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aus Heft 25/2010 Gesellschaft/Leben

Mauern ohne Ende

Seite 4

Bastian Obermayer und Rainer Stadler  Fotos: Robert Voit; dpa

Anfang Juni, es gibt noch keine Kunde vom päpstlichen Visitator, trotzdem stimmen die Mönche plötzlich einem Treffen mit dem SZ-Magazin zu. Ob die kurz zuvor ans Kloster versandte Liste mit detaillierten Fragen zu den Sexual- und Prügelpraktiken der Patres den Anstoß gegeben hat? Belegte Brote und Gebäck stehen bereit, außerdem »Harmonietee« aus klostereigener Produktion und gleich vier Patres: Abt Pater Barnabas, im Februar als Klosterleiter zurückgetreten, Pater Maurus, im Februar als Schulleiter zurückgetreten, Pater Johannes, der live im Fernsehen Misshandlungen gestanden hat, und Pater Emmeram, der dem Kloster seit Februar übergangsweise vorsteht. Er wird im Verlauf des dreistündigen Gesprächs drei Sätze beisteuern. Auch Rechtsanwalt Aribert Wolf sitzt mit am Holztisch.

Es folgen plausible Erklärungsversuche und ehrliche Schuldeingeständnisse - aber auch Ausreden, offensichtliche Widersprüche, juristische Spitzfindigkeiten. Die heute verantwortlichen Mönche zeichnen das Bild eines Internats, dessen Erzieher jahrzehntelang überfordert waren. Ein Pater betreute 50 oder 60 Schüler, sieben Tage die Woche. Bis 1980 gab es keinen Sozialpädagogen am Eliteinternat Ettal. In ihrer Hilflosigkeit hätten viele Patres begonnen zu prügeln. Geredet habe man darüber aber nicht, auch nicht über den sexuellen Missbrauch von Pater Magnus, dessen Treiben im Kloster lange bekannt war.
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Dieses Schweigen war ein Fehler, räumen die Patres heute ein, ebenso wie die Entscheidung der damals Verantwortlichen, den pädophilen Pater Magnus nach zwei Suspendierungen wegen Missbrauchsvorwürfen jedes Mal wieder zurück an Internat und Schule zu holen. »Man sprach mit ihm und dachte, er würde sein Verhalten schon ändern«, sagt Pater Maurus. Erst im Jahr 2010 habe das Kloster das volle Ausmaß seiner Taten erkannt.

Zumindest Letzteres ist wenig glaubhaft: Es gab nicht nur die beiden Zwangsversetzungen von Pater Magnus in den Jahren 1969 und 1984, jeweils wegen Missbrauchsvorwürfen, es meldeten sich auch wiederholt ehemalige Schüler im Kloster und berichteten von den Verbrechen des Paters. Und dennoch verblieb der Serientäter bis zu seinem Tod im Kreis seiner Mitbrüder, und auch danach distanzierte das Kloster sich nicht von ihm: Im Kreuzgang der Klosterkirche befindet sich bis heute seine Grabtafel, in einer Reihe mit den anderen verstorbenen Mönchen des Klosters.

Zu einigen Fragen schweigt die Runde an diesem Abend, etwa als es um die Rolle von Erzbischof Marx geht, der öffentlich immer wieder die Aufklärung der Missbrauchsaffäre in Ettal forderte, dem Kloster wohl zu öffentlich. Und vieles bleibt im Ungefähren: Opferentschädigung? Im Prinzip ja, in realistischer Höhe. Was genau realistisch bedeutet, wollen die Mönche nicht erklären. Aufarbeitung? Ja, aber es dürfe nicht ausufern. »Wir haben ja nicht nur die Aufgabe, die Vergangenheit aufzuarbeiten, wir müssen uns auch um die Schüler kümmern, die heute im Internat sind«, sagt Ex-Abt Pater Barnabas, manche Eltern hätten schon angemahnt, der Missbrauchsskandal dürfe »nicht zum Dauerthema werden«. Vor allem, weil doch seit 1990 kaum mehr etwas vorgefallen sei.

Und immer wieder geht es um die Einordnung der Vorfälle, »systematisch« oder »schreckliche Einzelfälle«? Letztlich bleibt es dabei: Die Mönche wollen in den Verbrechen kein System sehen, weil es niemand gab, der den Missbrauch und die Gewalt gesteuert hat. Dass aber fast alle im Kloster den Missbrauch und die Gewalt hinnahmen und über Jahrzehnte niemand im Kloster den Missbrauch und die Gewalt verhinderte, blenden die Mönche heute aus.

Ein zweites Treffen, einige Tage später im Garten der Klostergaststätte. Dieses Mal spricht nur Abt Barnabas, der, obwohl als Leiter längst zurückgetreten, offenbar weiter die Linie des Klosters vorgibt, und zum ersten Mal spricht er auch über die Reaktion des Klosters auf den Missbrauchsskandal: »Wir waren mit vielem, was über uns hereingebrochen ist, total überfordert. Auch ich war blauäugig, aber ich bin Lehrer und Theologe, und kein Psychologe oder Jurist. Deshalb waren und sind wir auf Rat von außen angewiesen.« Wenige Tage später ist zu erfahren, dass die Mönche zumindest auf den Rat des umstrittenen Ex-Politikers und Anwalts Aribert Wolf künftig wieder verzichten wollen.

Vielleicht war es tatsächlich die Unbedarftheit, vielleicht auch die nackte Angst um den Fortbestand des Klosters, die die Mönche daran hinderte, die Verbrechen der Vergangenheit entschiedener aufzuklären. Darüber hinaus lässt es die Klosterleitung aber auch an Konsequenz vermissen, wenn sie zwar Pater Rupert und Pater Gabriel ihrer seelsorgerischen Pflichten enthebt, als im Februar die ersten Vorwürfe gegen sie laut werden, Pater Johannes als Wirtschaftschef des Klosters jedoch in Amt und Würden bleibt, obwohl er im März selbst einräumt, brutal zugeschlagen zu haben.

Für viele Opfer ist es mittlerweile unerheblich, ob das Kloster während der vergangenen Wochen bewusst getäuscht oder nur stümperhaft gehandelt hat. »Ich will keine salbungsvolle Entschuldigung, das interessiert mich nicht«, sagt zum Beispiel Alfons Maier, »ich will Vergeltung, auch finanziell. Ich habe meinen Preis bezahlt. Jetzt ist das Kloster an der Reihe.« Mit anderen Betroffenen hat er sich zu einer Opfergemeinschaft zusammengeschlossen, deren Verhandlungen der Münchner Rechtsanwalt Stefan Lang führen wird. Lang vertrat bereits Kapitalanleger im Streit mit der Telekom und Kunden, denen Banken wertlose Immobilien angedreht hatte.

Er weiß, dass einzelne Kläger gegen solch übermächtige Gegner wenig erreichen können - eine ganze Gruppe von Klägern dagegen schon eher. Schadensersatzverhandlungen vor Gericht wird es wohl nicht geben. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt zwar noch gegen drei Patres, die meisten Straftaten am Kloster sind jedoch längst verjährt. Der moralische Druck wird das Kloster aber wohl zwingen, einem außergerichtlichen Täter-Opfer-Ausgleich zuzustimmen. Welche Summen am Ende dieser Verhandlungen auf das Kloster zukommen, ist völlig offen; für eine Oberschenkelfraktur oder ein Schädel-Hirn-Trauma gibt es in Deutschland Schmerzensgeldtabellen, nicht jedoch für die Folgen von sexuellem Missbrauch eines Kindes über Jahre hinweg.

Neben einmaligen Entschädigungsleistungen fordert Lang, der selbst in Ettal Abitur machte, einen Opferfonds für künftige Notfälle. »Wer sagt uns denn, dass ein Betroffener nicht vielleicht in fünf oder zehn Jahren eine Therapie benötigt?«

Ein Anwalt aus Nordrhein-Westfalen, der vorerst anonym bleiben will und nach eigenen Angaben 32 Opfer aus Ettal vertritt, geht einen völlig anderen Weg: »Wir sprechen überhaupt nicht mit dem Kloster. Wir warten, bis die Mönche zu uns kommen, und sie werden kommen.« Er will das Kloster bloßstellen, öffentlich, vielleicht mit einem Theaterstück auf einer Wiese vor den Toren des Klosters, in dem all die Misshandlungen nachgespielt werden. Vielleicht mit wöchentlichen Anzeigen in überregionalen Zeitungen, in denen nur zu lesen sein wird, das Kloster werde nicht davonkommen mit diesen Verbrechen. Vielleicht auch etwas ganz anderes, genug Geld für seine Aktion hat er schon beisammen, sagt er, etwa zwei Millionen von Geldgebern, deren Namen er nicht preisgeben möchte.

Der Mann lächelt. »Juristisch können wir dem Kloster nichts, ist alles verjährt. Aber wir können sie in die Enge treiben, und das werden wir. So lange, bis sie uns fragen, was sie tun sollen, damit wir aufhören.« Dann will er ihnen eine Summe nennen: eine Viertelmillion Euro, für jedes Opfer. Für die Opfer dauert der Missbrauchsskandal nun schon Jahrzehnte an, für das Kloster hat er gerade erst begonnen.


* Namen von der Redaktion geändert
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