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aus Heft 34/2007 Sport

Spritzensport Fußball

Seite 3

Thomas Kistner (Text); Hubertus Hamm (Fotos) 

Doch solche Zeugen werden schnell mundtot gemacht, nicht mal die Branchenhelden konnten sich Gehör verschaffen: Franz Beckenbauer berichtete 1977 im Stern über seine Eigenblut-Praktiken, die unbedenklich seien, verglichen mit dem, was sonst ablaufe: »Medizinisch ist heute in der Bundesliga praktisch noch alles erlaubt, was den Spieler zu Höchst- und Dauerleistung treibt. Es wird gespritzt und geschluckt … Natürlich wäre es unsinnig, vor jedem Spiel zu dopen. Der folgende Leistungsabfall ist viel zu groß. Aber was machen Trainer und Manager vor entscheidenden Spielen, etwa im Europacup, wo es um Millionen geht – wenn man glaubt, dass die anderen nicht nur Vitaminpillen schlucken? … Es ist längst an der Zeit, dass sich der Internationale Fußballbund nicht nur bei der Weltmeisterschaft um das Problem Doping kümmert .«

Später bezeichnete FC-Bayern-Klubarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Captagon-Einsatz im Fußballsport generell als »fast harmlos im Vergleich zu dem, was heute genommen wird«. Sein Vorgänger Erich Spannbauer wurde sogar selbst auffällig, als er in den Achtzigerjahren die Nordisch-Athleten versorgte. Auch Spannbauers Kollege Heinz Liesen geriet unter Beschuss. Dem langjährigen DFB-Verbandsarzt hielt Nationaltorhüter Toni Schumacher in seinem Buch Anpfiff vor, die deutsche Elf mit »Hormönchen« präpariert zu haben. Doch nicht Hormondoping im Nationalteam wurde zum Thema, sondern der Enthüller – die Nationalmannschaftskarriere Schumachers war beendet.
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Bei den Bayern geriet auch Dettmar Cramer ins Visier, der den Verein in den Siebzigerjahren trainierte. Sepp Maier behauptete in einem Buch, dass »der Cramer kleine weiße Tabletten verteilt hat, mir aber keine geben wollte, weil ich sie nicht brauchte. Ich sei schon aufgedreht genug. Auf meine Frage, was das für Tabletten seien, antwortete er augenzwinkernd: ›Salztabletten. Die sollen bloß meinen, es wäre Doping.‹ Ein bisschen habe ich mich gewundert, warum ich dann keine bekommen habe.«

Nettes Anekdötchen? Es gibt, wenn man nur beim Übungsleiterpersonal des Branchenführers bleibt, Kontinuität bis heute. Trainer Felix Magath plädierte nach seinem Rauswurf in München für Anabolika-Einsatz in der Regeneration. Auch Kollege Rehhagel war einst bei Arminia Bielefeld von Dopingfahnder Manfred Donike attackiert worden. Später, bei Rehhagels EM-Titelgewinn mit Griechenland 2004, wurde viel über das eiserne Stehvermögen der Hellas-Elf geraunt, an dem die spielerisch überlegenen Gegner einfach zerschellten.

Der DFB und sein globales Pendant FIFA machten stets, was sie wollten. Die FIFA schickt nach Ende einer WM ihre Leute in die Dopinglabore, um alle negativen Proben zu vernichten, statt sie, wie bei Olympia, acht Jahre aufzubewahren, um später mit besseren Methoden fahnden zu können. DFB und DFL verließen sich bisher lieber auf eigene »Vertrauensärzte« statt auf unabhängige Instanzen. Ihre Sachwalter sind so gutgläubig, dass es wehtut. Zum Bundesliga-Start beklagte der frühere Liga-Chef Wolfgang Holzhäuser, »dass man derzeit händeringend darauf wartet, dass es auch im Fußball einen echten Dopingsünder gibt«. Für ihn ist klar, was auch der Verband stets betont: »dass der DFB in Sachen Dopingkontrollen vorbildlich arbeitet und weit mehr macht als viele andere Verbände«.

Seit 1988 betreibt die Branche Tests. Die lassen sich allerdings schnell als Mogelpackung entlarven. Vergangene Saison gab es 964 – oft angekündigte – Wettkampfproben bei 241 Partien der Bundes- und Regionalligen, bei Spielen der A-Junioren, der beiden Frauen-Bundesligen sowie im DFB-Pokal. Dazu besagte 87 Trainingstests. Im selben Zeitraum fanden allein in der Leichtathletik 1020 Trainingskontrollen statt. »Die Fußballtests sind lächerlich«, sagt der Heidelberger Dopingexperte Werner Franke. Dazu passt ein Befund der Nationalen Antidopingagentur NADA: Unter 100 auffälligen Testosteronwerten in der Jahresbilanz 2006 rangiert der DFB mit neun Fällen auf Platz zwei – hinter der Leichtathletik (21 Fälle). Dort aber gab es zwölfmal so viele Trainingstests.

Für NADA-Vorstandschef Armin Baumert gilt daher »knallhart: Fußball ist keine dopingfreie Zone«. Dick Pound, kanadischer Chef der Welt-Antidopingagentur, sagt: »Selbstverständlich macht Doping für Fußballer Sinn.« Und selbst Paul Breitner sagt: »Ich würde nicht mit dem Finger auf die Radfahrer zeigen.«
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