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aus Heft 41/2010 Frauen

»Der Mut von Frauen wird chronisch unterschätzt.«

Gabriela Herpell  Fotos: Getty

Manchmal braucht es radikale Schnitte, um Frauen zu befreien. Starfriseur Vidal Sassoon sah das genauso – und griff zur Schere.

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Sassoons Durchbruch gelang mit diesem Foto: der Nancy-Kwan-Bob.


SZ-Magazin: Herr Sassoon, haben Sie mit Ihren berühmten geometrischen Frisuren Ihren Teil zur Emanzipation der Frau beigetragen?

Vidal Sassoon: Ich habe die Frauen davon erlöst, ihr Haar zu vergewaltigen: es zu toupieren und mit Spray zu bearbeiten, bis es wie Beton ist. Und ich habe sie vom wöchentlichen Friseurtermin befreit.

Ihre Haarschnitte waren burschikos. Und gefielen den Männern anfangs nicht sonderlich. Der Daily Mirror schrieb damals: »Diese Frisuren sind nicht unbedingt das, was starke Männer schwach und schwache Männer ergeben macht.«
Das haben sie geschrieben? Da haben sie absolut recht gehabt. Das Zitat gefällt mir.

War Ihnen bewusst, dass Sie eine Revolution angezettelt haben? Von Frauen wurde ja eigentlich erwartet, dass sie dem Geschmack der Männer entsprachen.
Ich war eigentlich nur Teil einer großen Bewegung. Da gab es Mary Quant und Rudi Gernreich, die die Mode auf den Kopf stellten.

Mary Quant mit ihren Miniröcken und Rudi Gernreich mit der Unisex-Mode, die für uns heute so selbstverständlich ist.
Diese beiden haben Mode erstmals ganz anders verstanden als alle Designer zuvor. Mary Quant hatte ihr Atelier auf der King’s Road, aber in Wirklichkeit war die ganze Straße ihr Atelier. Am Samstagnachmittag die Mädchen dort herumlaufen zu sehen – dafür war es beinahe wert, ein Fußballspiel zu verpassen.

So stellt man sich die Swinging Sixties vor.
Und dann kam Yves Saint Laurent mit Rive Gauche. Plötzlich konnte sich jeder Mode leisten. Man musste kein 10 000-Dollar-Kleid mehr kaufen, um dabei zu sein. Das war die Essenz der Sechzigerjahre: Die Dinge, die bis dahin der Elite vorbehalten waren, wurden für alle zugänglich. Und so war es auch mit den Frisuren. Vorher brauchte man viel Geld, um jede Woche zum Friseur gehen zu können. Da ließ sich die reiche Lady frisieren, bevor sie ins »Ritz« zum Lunch ging.

Aber ein Haarschnitt von Ihnen war sicher nicht umsonst.
Nein. Aber alle fünf Wochen zum Friseur zu gehen, das konnte sich auch eine normale, arbeitende Frau leisten, wenn sie jede Woche ein paar Schilling zur Seite legte.

Glauben Sie, es hat die Frauen stärker gemacht, ihr Haar so zu tragen? Ihre Schnitte waren kantig, streng.
Streng? Das Haar konnte endlich schwingen! Außerdem habe ich den Schnitt immer dem Typ einer Frau angepasst. Ich habe die Form ihres Gesichts und ihre Wangenknochen betont. Das hat das Besondere an jeder Frau hervorgehoben. Und so hat sie sich dann auch gefühlt: einzigartig. Das mag sie gestärkt haben.

Die Frisuren vorher haben vom Gesicht abgelenkt?
Natürlich. Diese hoch aufgetürmten Haare, diese Haarteile! Ich habe das Funkeln in den Augen der Frauen gesehen, wenn sie sich mit ihrem neuen Schnitt im Spiegel angesehen haben. Und Sie wissen ja, es kommen auch Frauen weinend vom Friseur.

Sie wollen jetzt nicht behaupten, das sei Ihnen nie passiert.
Ist passiert, na klar. Mit der Schauspielerin Georgia Brown zum Beispiel, die die Nancy in Oliver spielte. Das war ein Musical nach dem Roman Oliver Twist von Charles Dickens, ein riesiger Hit in London und später auch in New York. Vor der Premiere kam Georgie in meinen Salon und wollte eine neue Frisur haben. Ich schnitt ihr Haar ziemlich kurz. Sie sagte: »Du hast meine Karriere ruiniert.« Am nächsten Tag rief sie an und entschuldigte sich dafür, so einen Aufstand gemacht zu haben. Denn alle ihre Freundinnen fanden, dass sie toll aussah.

Trotzdem kein guter Moment. Es ist ja auch eine große Verantwortung, eine Frau ganz und gar umzugestalten, ihren Typ so zu verändern.
Aber ich wusste, dass ich konsequent sein musste. Und dass die Richtung stimmte. Es ist ja immer so: Wenn man etwas ganz Neues macht, muss man auf solche Reaktionen gefasst sein. Es dauert Jahre, bis sich das Auge des Menschen an neue Formen gewöhnt. Mies van der Rohes Seagram Building in New York wollte am Anfang auch niemand sehen.

Was machte Sie so sicher, dass Sie richtiglagen?

Ich hatte neun Jahre an dem Look gearbeitet. Neun Jahre harte Arbeit. Experimentieren, nachts und am Wochenende. Ich wusste, dass Veränderung in der Luft lag. Ich hatte ein tolles Team damals. Wir hatten Ideen, Gestaltungswillen. Aber der Durchbruch kam erst an dem Tag, als das Foto von Nancy Kwan um die Welt ging.

Wie kam es, dass gerade dieses Foto so einschlug?
Nancy Kwan war als Schauspielerin auf dem Weg zur Berühmtheit. Und der Produzent ihres nächsten Films wollte sie mit kurzen Haaren haben. Ihr Haar war wunderwunderschön und ganz lang. Ich fragte sie: »Bist du sicher?« Sie sagte: »Ja, fang einfach an.« Aber sie hat nicht hinge-sehen. Sie hat mit ihrem Manager Schach gespielt. Als ich fertig war, sah man ihr herrliches Gesicht. Ich rief einen Freund an, den Fotografen Terence Donovan, und fragte: »Terence, können wir heute Abend arbeiten?« Am Morgen lag das Foto bei der Vogue auf dem Tisch. Und die Frisur mit dem kürzeren Nacken und den langen Spitzen vorn hieß von da an »Nancy-Kwan-Bob«.

Schauspielerinnen sind ja schon aus professionellen Gründen etwas offener neuen Frisuren und Haarfarben gegenüber als viele andere Frauen. Wie gingen Sie damit um, wenn jemand nicht so mutig war?
Die meisten Frauen sind mutig. Der Mut von Frauen wird chronisch unterschätzt. Die Frauen, die zu uns kamen, wollten Veränderung.

Den Bob gab es schon in den Zwanzigerjahren. Wie viele Comebacks des Bobs haben Sie seitdem erlebt?

Der Bob kommt immer wieder. Es ist ja sehr gut, wenn Dinge gelegentlich verschwinden. Denn wenn etwas nichts taugt, kommt es nicht wieder. Der Bob taugt offenbar etwas.

Dann kam Ihr Five-Point-Cut, der auch ziemlich berühmt wurde.
Den machte Grace Coddington bekannt, die heute Creative Director der US-Vogue ist. Sie war damals Topmodel, ganz jung. Sie fuhr mit ihrem Five-Point-Cut nach Paris, wo sie arbeitete. Die Mädchen dort fragten: »Wo bekommen wir diesen Schnitt?« Sie sagte: »Dafür müsst ihr nach London gehen.« Und so veränderte sich das Image des Berufs. Ein Friseur war jemand, für den man eine Reise machte.
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Gabriela Herpell

, 51, hätte nicht gedacht, dass ein Mann von über 80 Jahren in Converse-Turnschuhen gut aussehen kann. Aber er kann. Vidal Sassoon empfing topfit und gut gelaunt im »Electric House«, einem modernen Club voller junger Menschen, in Notting Hill.

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