: Bei Bastian war sie auf Betriebsausflug. Bei Marvin auch. Trotzdem ergab das noch kein Bild für mich. Doch dann machte sich plötzlich der Chef meiner Frau aus dem Staub. Heute vermute ich, meine Frau hatte ihm erzählt, dass ich einen Verdacht habe, und er hatte Angst, dass alles auffliegt.

Er ließ seine Frau und die Kinder zurück – sogar seine eigene Firma. Und da endlich dämmerte es mir. Der Chef und ich, wir kannten uns gut. Manchmal ist er vorbeigekommen bei uns. Es gibt ein Foto, da sitzt Basti auf seinem Schoß, mit den Fußballschuhen, die er ihm geschenkt hatte. Wegen der Kinder habe ich es noch ausgehalten mit meiner Frau. Ich habe mir immer gesagt: Erst müssen die Kinder größere Hände bekommen. Hände, mit denen sie sich wehren können. Damals waren sie ja erst sieben und neun.
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Aber dann habe ich mich in eine andere Frau verliebt, die war herzlich und großzügig. Und ich dachte: Wenn ich meine Frau jetzt nicht verlasse, leiden die Kinder nur noch mehr. So habe ich an einem Dienstagabend um neun meine Sachen in blaue Müllsäcke gepackt und bin ausgezogen. Meine Frau stellte mir ein Ultimatum: Eine Woche gab sie mir Zeit, die Entscheidung zu überdenken. Ich habe das Ultimatum ignoriert und stattdessen im Internet einen Vaterschaftstest bestellt.

Als ich meine Jungs das nächste Mal besucht habe, habe ich ihnen mit Wattestäbchen Speichelproben abgenommen und ihnen gesagt: Wisst ihr, dass man auf diese Weise herausfinden kann, wie ordentlich Kinder sich die Zähne geputzt haben? Sechs Wochen später bekam ich das Ergebnis: Eine Vaterschaft ist auszuschließen, stand da, in beiden Fällen.

»Stellen Sie sich vor, dass Sie Jahre für Ihre Familie ackern, Überstunden schieben, um das Eigenheim zu finanzieren, jeden Abend nach der Arbeit nach Hause gehen, um die Kinder ins Bett zu bringen und ihnen noch eine Geschichte vorzulesen. Und dann stellt sich heraus, dass Sie belogen wurden«, sagt Peter Thiel, Familientherapeut in Berlin. »Von einem Augenblick auf den anderen ist alles weg, wofür diese Männer gearbeitet und woran sie geglaubt haben. Sie haben nicht nur in Unkenntnis gelebt, sondern jahrelang jemandem vertraut, der ein Doppelleben geführt hat. Sie wurden systematisch nicht ernst genommen. Und man hat ihnen keine Wahl gelassen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – vielleicht hätten sie ja auch beschließen können, noch einmal von vorn anzufangen mit einer anderen Frau.
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