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aus Heft 10/2010 Sprache 1 Kommentar

Der blasse Held

Der Engländer Tom McCarthy hat den bedeutendsten Comic Europas analysiert - und Erstaunliches über Tim & Struppi herausgefunden. Ein Gespräch über einen blassen Helden und seinen zerrissenen Zeichner.

Von Lars Reichardt (Interview)  Hergé (Illustration)




SZ-Magazin: Herr McCarthy, Steven Spielberg hat gerade einen Tim & Struppi-Band verfilmt. Ist das eine gute Nachricht für einen Fan des belgischen Zeichners Hergé?
Tom McCarthy:
Daniel Craig spielt darin mit. Ich würde mein Haus verwetten, dass es ein schlechter Film wird. Spielberg wollte Hergé die Filmrechte kurz vor dessen Tod schon einmal abkaufen. Hergé lehnte ab, worauf Spielberg den Stoff einfach stahl: Ein Kritiker meinte, Spielbergs Indiana Jones sei ein Tim mit Sexleben. David Lynch würde einen besseren Film drehen, der kennt sich aus mit dunklen Geheimnissen.
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Dunkel? Finden Sie Tim & Struppi gar nicht lustig?
Die 24 Bände sind natürlich leicht und lustig wie ein Kinderbuch. Aber man kann sie auch wie große Literatur lesen: Dann entdeckt man einen intelligenten Subtext, verborgene Themen und eine literarische Metaphorik, fast wie bei Shakespeare. Das ist das Paradoxe an diesem Comic: Kein anderer ist so simpel und zugleich so kompliziert wie Tim & Struppi.

Sie vergleichen Hergé mit Shakespeare?
Ja, Hergé war als Künstler ein Genie, das ein ganz eigenes Genre begründet hat. Auch wenn wir heute noch nicht wissen, in welche Schublade wir ihn stecken sollen: Comiczeichner, Comicerzähler, auf jeden Fall ist er der Shakespeare dieser neuen Form. In der Geschichte von Tim in Tibet steckt zum Beispiel die endlos weiße Leere, in die Hergé in seinen Albträumen fiel, aus denen er schreiend erwachte. Wegen dieser Träume suchte er einen Psychoanalytiker auf und er zeigte seine Angst verschlüsselt als Schnee.

Der Dalai Lama hat Hergé erst vor ein paar Jahren postum ausgezeichnet.
Weil er den Buddhismus und Tibet bekannt gemacht und auch ein realistisches Bild von Kathmandu vermittelt hat. Im Archiv des Zeichners liegen Zehntau-sende Fotos und Zeitschriften, er wusste exakt, welcher Berg hinter welcher Straße zu sehen ist. Hergés Witwe nahm den Preis entgegen. Ich glaube allerdings, weder sie noch der Dalai Lama ahnen, worum es im Band Tim in Tibet wirklich geht: Hergés Angst.

Haben Sie Tim & Struppi mit Methoden der Literaturwissenschaft analysiert, weil Sie Hergé wirklich für einen großen Dichter halten?
In Frankreich steht er bei einigen Philosophen der Postmoderne auf einer Stufe mit Shakespeare. So weit würde ich nicht gehen. Tim & Struppi ist nur bedingt Literatur, aber die Grenzen sind fließend und dieser Grenzfall lässt viel über das Wesen der Literatur erkennen.

Was denn zum Beispiel?
Ein Autor kann über Dramaturgie und Erzählstruktur mehr von Hergé lernen als von Joseph Conrad oder William Faulkner – mir ging es jedenfalls so. Den Leser erst in die Irre führen, die Geschichte aufteilen, abbremsen oder verschleiern – Hergé setzt all die Kniffe brillant ein, die einem Autor zur Verfügung stehen.

"Schlechte Schriftsteller imitieren, gute stehlen, zitieren Sie
T. S. Eliot in Ihrem Buch. Sie halten Hergé eher für einen guten Schriftsteller?
Er hat jedenfalls eine Menge Motive gestohlen: Ganze Szenen stammen von Jules Verne, etwa als Tim auf dem Kondor über die Anden fliegt. Diebstahl in der Literatur geht völlig in Ordnung. Die Hälfte aller Shakespeare-Dramen sind gestohlen. Den Stoff von Macbeth und König Lear gab es lange vor Shakespeares Version. Kunst ist immer eine gelungene Collage von Altbekanntem.

Welche klassischen literarischen Themen meinen Sie?
Erbstreitigkeiten; die Beziehung zwischen einem Gastgeber und seinem Gast, die eine katastrophale Wendung nimmt; das Familienanwesen, um das sich ein Geheimnis rankt.

Kommentare

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  • Jeeves Kadeem (0) O.T.:
    Übrigens funktioniert der Link zur Kohl-Story vom Prantl nicht.