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aus Heft 25/2010 Gesellschaft/Leben

Mauern ohne Ende

Seite 2

Bastian Obermayer und Rainer Stadler  Fotos: Robert Voit; dpa


Drei Monate später ist von dieser Hoffnung wenig geblieben. Die Zeitungen beschäftigen sich mit der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, dem Niedergang des Euro und Lena Meyer-Landrut. Das Kloster Ettal hat die öffentliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals weitgehend eingestellt und lehnt Gesprächsanfragen kategorisch ab: Man habe Besuch vom Visitator erhalten, einem Abgesandten des Papstes, und warte nun auf Weisungen aus Rom. Auch das zuständige Erzbistum München-Freising schweigt. Der unbequeme Sonderermittler Pfister darf nicht mehr reden, sein Auftrag ist beendet, das Mandat ausgelaufen, und das Kloster fordert ihn bereits per Anwaltsbrief zur strikten Einhaltung der Schweigepflicht auf.
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Dabei gäbe es viel zu erklären: Wie war es möglich, dass über Jahrzehnte Patres prügelten und ihre sexuellen Fantasien auslebten, ohne dass die damalige Klosterleitung, andere Erzieher oder die Eltern eingriffen? Was passiert nun mit den Tätern? Und was mit den Opfern; ist angesichts der Schwere der Verbrechen eine Wiedergutmachung überhaupt denkbar? Aber wer drei Monate nach Bekanntwerden des größten Skandals in der 680-jährigen Geschichte des Klosters Ettal Antworten sucht, bekommt nur düstere Andeutungen zu hören, die an Umberto Ecos Roman Der Name der Rose erinnern: Hinter vorgehaltener Hand ist von Mönchen die Rede, die gefährlich sind, die hinter den Klostermauern mit aller Macht die Wahrheit vertuschen; von Mönchen, die Intrigen spinnen, die bis zum Vatikan reichen; von Mönchen, die mit dem katholischen Geheimbund Opus Dei in Verbindung stehen.

Wie konnte das anfangs doch so vorbildlich reagierende Kloster derart schnell seine Glaubwürdigkeit verspielen?

Tatsächlich - und das wird jenseits des geheimnisvollen Raunens in den Gesprächen schnell klar - wurde die Offenheit dem Kloster von Anfang an von außen aufgezwungen. So traten der Ettaler Abt Barnabas und der Schulleiter Pater Maurus im Februar keineswegs freiwillig zurück: Erzbischof Reinhard Marx, der öffentlich auf rückhaltlose Aufklärung pochte, drängte beide regelrecht aus dem Amt, als bekannt wurde, dass sie einen Vorfall aus dem Jahr 2005 dem Bistum verschwiegen hatten. Damals hatten sich mehrere Internatsschüler beschwert, ein Pater habe sie »an Armen, Körper und Beinen gestreichelt«.

Der Abt und sein Schulleiter hielten den Vorfall, den inzwischen die Staatsanwaltschaft untersucht, nicht für meldenswert - ein klarer Verstoß gegen die Richtlinien, welche die Deutsche Bischofskonferenz 2002 erlassen hat, um sexuellen Missbrauch in der Kirche zu verhindern. Auch die Aufsehen erregende Pressekonferenz vom 5. März empfanden die Mönche nicht als Befreiung, sondern als Demütigung. Sie nahmen dem Sonderermittler Pfister übel, dass er die Schandtaten ihrer Brüder derart ausbreitete - 40 Minuten lang - und mit der vernichtenden Wertung zusammenfasste, am Kloster Ettal hätten Mönche über Jahrzehnte Schüler »systematisch misshandelt und missbraucht«.

Und sie waren aufgebracht darüber, dass Pater Johannes zu jenem Geständnis, er habe »Kinder brutal misshandelt und gedemütigt«, erpresst wurde: Ein ehemaliger Schüler hatte eine Stunde vor der Pressekonferenz telefonisch gedroht, er werde Ärger machen, wenn der Pater nicht mit genau diesen Worten seine eigenen Verfehlungen einräume. Daraufhin kroch Pater Johannes, live übertragen vom Fernsehen, zu Kreuze. Nach dieser erzwungenen öffentlichen Reue versucht das Kloster in den folgenden Wochen, wieder Herr seiner Entscheidungen zu werden, und relativiert das so unfreiwillige wie umfangreiche Schuldbekenntnis Schritt für Schritt.

Im Bayerischen Fernsehen beschwert sich der ehemalige Ettaler Internatsdirektor Pater Angelus, dass nun alles in einen Topf geworfen würde, es handle sich doch nur um »einzelne Fälle, die diesem und jenem Schüler auch in Erinnerung sein mögen«. Der von mehreren Ex-Schülern als Sadist beschriebene Pater Gabriel lässt verlauten, er habe es mit der »sogenannten Null-Bock-Generation« zu tun gehabt, die nur durch Schläge in den Griff zu bekommen war.

Elternsprecher des Klosters bestreiten öffentlich die systematische Anwendung von Gewalt in Ettal und sprechen von vereinzelten Ohrfeigen. Zu den Missbrauchsfällen heißt es lapidar, Krankheit und Kriminalität existierten eben überall. In einem Internetforum, in dem mehr als 500 ehemalige Ettaler Schüler über den Missbrauchsskandal diskutieren, müssen sich Opfer plötzlich als Nestbeschmutzer und Trittbrettfahrer beschimpfen lassen. Das Kloster selbst verstrickt sich in einen bizarren öffentlichen Streit mit dem Erzbistum, der darin gipfelt, dass es dem Bistum per Pressemitteilung vorwirft, bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals Lügen zu verbreiten. Gleichzeitig beschweren die Mönche sich beim Vatikan über das Vorgehen und einzelne Mitarbeiter des Bistums.

Nach außen ist die neue Politik des Klosters spätestens am 14. April sichtbar: Im Kloster wird der Schlussbericht des Sonderermittlers Thomas Pfister über den Missbrauch von Schülern vorgestellt - ohne Thomas Pfister. Die Präsentation hat ein anderer Anwalt übernommen, den das Kloster kurzfristig verpflichtet hat. Er soll Pfisters Bericht »juristisch aufarbeiten«, was ein wenig so klingt, als gelte es, Fehler in dem Dokument zu beseitigen. Beraten wird das Kloster bei seinem Rückzugsgefecht vom Münchner Anwalt Aribert Wolf, einem früheren CSU-Politiker. Wolf, der seine Polit-Karriere nach einigen Affären und zwei erfolglosen Kandidaturen für den Posten des Münchner Oberbürgermeisters aufgab, war bis 2007 Präsident der Rhein-Donau-Stiftung, die der erzkonservativen Glaubensgemeinschaft Opus Dei nahe steht.

Nicht nur das Münchner Erzbistum findet die neue Linie des Klosters »befremdlich«. Auch die Opfer bekommen den Kurswechsel zu spüren. Bereits im März wird ein »Runder Tisch« im Kloster eingerichtet, an dem Opfer, Vertreter des Klosters und externe Berater über Entschädigung und Wiedergutmachung diskutieren. Dort nimmt auch Pater Johannes Platz, der selbst geprügelt hat - für viele Betroffene ein Affront. Vor allem aber bleiben die Treffen weitgehend folgenlos. Für einen längst beschlossenen Ort der Besinnung zum Beispiel, der eingerichtet werden sollte, um der Opfer des Missbrauchs zu gedenken, hat sich drei Monate später angeblich noch immer kein geeigneter Raum gefunden, in einem Klosteranwesen mit mehr als 25 000 Quadratmeter Grundfläche.

(Warum die ehemaligen Schüler und viele der Missbrauchsopfer die Aufarbeitung der Fälle für gescheitert halten, lesen Sie auf der nächsten Seite.)
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