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aus Heft 47/2010 Tiere/Pflanzen

Endlich frei

Von Kerstin Greiner 

Kann man als Henne aus der Legebatterie jemals wieder ein normales Leben auf dem Bauernhof führen? Drei Hühner haben es für uns probiert.



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Diese mehrfach ausgezeichnete Reportage erschien erstmal im SZ-Magazin 20/2002.


MITTWOCH, 27.2.2002


In der Kiste auf dem Rücksitz raschelt es, Krallen kratzen auf dem Kistenboden, schwarze Augen lugen aus den Luftöffnungen. Ein verzweifelt klingendes "Gack" dringt heraus. Henni, Helga und Heide haben es eng, wenn auch nicht ganz so eng wie in dem Käfig, in dem sie bislang ihr Leben verbrachten: Die drei Hennen kommen aus einer Legebatterie, von einer Eierfarm in Niederbayern, zwanzig Kilometer entfernt von Landau an der Isar.

Seit sie sieben Monate waren, lebten sie dort: legten mindestens 300 Eier im Jahr, 100 mehr als Freilandhennen. Sie sind Hybriden des Typs Rhodeländer, eine Züchtung, die besonders viele Eier in kurzer Zeit verspricht. Mit je drei anderen Hennen wurden Henni, Helga und Heide in einem Käfig zusammengepfercht, insgesamt 80000 Hühner, in langen Gängen übereinander gestapelt, mit Antibiotika voll gestopft und unter künstlichem Licht gehalten, um ihre Mauser zu unterdrücken; denn in der Mauser lässt ein Huhn nicht nur Federn, sondern auch das Eierlegen für einige Wochen. Was für einen Sinn hätte ein solches Huhn für eine Legebatterie?
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Bis zu einem Alter von fast zwei Jahren kann die Mauser unterdrückt werden, dann siegt, allen Maßnahmen zum Trotz, die Natur. Also wird "ausgestallt", die Hühner kommen in die Schlachtung. Henni, Helga und Heide wird dieses Schicksal erspart bleiben: Sie fahren in ihrer Kiste in ihr neues Leben. In eines, das sie nicht kennen: mit viel Auslauf, Sonnenlicht, Sand zum Wälzen und allem, was sich ein Huhn nur wünschen kann. Ab heute werden die drei vom SZ-Magazin resozialisiert.

"Eine Huhn-Resozialisierung?", fragt Hans Hinrich Sambraus, Professor für Verhaltenskunde und Tierhaltung an der Technischen Universität München, als er von dem Projekt hört, "ja, natürlich begleite ich Ihren Versuch. Es gibt schon einige private Tests mit ehemaligen Batterie- oder Versuchshühnern, aber eine Abhandlung darüber ist mir bis jetzt nicht bekannt." Mindestens drei Hühner sollten es aber sein, denn so können die drei eine kleine Gruppe in der neuen Schar bilden, falls sie sich nicht mehr integrieren lassen. Denn ein Huhn sei nun mal ein soziales Tier, sagt er und will wissen, wo die drei hinkommen.

Die Wolfmühle liegt in der Nähe von München, zwischen Markt Schwaben und Forstinning. Eine Birkenalle führt zu der über 300 Jahre alten Mühle, vorbei an einem Mühlbach und einem Mühlweiher. Die Familie Löffl bewohnt das Gut: Anton und Annamaria Löffl, die Großeltern, Andreas und Kathrin Löffl, die das Gut inzwischen übernommen haben, und deren Baby Liselotte.

Die Löffls bauen biologisches Getreide an, um es im alten Mühlwerk wie vor 100 Jahren zu ihrem "Löfflmehl" zu mahlen, und verkaufen im hauseigenen Ökoladen biologisch angebautes Obst und Gemüse, Käse und Brot. Der Hund Chicco, ein paar Katzen, Gänse, Schwäne, Schafe, Enten, ein Esel, ein Pfauenpaar und Hunderte Forellen leben in diesem Idyll sowie sechs Hähne und ihr Harem: zwanzig Hennen. Das ist die neue Familie unserer drei Legebatterie-Hühner, die tagsüber auf der Wiese hinter dem Haus picken, scharren und gackern darf. All das kennen unsere Legehennen nicht.

Beim ersten Blick in die Kiste schlägt Annamaria Löffl die Hände über dem Kopf zusammen: "Herrgott im Himmel, wie sehen die denn aus? Die brauchen jetzt erst mal viel Pflege und Ruhe." Der Anblick der zerzausten, fast nackten Hühner ist kläglich: Die Kämme der Hennen hängen eingerissen und schlaff am Kopf, die dünnen Körper sind mit Pickwunden übersät. Henni, die Klapprigste der drei, hat ein blutrot angeschwollenes Hinterteil, drei einsame Federkiele ragen aus dem Fleisch. Die drei kauern lethargisch in der Kiste.

Weil sie anfangs getrennt von den anderen Hühnern gehalten werden, hat Andreas Löffl einen Teil des Hühnerwagens, in dem sie nachts schlafen, mit Maschendraht abgetrennt und eine Rotlichtlampe eingebaut. Ab jetzt sollen die Hennen auch kein Hochleistungsfutter mehr bekommen, sondern eine rein biologische Futtermischung mit Vitaminzusätzen. Die Tierärztin aus Forstinning, Silke Gall-Dirscherl, untersucht die Hennen. Zwar brauche sich niemand Sorgen zu machen, dass die drei Krankheiten übertragen, denn Legehennen würden unter strengsten hygienischen Bedingungen gehalten.

Aber auch sie schüttelt den Kopf und meint: "Bei diesem Anblick will man doch nie wieder ein Ei essen." Die Haut macht ihr Sorgen, die Pickwunden sind entzündet, unterernährt sind die Hühner obendrein. Zwar wurden sie sicherlich genug gefüttert, aber das Marathon-Eierlegen gehe an die Substanz, sagt die Ärztin. Zum Glück sind aber wenigstens die Füße in gutem Zustand und kaum wund gescheuert wegen des Gitterbodens; dafür sind Zehennägel und Schnäbel viel zu lang, weil die Hühner sie nicht abscheuern konnten.

Henni tastet sich vorsichtig aus der Kiste. Heide und Helga bleiben in der Kiste auf einem Bein stehen, kommen dann langsam heraus und hocken sich später in eine Ecke des Stalls. Henni scharrt und pickt, nicht nur auf dem Boden, sondern auch an Heide und Helga herum. "Federpicken", sagt die Tierärztin, "ist eigentlich ein normales Verhalten bei Hühnern, wenn es nicht, wie bei diesen Hennen, in Kannibalismus umschlägt. Die Hühner versuchen damit in den Käfigen ihrem Pickdrang nachzukommen. Deshalb sehen die armen Viecher auch so aus - sie zerfressen sich gegenseitig." Henni jedenfalls ist eine Meisterin darin.
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