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aus Heft 37/2010 Familie Noch keine Kommentare

Jahrelang sprachen wir kaum miteinander

Aber als er mit seinem Vater in Freiburg unterwegs war, merkte Jens Petersen, wie jung der geblieben ist - und er selbst kam sich plötzlich ziemlich alt vor.

Von Jens Petersen  Bild: Klaus Fürmaier




Während ich älter werde, wird mein Vater jünger. Er ist ein rastloser Mann geworden, immer unterwegs. Am Sylter Ellenbogen Sandkörner aus den Ohren pulen; auf Parkplätzen schlafen, wenn gerade kein Hotelzimmer frei ist; in einen Bergsee springen – nackt, auf dem Kopf nur einen Hut: Das ist mein Vater. Er setzt sich am Morgen ins Auto und fährt los, im Fußraum vor der Rückbank Friedrich A. von Hayeks Der Weg zur Knechtschaft, die zerfledderte Bild-Zeitung und ein Paar Turnschuhe … Nun stehen wir in Freiburg am Münsterplatz.

»Letzte Woche«, sagt er zu mir. »Am Skagerrak. Das war einmalig.«
Er sieht mich lange an. Mein Vater wirkt wie ein Student: Der Anorak passt nicht zum Hemd; das Grün der Schuhe beißt sich mit dem hellen Blau seiner Jeans. Er schneidet sich die Haare selbst – wie ich, als ich 14 war: Ich hatte in der Bunten gelesen, dass Keanu Reeves das tat …  »Fahr auch mal wieder weg«, sagt er. »Arbeite nicht so viel.«

Zwanzig Jahre zuvor hatte ich das Gleiche zu ihm gesagt, hatte mich darüber gewundert, wie er am Tisch saß, den Kopf gesenkt, und müde und gierig sein Mittagessen verschlang. Zu dieser Zeit hatte ich ein Foto von ihm gemacht: Im Vordergrund sah man den oberen Teil des Kühlers seines Wagens; mein Vater stand im Hintergrund, im Anzug und mit Schlips, den Blick in die Ferne gerichtet, die Brust herausgestreckt.

Er hat jeden Tag einen Anzug getragen und Budapester Schuhe. Wir aßen selten daheim – ich erinnere mich an Szenen, als wir vor zwanzig Jahren in Freiburg im »Colombi« vor zwei Filets Mignon saßen und er versuchte, mir seine Deutung
des Konflikts zwischen Friedrich von Hayek und John Keynes darzulegen. Damals war ich überzeugt, dass es mir niemals etwas bedeuten würde, ob das Fleisch auf meinem Teller bien cuit wäre oder bleu.

Nun führt er mich zum Würstchenstand. Über uns wirft der Turm des Freiburger Münsters seinen Schatten in die Mittagshitze. Mein Vater verspeist eine Bratwurst, während ich selbst ein stilles Mineralwasser aus der Flasche trinke.
»Auch ein Stück?« Er hält mir die Wurst hin. »Danke, nein«, sage ich. »Komm«, sagt er. »Ich zeig dir was.«

Wir gehen durch die Stadt: die Fachwerkhäuser, der Dreisam-Fluss; die ganze heile Welt, in die, seit ich Kind war und wir hier Urlaub gemacht haben, Billigmärkte und ein bisschen Plastik gedrungen sind. Am Holzmarktplatz hat er gewohnt. In der Oper hat er meine Mutter kennengelernt. In jenem Vorgarten hat er genächtigt, als er betrunken war.

Eigentlich wollte mein Vater Mineraloge werden; er entschied sich dann für einen Beruf, der »etabliert« schien. Ich habe ihn so in Erinnerung: mit Akten vorm Fernseher sitzend; zu Sitzungen fahrend, von Sitzungen kommend. Mein Vater in seinem Büro, hinter sich ein Bild, das meine Mutter gemalt hatte. Jahrelang sprachen wir kaum miteinander.

Wenn ich aus München kam, holte er mich vom Bahnhof ab; dann saß ich neben ihm in dem Wagen, mit dem ich ihn fotografiert hatte – er in seinem Wintermantel, einen Hut auf dem Kopf; ich erst plappernd und schließlich in sein Schweigen einstimmend. Sobald wir zu Hause waren, setzte er sich in seinen Sessel am Wohnzimmerfenster und schlug die Zeitung auf. Sein Schädel, in der Zeitung versunken; das »Mmh«, mit dem er die meisten meiner Fragen beantwortete; sein Schlafzimmer, das wirkte, als habe während der letzten Jahre niemand Zeit zum Aufräumen gefunden …
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Sein Schweigen war raumgreifend, fast bedrohlich; ich glaube, er verstand eine Familie nicht als Quid pro quo, sondern als Horde, obwohl die Gesinnung durch den Wandel der Zeit nicht so ausgeprägt war wie bei seinen Vorfahren, die sich im Jähzorn die Hemden, statt zu knöpfen, auch mal aufgerissen hatten.

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