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aus Heft 19/2010 Religion 7 Kommentare

Heile, heile Segen?

Turbokapitalismus, Totalökonomisierung - die Kirche müsste die Institution sein, die dem Wahnsinn der Gegenwart Werte entgegensetzt. Warum zum Teufel schafft sie das nicht? Eine Brandrede.

Von Christian Nürnberger 




Vor rund einem Jahrzehnt schrieb der Medientheoretiker Norbert Bolz: »Das Heilsversprechen der Religion, die Utopie der Politik, das Bildungsideal des Humanismus … In diesen Traditionen stecken keine Modelle für eine postmoderne Lebensführung.« Lässig und mit der Attitüde, dass er ja nichts aufregend Neues mitteilt, schob Bolz die Kirchen, Parteien und Gewerkschaften und mit ihnen auch ihr humanistisches Wertesystem ins Museum für ausgemusterte Ideen und Institutionen. Durch den Zerfall dieser Institutionen seien die Werte obdachlos geworden, sagte Bolz mit ruhiger Gleichgültigkeit – die schon damals viele teilten, und heute sind es noch mehr.

Aber ist den Gleichgültigen auch klar, was es bedeutet, wenn unsere Werte für museumsreif erklärt werden? Arbeit ist dann nicht mehr etwas, was seine eigene Würde hat, sondern eine auf dem Markt frei handelbare Ware, deren Preis beliebig gedrückt werden darf. Der arbeitsfreie Sonntag ist keine soziale und kulturelle Errungenschaft mehr, sondern ein verlorener Arbeitstag, ein Wettbewerbshindernis. Medien sind nicht mehr dazu da, um mündigen Bürgern Aufklärung, Information und Bildung zu vermitteln, sondern um Werbebotschaften möglichst kostengünstig und zielgruppengenau an Konsumenten zu bringen.
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Wir sind nicht mehr demokratische Staatsbürger, sondern Produzenten und Konsumenten. Wir bewohnen nicht mehr unsere Heimat, sondern hausen an Industriestandorten. Bürger sind wir allenfalls noch in dem Sinn, dass wir für die Schulden der Kasinokapitalisten und abgewirtschafteter Regierungen bürgen. Schulen sollen dann nicht mehr bilden und erziehen, sondern Kindern und Jugendlichen jene marktgängigen Fähigkeiten antrainieren, die sie brauchen, um als Soldaten im Krieg um Marktanteile verheizt werden zu können.

Universitäten sind nicht mehr Stätten der Bildung, sondern Infrastruktureinrichtungen, die marktnahen Technologietransfer und »Humankapital« – oder sagen wir ruhig: Menschenmaterial – für die Schlacht auf den Weltmärkten liefern.

Wissenschaftler fragen nicht mehr: Was ist wahr?, sondern: Was ist nützlich? Sie fragen nicht mehr: Was zu erforschen wäre wichtig?, sondern: Womit verschaffe ich mir Aufmerksamkeit, Drittmittel, neue Planstellen und viele Studenten?

Soziologen reden noch immer vom Wertewandel. Tatsächlich haben wir es schon längst mit einer gewaltigen Wertezerstörung zu tun. Und nicht islamische Terroristen, sondern wir selbst zerstören jene westlichen Werte, die angeblich am Hindukusch verteidigt werden, mit unserer Art zu wirtschaften viel gründlicher und nachhaltiger, als die Islamisten es je vermögen. Peter Glotz verglich diese in den Neunzigerjahren beginnende Entwicklung mit einem »gottverdammten SA-Sturm«, »der alles in Scherben haut«. Wer könnte diesem Sturm Einhalt gebieten? Regierungen? Parteien? Gewerkschaften? Die Kirche? Ach.

Und trotzdem: Die Kirche müsste es tun. Sie ist die älteste und einzige globale Organisation, die sich der Weltherrschaft des Geldes in den Weg stellen könnte – Global Prayers gegen Global Players, hoffte ich vor rund einem Jahrzehnt. Ich hielt die Kirche für aufgeklärt und geläutert. Gerade weil sie Macht und Einfluss verloren und über ihr Versagen in allen Jahrhunderten reflektiert hat, sei sie auf dem Wege, gütig, weise und für die Welt wichtig zu werden, dachte ich. Sie wäre doch genau die richtige Kraft für den Aufbau einer wirklichen Wertegemeinschaft.

(Welche Rolle die Kirche in seiner Kindheit für Christian Nürnberger gespielt hat, und wie sie sein Vertrauen trotz Enttäuschungen bis heute nicht verloren hat, lesen Sie auf der nächsten Seite.)

Kommentare

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Kommentar:

  • Ansgar Wilhelmi (0) Bravo, Pfui, Bäh! Ihre erste Seite habe ich genossen, ab der zweiten dann überlesen, dann dann kam nur das alte Lied: die Mehrheit ist gut, die Basis, schlecht sind nur die Oberen. Nein - Kapitalismus, Wert-Losigkeit etc. das ist die Mehrheit, die Basis, das was die Twitterer auf den Kirchentagen wollen - auch wenn sie gerne die Nase noch etwas höher tragen. Der Fisch stinkt genauso vom Schwanz her.
  • Peter Schmitz (0) Nochmals Bravo! Bravo! Bravo! Dies ist mit Abstand der beste Beitrag zur aktuellen Situation! In tiefempfundener christlicher Solidarität wünsche ich Ihnen weiterhin diesen Mut zu einem wahren Wort!
  • Paul Avram (0) Herr Nürnberger, Sie stellen hier genau die richtigen Fragen. Respekt!
    Und eigentlich wissen Sie auch warum Sie dieses "gelebte Wertesystem" niemals innerhalb dieser Institution finden werden. Die Antworten geben Sie selbst:
    1. Sie haben Ihre Suche von vorneherein schon auf die "beiden Kirchen" beschränkt. Damit haben Sie bereits das Ergebnis vorgegeben. Sie können in der Wüste noch so intensiv nach Schnee suchen, Sie werden keins finden. Genau diese zwei Kirchen konkurrieren seit vielen Jahrhunderten mit den weltlichen Machthabern um... eben Macht. Da gingen sie auch gerne über Leichen, wenn es sein musste (welche Werte??).
    2. Sie "lassen sich Ihre Naivität nicht kaputtmachen". Sie lassen sich also gerne und sehenden Auges in die Irre führen. Na, dann haben Sie es auch nicht anders verdient. Ihre Aufregung dient offensichtlich nur dem Business. Sie suchen ja garnicht. Auch OK.

    Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich diese beiden Barrieren überschritten habe und tatsächlich eine wahre und wertvolle Christengemeinschaft gefunden habe, die nicht nur an der Oberfläche kratzt. Übrigens die einzige weltweit, die den Namen Gottes nicht vorsätzlich versteckt.
    Gotes Segen für Ihre weitere Suche!
  • Swaantje Janke (1) Mir hat dieser naive Aufschrei des Herrn Nürnberger sehr gefallen.
    Verzeihen sie Herr Nürnberger.
    Ich mochte Papst Paul II. auch, weil er für den Frieden eintrat. Ansonsten und innerhalb der Kirche, stelle ich mir die Frage: waren die denn je moralisch ? Das kenne ich aus Geschichtsbüchern ganz anders. Moral verkünden, willige, demütige Gefolgschaften haben, das ist Sinn der Übung. Wohl dem der glaubt. Wohl dem, der sich moralisch verhält.
    Das sind doch eher die Evangelen, die ja auch einen wesentlich geringeren Anteil an Pädophilen haben.
    Auch frage ich mich: Wann war Kapitalismus je menschlich ?
    Vor dem 1. Weltkrieg nicht, vor dem 2. auch nicht !
    In den 20 Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg, als alles neu produziert werden musste, als es noch als Konkurrenz den Sozialismus gab ( drastische Änderung des Kapitalismus in den 90zigern...sicher kein Zufall) waren es sicher goldene Jahre.

    Ich glaube, dass die gebeutelten Massen endlich auf die Straße gehen müssen, friedlich wie einst mit Gandhi und ihre Rechte und Moral einfordern. Sonst wird das nie etwas !
    Wie sagt Heinz Rudolf Kunze so schön: "Gewogen und zu leicht befunden". Eine Masse, ob sie nun gläubig ist oder nicht, die sich alles gefallen lässt, sollte sich über die Verachtung die ihr entgegen gebracht wird von oben nicht wundern!
  • Sara Teichmann (0) Aus der Ich-Perspektive
    Die oberen Vertreter der Kirche begreifen nicht, dass sie sich mit ihren Heilsversprechungen selbst diskreditieren. Die Art und Weise, wie sie uns „Gott“ verkaufen, stößt ab. Dogmatik und Besessenheit, dass nur sie den Weg zu Gott kennen und wir in Angst und Sünde gar nicht anders können, reicht nicht. Denn eingenebelt, kann man nicht klar sehen. Rationale Begründungen für Glauben und Debatten über den gesunden Zweifel öffentlich zu führen, halten sie nicht für nötig. Ratzinger&Co. halten die Menschen für dumm, obwohl unsere Intelligenzen als ‚Elite’ Entscheidungen von weltpolitischer Tragweite treffen, meinen sie immer noch in Glaubensfragen den einzelnen Menschen zu „gängeln.“ Das ist Machtgebaren durch Vorenthalten von Wissen. Nur wenn die Kirche in ihrem Anspruch bescheidener aufträte und von ihren vertretenen Kirchenlehren, Unfehlbarkeitsdogma und Absolutheitsansprüchen abrückte, kann sie Bedeutung erhalten. Das macht sie nicht! Aber „wir“ – jeder einzelne ist Kirche – (ich bin schon seit 1993 ausgetreten, trotzdem habe ich im Phil. Studium zum ‚eigenen Schaden einen Dualismus’ vertreten. Pustekuchen, sie helfen nicht!)
  • Axel Hersch (1) Die erste Steigerungsform von banal lautet SZ Magazin.
  • Maximilian Eberl (0) Bravo! Bravo! Bravo!

    Es zerreisst mich, wenn bezahlte und beamtete Theologen heute noch darüber streiten, ob Jesus in der Hostie real präsent ist, während draußen die Gesellschaft in Stücke fliegt.

    Wenn ein Papst seine Kirche als rechtsradikale Polittruppe missbraucht und Evangelikale mit den Taliban um den Fanatismuspokal konkurrieren.

    Sie sind ein würdiger Freund und Helfer des Mannes aus Galiläa.

    Gerade wer selber Vater ist und viel mit Kindern arbeitet, der weiß, wie sehr heute ein lebendiger und gelebter und lebensfähiger Glaube Not tut. Der weiß, wie wichtig für Kinder ein Papst ist. Aber eben nicht dieser Papst.

    Die Schriftstellerin Hilde Domin hatte in manchen Situationen ihres gefährdeten Lebens nur eine Rose als Stütze. Aber so eine Rose stützt besser und zuverlässiger als alle Stahlbetonkonstruktionen von irgendwelchen Bohrinseln.

    Gott schütze Sie und helfe Ihnen, lieber Herr Nürnberger!!