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aus Heft 41/2010 Frauen

»Rinder und Schweine verstehe ich sehr gut. Bei Hühnern klappt es nicht so.«

Michaela Haas (Interview)  Foto: (1)dpa (2)ap

Temple Grandin ist Autistin. Menschen sind ihr fremd, aber sie fühlt, was Tiere fühlen. Deshalb entwickelt sie neue Methoden, sie zu töten.


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Der Bolzenschuss ist das Ende. An dem kann Temple Grandin nichts ändern. Der Schuss kommt. Grandin interessiert sich für das, was davor kommt. Sie entwirft Schlachthöfe, sie legt fest, auf welchem Weg die Rinder ihren Tod finden. Sie sagt, sie verstehe die Gefühle der Tiere, sie kenne ihre Ängste. Grandin ist Autistin. Und sie ist ein sogenannter Savant, sie hat eine Inselbegabung, wie man sagt. Ihre Insel sind die Tiere, in die sie sich hineinfühlen kann wie niemand sonst. Grandin ist Professorin für Tierwissenschaften an der Colorado State University. Vor allem aber berät sie Viehzuchtbetriebe. Inzwischen laufen die Hälfte aller Rinder in den USA durch Zuchtanlagen und Schlachthöfe, die Grandin entworfen hat; manche nennen sie deshalb »Cow Killer«. Grandin hat nichts gegen das Schlachten, aber sie will, dass die Tiere keine Schmerzen leiden. Ihr jüngstes Buch
Animals Make Us Human landete auf der Bestsellerliste der New York Times. Das Time Magazine zählte Temple Grandin im April zu den 100 einflussreichsten Menschen weltweit, ein Spielfilm über ihr Leben (mit Claire Danes in der Hauptrolle) gewann im August fünf Emmys.

SZ-Magazin: Was haben Sie mit einer Kuh gemeinsam?

Ich nehme die Welt in Bildern wahr, nicht in Worten. Und ich bin immer auf der Hut. Das stärkste Gefühl bei Tieren ist Angst, und das ist auch das stärkste Gefühl bei Autisten.

Was macht Ihnen Angst?
Plötzliche, heftige Bewegungen oder laute, schrille Geräusche. Meine Nerven sind extrem empfindlich. Autisten erschrecken vor den gleichen Dingen wie Rinder: vor hohen Tönen, reflektierenden Gegenständen, Dunkelheit. Sachen, die in der Wildnis Gefahr bedeuten. Auch wenn ich nicht danach suche, nehme ich zum Beispiel automatisch Löcher in Zäunen wahr, also Fluchtwege, wie ein gefangenes Tier.

Verstehen Sie manche Tiere besser als andere?

Rinder und Schweine. Mit Hühnern klappt es nicht so gut.

Sie sagen, Tiere und Menschen besäßen dieselben Grundemotionen. Da würde Ihnen jeder Haustierbesitzer zustimmen, jedoch nicht jeder Wissenschaftler.
Bis heute glauben sogar einige Tierärzte und Forscher nicht, dass Tiere Gefühle haben. Das Erste, was ich denen sage, ist, dass Antidepressiva, die für Menschen entwickelt wurden, auch bei Tieren funktionieren. Wenn Sie das Hirn eines Schweins sezieren, können Sie in der unteren Hirnhälfte praktisch keinen Unterschied zum menschlichen Gehirn feststellen. Die Grundemotionen sind die gleichen: Wut, Angst und Panik zum Beispiel.

Wie unterscheiden sich Ihre Gefühle von denen anderer Menschen?

Ich werde wütend, ich kann plötzlich laut lachen oder weinen. Aber romantische Glückseligkeit kenne ich nicht. Meine Gefühle sind weniger komplex.

Wissenschaftler streiten sich bis heute, was Autismus eigentlich ist.

Stellen Sie sich mein Gehirn wie einen riesigen Bürokomplex vor. Normalerweise sitzen da oben ein Vorstandsvorsitzender und sein Team, darunter Abteilungen für Finanzen, Buchhaltung, Personal, Recht und so weiter. All diese Abteilungen kommunizieren ständig miteinander über E-Mail, Telefon, Fax, Konferenzen. In meinem Kopf sind einige dieser Kabel nicht angeschlossen. Die autistische Hirnrinde ist oft stark überwachsen, das kann man mit einem Kabelsalat vergleichen, in dem es dann zu Kurzschlüssen kommt. Dass es so viele verschiedene Arten von Autismus gibt, liegt daran, dass immer andere Abteilungen angeschlossen sind.

Was bedeutet das bei Ihnen?

Einige Dinge kann ich einfach nicht besonders gut. Die Grafikabteilung in meinem Gehirn ist zum Beispiel überbeschäftigt, die Abteilung für Sozialverhalten aber unterentwickelt. Ich musste erst lernen, mit Menschen umzugehen.

Wie haben Sie das geschafft?

Indem ich beobachte, wie andere Menschen miteinander umgehen, sie wie mit einem Videorekorder im Gehirn aufzeichne und dann bei Bedarf das richtige Verhalten abspiele. Worte sind wie eine Fremdsprache für mich. Ich übersetze alles, was ich höre und lese, in Bilder und in Farbfilme mit Ton. Mit Menschen umzugehen ist für mich wie eine Rolle in einem Drehbuch. Je mehr Filme ich in meiner Gehirnbibliothek gespeichert habe, desto normaler verhalte ich mich.

Sie sagen, Autismus sei eine Art Zwischenstation auf dem Weg vom Tier zum Menschen. Wie meinen Sie das?

Autistische Inselbegabte können sich zum Beispiel optische Details perfekt einprägen, etwa wenn sie mit einem Hubschrauber über ein Gebiet fliegen – wie Zugvögel. Andere haben ein unfehlbares Gedächtnis – wie ein Hund. Manche Savants haben einen IQ wie geistig Behinderte, aber sie können Dinge tun, die normale Menschen nicht können – wie sehr sie es auch versuchen. Ich kann zum Beispiel ganze Zuchtanlagen in meinem Kopf probelaufen lassen, in dreidimensionalen Bildern. Andere brauchen dafür teure Animationen und kriegen es dann doch nicht so gut hin.

Sie haben für Ihre Arbeit am Anfang Spott geerntet und werden nun als Genie gefeiert.
Der Anfang war hart. Damals war Viehzucht ein reines Macho-Geschäft. Was heute als sexuelle Belästigung bezeichnet wird, ist nichts gegen die Sachen, die ich erlebt habe. Als ich einmal eine Futterstation besuchte, kastrierten sie dort gerade Bullen, und als ich wieder loswollte, lagen haufenweise Bullenhoden auf meinem Auto. Ich bin einfach davongefahren, ohne einen großen Aufstand zu machen. Das hätten sie wohl gern gehabt.
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Michaela Haas

, 40, war sehr überrascht, dass sich Temple Grandin ausgerechnet in einem Steakhaus mit ihr treffen wollte. Grandin war eher schroff, fragte nicht einmal, wie die Reise von Kalifornien nach Colorado war – mit Konventionen kann sie wenig anfangen.

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