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aus Heft 41/2010 Frauen

Das niedliche Mädchen

Susanne Frömel  Foto: (2) Anja Brunsmann

Schon wieder eine neue Praktikantin, die bezaubernd ist. Einfach entzückend. Dabei auch so aufgeweckt, so nett, so arbeitsam. Mit anderen Worten: ganz und gar unerträglich.



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Sie kicherte, die ganze Zeit kicherte sie, und offenbar brauchte sie für das Kichern nicht mal einen Grund. Sie war frisch von der Schule, hatte einen leicht federnden Gang, jeder Schritt ein Hüpfer, mit ihrem schwingenden Röckchen sah sie aus wie Alice im Wunderland. Sie sagte »Danke« und »Bitte« häufiger, als es nötig gewesen wäre. »Aber das übernehme ich doch gern für Sie« gehörte zu ihrem Standardrepertoire. Morgens um 8.30 Uhr, wenn wir anderen kamen, saß sie schon längst da, das Haar gescheitelt und mit zwei Spangen zurückgenommen, eine praktische, hübsche Frisur. Sie war niedlich, einfach nur niedlich. Je länger sie da war, desto stärker wurde mein Bedürfnis, sie übers Knie zu legen und ihr dieses glockenhelle, gekünstelte Stimmchen und die unerschöpfliche Nettigkeit aus ihrem blöden blassrosa Blüschen zu prügeln.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niedlichkeit ist nicht prinzipiell schlecht. Kleine Mädchen mit Zöpfen auf dem Weg zum ersten Schultag, Hundewelpen, Blümchenmuster: niedlich. Junge Frauen auf dem Sprung in die Berufswelt sollten es nicht sein. Und doch scheint gerade eine Welle von Absolventinnen der »Hello Kitty»-Akademie in die Büros zu schwappen, die sich anschicken, das Land mit ihrer Süßlichkeit zu überzuckern. Sie gefallen sich in ihrer Gefälligkeit, und sie verweigern jede Art von Kampf, speziell den mit Männern. Sie haben eine Nische gefunden, in der sie sich sicher fühlen können: die Putzigkeit.

In Japan gibt es das schon länger. Dort gilt »Kawaii«, die Niedlichkeit, als Lebensideal der unverheirateten Frau. Die Stimme schraubt sich in unangenehme Höhen, die Schritte sind klein und trippelnd, die Zehenspitzen zeigen zueinander. Wer niedlich ist, signalisiert Harmlosigkeit. »Eine neue Testphase des weiblichen Resonanzraums«, nennt Professor Heinz Bude das Phänomen. »Diese Mädchen probieren aus, was die Weiblichkeit noch so für Möglichkeiten bietet. Das bedeutet nicht, dass die alten Modelle gescheitert sind. Aber hier werden frische Wege gegangen: Was kann ich mit dieser Taktik erreichen?« Bude ist Soziologe, Spezialist für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Für diese jungen Frauen, so Bude, seien ihre Vorgängerinnen, die Karrieristinnen der 80er- und 90er-Jahre, ein Schreckgespenst: »Eine Karriere, wie sie lange als Ideal dargestellt wurde, ist für sie mit zu hohen Kosten verbunden: Sie bedeutet den Verzicht auf Kinder und möglicherweise auch auf Partnerschaften.«

Ein Sommerfest vor wenigen Wochen. Die eine Hälfte des Rasens war mit hauptsächlich männlichen Mitgliedern der Firma bevölkert, die in geschäftliche Gespräche vertieft waren. Auf der anderen Seite standen im Wesentlichen Frauen. Und zwischen beiden Gruppen huschte die niedliche Praktikantin mal hierhin, mal dorthin, sie kicherte an den richtigen Stellen und brachte Canapés, wenn die Kellner nicht schnell genug waren. Sie hatte ein untrügliches Gespür dafür, zu wem sie nett sein musste und zu wem besonders nett. Sie schien keinerlei Hemmungen zu haben, mit ihrer Putzigkeit die nächste Sprosse auf der Karriereleiter zu polieren.

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Susanne Frömel

Dass Susanne Frömel, 36, so gar nicht niedlich ist, stellte sie erst in Tokio fest. Im Vergleich zu den anderen Frauen waren ihre Stimme zu tief, der Gang zu ausladend und die Kleidung nicht bunt genug.

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