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aus Heft 32/2010 Natur

Draußen eigene Wege gehen

Christian Ankowitsch  Google Earth

Wie entstehen Trampelpfade? Wie entdecken wir Abkürzungen? Und wie kommt es, dass wir uns im Internet ganz ähnlich verhalten? Ein Gespräch mit dem Physiker Dirk Helbing.


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SZ-Magazin: Herr Helbing, wir alle benutzen Trampelpfade - aber wer sind denn eigentlich die Menschen, die solche Wege als Erste gehen: Individualisten? Anarchisten?

Dirk Helbing: Nein, das kann wohl jeder von uns - man muss es nur eilig genug haben, und schon rennt man quer durchs Gelände, anstatt auf dem vorgesehenen Weg zu bleiben. Auf diese Weise hinterlässt man eine Spur, und es entsteht ein Rückkopplungseffekt: Der Mensch verändert die Umwelt, die wiederum das Verhalten der Menschen verändert - und immer so fort. 

Sie sind Physiker. Warum interessieren Sie sich überhaupt für Trampelpfade? 
An Trampelpfaden kann man sehr gut untersuchen, wie sich Systeme selbst organisieren, wie Menschen gemeinsam etwas Sinnvolles schaffen, ohne sich abzusprechen. Was, glauben Sie, geschieht, wenn zwei Wege aufeinandertreffen?

Wenn Sie so fragen, wohl etwas Außergewöhnliches.
Bevor einer der Wege auf den anderen trifft, beginnt er sich zu teilen und bildet eine Y-förmige Kreuzung. Diese menschliche Eigenart wird aber von vielen Stadtplanern nicht ernst genommen, und dann wundern sie sich, dass die Leute ihre Wege verlassen. Dabei wäre es sehr leicht, organische Lösungen zu finden, die dem natürlichen Verhalten von Fußgängern entsprechen. Man kann das am Computer simulieren. Immerhin gibt es mittlerweile Stadtplaner, die keine Wegesysteme mehr vorgeben, sondern die entsprechenden Flächen frei lassen. Sie sehen einfach zu, welche Pfade sich entwickeln, und orientieren sich daran. 

Geht es den Menschen immer darum, möglichst schnell ans Ziel zu gelangen?
Nicht unbedingt. Trampelpfade entstehen, wenn Wege gänzlich fehlen - oder Menschen das Gefühl haben, dass die vorhandenen nicht gut genug sind. Sie suchen zwar prinzipiell Abkürzungen, aber sie wählen nicht immer die kürzeste Verbindung zwischen Ausgangspunkt und Ziel. Manchmal machen sie auch Umwege.

Sie verlaufen sich also.
Nein, das hat einen viel interessanteren Grund: Trampelpfade müssen ja unterhalten werden wie normale Wege auch. Wenn man sie zu selten benutzt, verschwinden sie wieder unter Gras und Gestrüpp. Daher kann es sinnvoll sein, wenn Menschen, die am selben Ort starten, aber zu verschiedenen Zielen wollen, einen Abschnitt des Weges teilen.

Das geht doch zwangsläufig auf Kosten einer der Gruppen.
Überraschenderweise nicht. Trampelpfade haben die Tendenz, fair zu sein und allen den gleichen relativen Umweg zuzumuten. Erst wenn die Gesamtstrecke durch den Umweg 20 bis 30 Prozent länger wird, beginnen Menschen, eigene Pfade zu bahnen. Darin sind sie sehr konsequent, denn sie tun das auch bei Strecken, die bloß zehn Meter lang sind. So entstehen ganz erstaunliche Mini-Abkürzungen, wie Sie sie in Parks sehen können, wo Menschen lieber vier Schritte durch die Wiese gehen, als einen etwas längeren Weg zu nehmen.
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Haben Sie eine Erklärung, warum unsere Schmerzgrenze gerade bei 30 Prozent liegt?
Das scheint eine menschliche Konstante zu sein. Sie betrifft nicht nur Abkürzungen - diesen ominösen 20 bis 30 Prozent bin ich in den unterschiedlichsten Kontexten begegnet. Ich glaube zum Beispiel, dass der ideale Fixsteuersatz maximal 30 Prozent beträgt. Alles, was darüber hinausgeht, tut den Menschen weh.
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Christian Ankowitsch

, 51, hat dieses Interview geführt. Wiewohl Österreicher, findet er, dass die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft wunderbaren Anti-Trampelpfad-Fußball gespielt hat: Müller, Schweinsteiger und Co. vermieden ausgetretene spielerische Pfade und suc

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