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aus Heft 45/2010 Gesundheit 8 Kommentare

Flucht nach vorn

Sergey Brin lässt sein Genom entschlüsseln – und erfährt, dass er sehr wahrscheinlich eines Tages an Parkinson erkranken wird. Statt zu resignieren, begibt sich der Google-Gründer auf die größte Suche seines Lebens.

Von Thomas Goetz  Foto: Justin Sullivan/Getty; Reuters; DPA; Illustration: Dirk Schmidt




Mehrmals in der Woche fährt Sergey Brin nach der Arbeit von der Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View ins örtliche Schwimmbad. Dort schlüpft er in die Badehose, steigt aufs Dreimeterbrett, wirft einen Blick in die Tiefe und springt. Brin beherrscht alle Sprungarten, seit Kurzem arbeitet er intensiv an den Schrauben. Kunstspringen fasziniert ihn, denn es ist körperlich wie geistig gleichermaßen anstrengend: »Man muss volle Kanne abspringen und sofort die Drehung einleiten«, sagt er, »da geht der Puls schon hoch.«

Die Sache hat noch einen anderen Vorteil: Mit jedem Sprung vom Brett sammelt Brin ein paar Pluspunkte. Pluspunkte gegen die Gefahr, dass eines Tages die Parkinson-Krankheit bei ihm ausbricht. In jeder Zelle seines Körpers – genauer gesagt, in einem Gen namens LRRK2, das auf dem Chromosom 12 sitzt – verbirgt sich eine genetische Mutation, die vermutlich ein höheres Parkinson-Risiko bewirkt. Nicht jeder Parkinson-Patient hat ein mutiertes LRRK2-Gen; auch wird nicht jeder mit diesem mutierten Gen an Parkinson erkranken. Doch die Wahrscheinlichkeit ist um das 30- bis 75-Fache erhöht. Im Vergleich dazu liegt das Risiko für den Durchschnittsamerikaner bei etwa einem Prozent. Brin selbst sagt, als Mittelwert lasse ihm seine DNS also ungefähr eine Fifty-fifty-Chance.

An dieser Stelle kommt der Sport ins Spiel: Die Erkenntnisse über Parkinson sind bislang nur sehr dünn, aber eine Studie zeigt, dass junge Männer, die Sport treiben, ein bis zu 60 Prozent geringeres Risiko tragen. Kaffeekonsum scheint das Risiko ebenfalls zu reduzieren und auch Raucher laufen anscheinend weniger Gefahr, an Parkinson zu erkranken, aber das Rauchen hat sich Brin dann doch nicht angewöhnt. Durch jede Trainingseinheit im Schwimmbad hofft er seine Chancen zu verbessern: »Nehmen wir mal an, dass ich durch richtige Ernährung und Sport mein Risiko um die Hälfte reduzieren kann, dann bin ich bei 25 Prozent.« Aber Brin tut noch mehr. Als einer der Gründer von Google ist der Mann theoretisch 15 Milliarden Dollar schwer. Seit er von seiner LRRK2-Mutation erfuhr, hat er 50 Millionen Dollar für die Parkinson-Forschung gespendet, genug, um, wie er sagt, »die Sache wirklich ins Rollen zu bringen«. 

Schon immer haben wohlhabende Menschen Mittel zur Erforschung von Krankheiten bereitgestellt, an denen sie selbst litten. Brin ist aber wahrscheinlich der Erste, der aufgrund eines Gentests Gelder zu Forschungszwecken spendete, um damit einer eigenen Erkrankung vorzubeugen. Doch damit lässt er es nicht bewenden: Er fordert eine ganz andere Art von Wissenschaft.

Der größte Teil der klassischen medizinischen Forschung folgt der immer gleichen Vorgehensweise: Hypothese – Analyse – Bewertung durch Kollegen – Veröffentlichung. Brin dagegen will eine Forschung vorantreiben, die auf Rechenkapazität und gigantischen Datensätzen beruht – das Google-Prinzip. »Medizinische Forschung läuft im Vergleich zu dem, was ich vom Internet gewöhnt bin, im Schneckentempo ab. Dabei könnten wir auf vielen Gebieten gleichzeitig agieren und dabei eine Menge Informationen sammeln. Und dann schauen, ob wir darin irgendein Schema entdecken.«
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Brins Mutter leidet an Parkinson, doch Brin sah darin keinen Zusammenhang; Parkinson galt lange Zeit als nicht erblich. Dann hob seine Ehefrau Anne Wojcicki 2006 das Unternehmen 23andMe aus der Taufe, eine Firma für persönliche Genforschung (Google ist einer der Geldgeber). Als Alpha-Tester bekam Brin die Gelegenheit, früh einen Blick auf sein Genom zu werfen. Er sah nichts Beunruhigendes. Dann aber sagte seine Frau, er solle sich einen Bereich mit der Bezeichnung G2019S näher ansehen – den Abschnitt auf dem LRRK2-Gen, an dem ein Adenin-Nukleotid, das A im ACTG-Code der DNS, manchmal durch ein Guanin-Nukleotid, das G, ersetzt ist. Und da sah er: Die Mutation lag bei ihm vor. Und: Die Auswertung von 23andMe für seine Mutter ergab das gleiche Resultat.

Brin konsultierte Experten, zuerst die Forscher der Michael-J.-Fox-Stiftung und des kalifornischen Parkinson’s Institute, das nicht weit von der Google-Zentrale entfernt liegt. Und war erst mal enttäuscht: Seit Jahrzehnten führt die Parkinson-Forschung in den USA ein Schattendasein. Alzheimer zum Beispiel erfährt mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, da zehnmal mehr Amerikaner daran leiden als an Parkinson. Das, was man über Parkinson weiß, stammt tendenziell eher aus der Patientenbeobachtung im Klinikalltag als aus den Erkenntnissen langjähriger Forschung. Fast alle Fälle werden als idiopathisch eingestuft, das heißt, man findet keine erkennbaren Ursachen. Im Grunde ist die Krankheit eine Folge des Verlusts von Gehirnzellen, die den neuronalen Botenstoff Dopamin produzieren; doch weshalb diese Zellen absterben, ist unklar. Die klassischen Symptome der Erkrankung – Muskelzucken, Gliederversteifungen, Gleichgewichtsstörungen – setzen nur allmählich ein und zeigen sich gewöhnlich auch erst, wenn die Dopaminproduktion um etwa 80 Prozent abgenommen hat, was bedeutet, dass jemand die Krankheit schon jahrelang in sich tragen kann, bevor er erste Symptome zeigt.

Was Therapien angeht, ist das Medikament Levodopa, das bereits 1967 entwickelt wurde, nach wie vor das wirkungsvollste. Es wird im Gehirn zu Dopamin umgewandelt, hat aber leider erhebliche Nebenwirkungen, darunter unkontrollierte Zuckungen und geistige Verwirrung. Andere Eingriffe wie etwa die sogenannte Tiefe Hirnstimulation sind teuer. Und die Stammzellenbehandlung, die vor einem Jahrzehnt verheißungsvoll schien, »griff nicht so richtig«, wie der Leiter des Parkinson’s Institute, William Langston, sagt. »Der Transfer von Nervenzellen und die Wiederbelebung des Gehirns waren komplizierter, als man allgemein dachte.«

Es gibt allerdings auch vielversprechende Ansätze: Einer der spannendsten Forschungsbereiche ist die zeitliche Differenz zwischen dem Verlust der Dopamin-produzierenden Zellen und dem Ausbruch der Symptome. Bisher erschwert diese Verzögerung die Behandlung erheblich. »Bis zum vollständigen Ausbruch von Parkinson vergeht viel zu viel Zeit«, sagt Langston. »Die aussichtsreichen Medikamente haben vielleicht deshalb nichts bewirkt, weil wir erst so spät eingreifen können.«

Kommentare

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  • Gerhard Fuetterer (2) Ich habe aus reienm Interesse mich an einer Gedaechtnisambulanz zur Untersuchung angemeldet und auch verschieden Tests mit gemacht.
    Im meinem Alter von 75 wollte ich meinen derzeitigen Stand erkunden lassen.
    dabei habe ich auch einem Gentest zugestimmt.
    Leider war der aufsichtsfuehrende Arzt so mit anderen Dingen beschaeftigt, dass er mir einen Bericht im Korrodor erklaerte. Da ich im Moment im Ausland bin muss ich dieses als Beschwerde leider etwas spaeter mit der Klinik klaeren.

    Ich moechte trotzdem meine Beobachtungen meines koerperlichen und geistigen Befindens in irgend einer georneten, ordentlichen Form registrieren und damit auch auswertbar machen.
    Wie soll / kann ich das anstellen?
  • Juergen Helmerichs (0) Guten Morgen mal wieder,
    schoen, Frau Bodewig, dass du ein Kontaktangebot eroeffnest.
    Du bist zwar keine Emanze (zum Glueck) aber eine starke Persoenlichkeit!
    Und ich bin zwar nicht von Parkinson betroffen, habe aber andere Gruende, mich an deinem Anliegen zu beteiligen.
    Ich werde dich auf jeden Fall kontaktieren!
    Vielen Dank!
    Pete J. Probe
  • Birgit Bodewig (0) Hallo zusammen nochmal.
    Ich bin nun seit 7 Jahren Parki und auch wenn ich auf die Krücke Schulmedizin angewiesen bin, schau ich über den Tellerrand und bin mit 44 Jahren noch lange nicht bereit den Kopf in den Sand zu stecken. Symptombehandlung ist wichtig,aber damit beschäftigen sich schon genug. Was mich viel brennender interessiert ist der Ursprung und wer kann da mehr zu beitragen als Betroffene. Ich bin gern bereit meine Erfahrungen, Beoachtungen und Erkenntnisse auszuauschen. b.bodewig@arcor.de
    Birgit Bodewig
  • Juergen Helmerichs (0) Guten Morgen,
    Frau Bodewig und Herr Schulz, ich habe mich ueber eure Mitteilungen zu meinem Kommentar sehr gefreut!
    Deshalb will ich auch noch kurz darauf antworten.
    Nikolai verweist auf Aspirin, was mir in Verbindung mit Kopfschmerzen bekannt ist. Also... wenn man sich auf die Suche begibt, sollte man sich davor hüten. Das gilt eben auch fuer Birgit, die ich eher mal zum `Essen, Bier etc.´ ausfuehren wuerde, um von ihren Erfahrungen zu lernen.
    Das waere schon mindestens zweigleisig und wenn Nikolai sich noch dazu gesellt, dann koennen wir auf die erste Aspirin schon mal ganz verzichten.
    Sollte meine veilleicht etwas verwegene Formulierung falsch angekommen sein, koennen wir uns ja zumindest hier noch mal treffen.
    OK und vielen Dank!
    Pete J. Probe
  • Birgit Bodewig (0) Als selbst Betroffene und auch Angehörige, kann ich dem nur beipflichten was Pete J. Probe schreibt. Auch das die Erfahrungen mit der Mutter sehr hilfreich sein können.
    Schade das der Platz für Ausführungen fehlte, daran wär ich sehr interessiert.
    Grüße
    B.Bodewig
  • Nikolai Schulz (0) PS: wahrscheinlich hat meiner Vorkommentator Juergen Helmerichs bzw. Pete J. Probe recht: "Nein, ganz und ganz allein die Suche seines Lebens bzw. die Suche d a n a c h ist entscheidend und wird eine richtige Antwort eroeffnen." Aber siehe Aspirin, am besten zweigleisig oder dreigleisig fahren ;-)
  • Nikolai Schulz (0) Interessanter Artikel, hatte auch zwei Parkinsonfälle im näheren Umfeld!
  • Juergen Helmerichs (0) Guten Abend,
    es liegt mir daran, Sergey Brin mitzuteilen, dass er sich unbedingt auf die Suche geben und dabei nie resignieren soll.
    Aber...auf die Suche wonach...das ist hier die entscheidende Frage.
    Wenn jemand sucht, dann erwartet er Antworten, Antworten auf das, was ihn zur Loesung seiner Probleme fuehrt.
    Wo aber wird Sergey seine Antworten finden, die ihn von einer unheilvollen Erwartung befreien? In der Medizin, der Genforschung?
    Nein, ganz und ganz allein die Suche seines Lebens bzw. die Suche d a n a c h ist entscheidend und wird eine richtige Antwort eroeffnen.
    Die Erfahrungen mit der Mutter koennen dabei vielleicht Hilfen geben.
    Um meine Mitteilungen auszufuehren, fehlt hier leider der Platz und die Gelegenheit. Aber bitte glauben Sie mir, ich weiss wovon ich rede.
    Vielen Dank!
    Pete J. Probe