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aus Heft 44/2010 Natur

Entwarnung?

Michaela Haas   Bilder: ap, dpa(2)

Nur wenige Monate nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sind Floridas Strände wieder freigegeben, alles in Ordnung. Wirklich? Nein. Nichts ist in Ordnung.


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Zwischen Urlaubsparadies und Katastrophengebiet liegen vier Zentimeter Sand. Grand Isle, Louisiana, Mitte Oktober, blauer Himmel, 18 Grad. Ein Touristenpärchen läuft barfuß den zuckerweißen Strand entlang. Postkartenstimmung.

Vor einem halben Jahr stand Präsident Barack Obama genau an diesem Strand und sprach von der »schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte«. Achtzig Kilometer vor der Küste ist am 20. April die Ölbohrplattform Deepwater Horizon des britischen Energiekonzerns BP im Golf von Mexiko explodiert. Rund 780 Millionen Liter Öl sprudelten ins Meer, die größte Ölpest, die je im Meer geschehen ist. Und heute? Ist davon nichts mehr zu sehen. Zumindest auf den ersten Blick. Die Warnschilder sind verschwunden, die Menschen in weißen Overalls, die BP bezahlte, um das Öl vom Strand zu schaufeln, und mit ihnen die Journalisten und Kameras.

Aber Duane Titus braucht nur vier Zentimeter tief zu graben, um das zu finden, was man nicht mehr sehen soll: einen schwarzen Klumpen Teer, flach und breit wie ein in Sand panierter Hamburger. »Die Touristen bemerken das Öl nicht, weil es mit Sand und Schlamm bedeckt ist«, sagt er und zerbröselt den stinkenden Klumpen. »Aber das Gift verschwindet ja nicht.«
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Titus, ein braun gebrannter Kalifornier, ist seit sechs Monaten am Golf. Immer, wenn irgendwo auf der Welt ein Tanker zerbricht oder eine Plattform explodiert, klingelt sein Handy. Der selbstständige Elektriker engagiert sich seit zwanzig Jahren für die gemeinnützige Organisation Internationale Vogelrettung. »Mit dem Öl wird die Küste hier die nächsten zehn bis zwanzig Jahre zu tun haben«, sagt er.

Auch im Sumpfland, eine halbe Autostunde nördlich von Grand Isle, scheint sich die Natur erstaunlich schnell erholt zu haben. Bis auf einen meterbreiten schwarzen, toten Rand ist das Schilf grün, Pelikane tauchen im senkrechten Zischflug nach Fischen. Aber man muss nur ein paar Meter tief in den Sumpf waten: Duane Titus deutet auf eine schwarze Schicht unter der Wasseroberfläche. Das Öl verhält sich vorbildhaft, als hätte es den PR-Plan von BP gelesen: Es duckt sich unter die Oberfläche. »Es muss nur einen heftigen Sturm geben, der es wieder über die gesamte Insel verteilt«, sagt der Vogelschützer, »aber bis dahin gilt: aus den Augen, aus dem Sinn. Das ist die Maxime, nach der sie hier operieren.« In den letzten sechs Monaten haben Duane Titus und seine Frau Rebecca Hunderte Pelikane, Reiher und Möwen mit Spülmittel gewaschen, gebürstet und an der unversehrten Ostküste wieder ausgesetzt.

Mit den verölten Vögeln verschwinden auch die Nachrichten über die Katastrophe am Golf von Mexiko. 86 Tage lang fieberten Millionen TV-Zuschauer weltweit mit den BP-Technikern mit. 86 Tage lang rätselten Umweltschützer, wie viel Öl aus dem unterirdischen Rohr strömt – 500 000 Liter pro Tag (BP) oder fünf Millionen (die Wissenschaftler)? Immer neue Versäumnisse kamen ans Licht: BP hatte Sicherheitsvorschriften umgangen, um Geld und Zeit zu sparen. Und die Ernennung eines längst verstorbenen Wissenschaftlers zum Experten gehörte noch zu den kurioseren Details des Notfallplans. Am 15. Juli schließlich setzte BP ein Ventil auf die Quelle am Meeresboden, aber erst am 19. September konnte es endgültig für dicht erklärt werden.
Michaela Haas

hat selbst schon verölte Pelikane sauber geschrubbt. Als sie im vergangenen Jahr in Kalifornien einen verletzten Seelöwen fand, wurde sie Mitglied im Meeresschutz-Programm des California Wildlife Center in Malibu.

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