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aus Heft 31/2007 Frauen

Die Kinder-Kriegerinnen

Seite 5

Karina Lübke (Text); Sarah Illenberger (Fotos) 

Ein Kind zu kriegen ist in dieser Gesellschaft meist keine logische Entwicklung eines Frauenlebens mehr, sondern ein per unterlassener Empfängnisverhütung gesteuerter Beitrag zur selbstverwirklichten Biografie. Daran ist ironischerweise auch die »Mein Bauch gehört mir« -Frauenbewegung schuld, die »bewusste Mutterschaft« als weibliche Kernkompetenz besetzte, um sich als moralisch bessere Menschen von der patriarchalen, berechnenden Karrierewelt der Männer abzuheben. Die Regierung Kohl nutzte das, um die knapp werdenden Arbeitsplätze für Männer zu sichern, indem die Mütter als unverzichtbar im trauten Heim weggelobt wurden. Die Psychoanalyse proklamiert die geglückte Mutter-Kind-Bindung als Grundlage für ein liebesfähiges Leben. Gute Erziehung wird dadurch immer mehr Privatsache der Mutter; eine trügerische Freiheit, die kaum Platz für berufliche Freiheiten lässt, die sich gut ausgebildete Frauen trotzdem leisten wollen oder müssen. Zumal dabei eine früher übliche Entlastung durch (Groß-)Familie oder Hausangestellte wegfällt. Statt dafür Politik und Gesellschaft stärker in die Pflicht zu nehmen, wie die Familienministerin Ursula von der Leyen es versucht, glauben viele Mütter immer noch, alles wäre »mit guter Organisation« machbar, wenn sie es doch nur »richtig« machen würden. Eine ist das schlechte Gewissen der anderen.
Hinzu kommt der zeitgeistige Glaube an die Machbarkeit von Schicksal. Da wiegt umso schwerer, dass es außer Liebe keinen Gold- standard gibt. Viele Mütter, vor allem die »späten«, halten mit dem eigenen Baby das erste überhaupt im Arm. So beobachten, bewerten, vergleichen sie das pädagogische Wirken ihrer Kolleginnen. Mütter, die Dinge ähnlich handhaben, sind Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Mütter, die Dinge anders machen, ein Angriff auf die eigenen Grundwerte.

• Kleinkind-Mütter, die im Drogeriemarkt vor den Gläschen stehen, hassen Mütter aus dem Schwangerschaftskurs, die mit »Waaas? Du fütterst schon zu?!« neben sie treten.
• Mütter, die trotz Kindern arbeiten wollen, hassen Mütter, die sagen: »Ich hab mir meine Kinder nicht angeschafft, damit andere sie großziehen!«
• Praktische Mütter hassen esoterische Mütter, die jede Marotte damit erklären, ihr Kind wäre ein spirituelles »Indigo-Kind« – unverstanden, weil viel zu gut für diese Welt.
• Alle Mütter auf Spielplätzen hassen Mütter, deren Kinder trotz deutlich sichtbarer Windpocken neben ihrem Kind schaukeln: »Ach, das ist längst nicht mehr ansteckend.«
• Eilige Mütter hassen Mütter, die mit Kinderwagen plus Kindern auf Rädern den Gehweg sperren: »Wir gucken uns nur eine Schnecke an!«
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Abends, wenn die Spielplätze leer sind und die Kinder im Bett liegen, geht der Konkurrenzkampf der Mütter in einem der vielen Internet-Foren weiter. So schreibt im Mutterblog.de eine »Mama aus Leidenschaft«: »So, und morgen ist Basteln angesagt, Kevin bekommt Besuch und wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.«

Model: Alina/Typeface; Styling: Kirsten Hermann/Brigitta Horwat; Danke an Pulver.
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