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aus Heft 49/2010 Kino/Film/Theater 12 Kommentare

»Ich freue mich eher still«

Was sind die wichtigsten Werke von Thomas Mann? Was kann man von Johnny Depp lernen? Ein Gespräch mit Florian Henckel von Donnersmarck.

Von Max Fellmann (Interview)  Fotos: Peter Mountain/Kino Welt; Serge Cohen/Focus




SZ-Magazin: Herr Henckel von Donnersmarck, Sie haben jetzt drei Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. Wie sprechen die Amerikaner eigentlich Ihren Namen aus?
Florian Henckel von Donnersmarck: Gar nicht. Die sagen nur »Florian«. Denen ist mein Nachname zu kompliziert, aber glücklicherweise läuft ja in Amerika alles auf First-Name-Basis. Sogar auf meinem Parkplatz vor dem Filmstudio stand nur »Florian«.

Sie könnten es ja machen wie andere Adlige – die kürzen ihren Namen, um ihre Herkunft gar nicht erst zum Thema zu machen. Der FDP-Politiker Hermann Solms zum Beispiel heißt eigentlich Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich. Wäre das was für Sie?
Mein Name ist doch auch schon verkürzt. Ich heiße Graf Henckel von Donnersmarck, den Grafen lasse ich weg, der Rest ist nun mal mein Name. Aber im Alltag mache ich es mir natürlich auch leichter – wenn ich irgendwo eine Bestellung vornehme oder ein Ticket buche, dann schreibe ich nur Donnersmarck.

Noch ein Adliger, der seinen Titel meistens weglässt: Ihr Cousin Karl-Theodor zu Guttenberg. Was haben Sie ihm geschrieben, als er Minister wurde?
Ich habe ihm nicht extra geschrieben, wir sprechen uns oft genug. Ich hatte auch nie Zweifel, dass er es in die höchsten Ämter schafft, für mich war es nur eine Frage der Zeit. Als er Minister wurde, haben mir mehrere Leute aus der Verwandtschaft geschrieben und gesagt: Du hattest recht.

Er ist inzwischen einer der beliebtesten Politiker Deutschlands, manche sagen, das verdanke er auch seinem Adel.
Wenn dem so wäre, gäbe es wohl noch mehr adlige Politiker. Aber ich könnte mir vorstellen, dass KT mit den gleichen Prinzipien von Ehre und Anstand erzogen wurde, die auch mir eingeimpft wurden. Deshalb habe ich schon mal ein gewisses Grundvertrauen, dass dieser Mann seine Arbeit für unser Land gut macht.

Gibt es tatsächlich einen adeligen Ehrenkodex?
Sehen Sie sich den Widerstand gegen Hitler an – in dieser Gruppe gab es natürlich auch viele sogenannte Bürgerliche, aber eben doch überproportional viele Adlige. Und das hat nichts damit zu tun, dass Adlige per se anständig wären, sondern dass sie einfach wissen, wie sie geprägt wurden, welche Werte und Maßstäbe in ihren Familien seit Generationen gelten. Es gibt bestimmte Dinge, die niemand aus meiner Familie je tun oder unterstützen würde.

Was würde ein Henckel von Donnersmarck nie tun?
Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte, die unserer Familie in letzter Zeit einigen Kummer bereitet hat. Ich hatte einen entfernten Onkel, der kinderlos war. Dessen Neffe wiederum hatte einen Sohn, ungefähr in meinem Alter, aber den kannten wir gar nicht. Als mein Onkel sehr alt war und dieser junge Mann so Mitte 20 war, beschloss mein Onkel, ihn zu adoptieren. Mein Vater sagte damals: Es gibt keine Knappheit an Henckel von Donnersmarcks, es gibt keinen Grund, diesen Jungen zu adoptieren. Und wenn der das nur will, um sich gesellschaftlich aufzuwerten, kann das nicht der Sinn der Sache sein. Er wird ja damit auch nicht tatsächlich ein Adliger.

Den Titel hätte er immerhin.
Das genügt natürlich nicht. Weil zum Adel im besten Fall auch eine gewisse Prägung gehört, ein Gefühl von Pflicht gegenüber der Gesellschaft und dem Land. Wir wussten nun nicht, wie der Junge aufgewachsen ist. Gelten für ihn die Prinzipien von Ehrenhaftigkeit und Anstand, für die unsere Familie kontinuierlich seit Generationen steht?

Und? War es so?
Es ist etwas wirklich wahnsinnig Unangenehmes geschehen: Die Donnersmarcks sind ja die Erben von Goethe. Das kam durch Goethes Schwiegertochter, deren Mutter eine Henckel von Donnersmarck war. Seit der Nachlass an die Familie fiel, war allen klar: Ein Goethe-Erbe, das gehört einem nicht. Es wurde gleich an das Goethe- und Schiller-Archiv und das Goethe-Nationalmuseum übergeben. Nun erbte dieser adoptierte Junge auch einen Teil des Goethe-Nachlasses, der seit dem 19. Jahrhundert als Dauerleihgabe in öffentlicher Hand ist. Er ging zur Goethe-Stiftung und sagte, er wolle die Erbstücke kurz ausleihen, um sie fotografieren zu lassen. Man gab ihm 39 Goethe-Zeichnungen, diese wunderschönen Zeichnungen, die wir alle seit Schulbuchzeiten kennen. Und was tat er? Er verkaufte sie klammheimlich ins Ausland. Unfassbar!

Und das hätte ein echter Henckel von Donnersmarck nie getan?
Ich lege meine Hand dafür ins Feuer! Und seit dem 19. Jahrhundert hat es ja auch niemand getan. Ich selber hätte lieber bis an mein Lebensende Latein-Nachhilfeunterricht gegeben, selbst wenn ich in der größten Finanznot wäre. Es ist doch unsere Pflicht, dieses Erbe zu bewahren und der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Sie haben schon in Ihrer Jugend in den USA und Belgien gelebt, später in Russland und England studiert, Sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft als Deutscher und Österreicher. Der klassische Kosmopolit. Welches Land, welchen Ort empfinden Sie als Heimat?

Deutschland. Aber wie deutsch ich bin, das habe ich erst jetzt in Los Angeles gemerkt.

Woran?

Vielleicht am ehesten an diesem ausgeprägten Gefühl für Hochkultur. Unter Deutschen gibt es diese Grundannahme, es gäbe sozusagen eine wertvolle Hochkultur und eine weniger wertvolle Populärkultur.
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Die USA sind das klassische Einwanderungsland. Während Sie dort gelebt und gearbeitet haben, hat hier in Deutschland Thilo Sarrazin für wüste Debatten gesorgt, indem er die Angst vor Überfremdung anfachte.
Ja, das habe ich verfolgt.

Was halten Sie von seinen Thesen?

Ich kann Ihnen sagen, dass ich mich bei jedem Projekt, das ich angehe, frage: Bringt das jetzt mehr Frieden und Gutes in die Welt oder mehr Unfrieden? Und ich fürchte, Sarrazin hat sich diese Frage nicht gestellt.

In solchen Kategorien scheint der Mann eher nicht zu denken.

Nehmen wir nur mal an, rein hypothetisch, Sarrazin hätte mit seinen Thesen recht – was müsste man denn daraus für eine Schlussfolgerung ziehen? Vorurteile schaffen doch so oft genau die Umstände, die dann wieder als Bestätigung für die Vorurteile genommen werden. Ein Teufelskreis – den man irgendwann durchbrechen muss.

Wie könnte das gehen?

Das, was immer als Political Correctness verhöhnt wird, hilft dem Integrationsprozess aller Minderheiten in Wahrheit sehr. Ein Beiuspiel: Es war in Amerika schon in meiner Kindheit in den Siebzigern extrem verpönt, etwas gegen Schwarze zu sagen. Es konnte einen die Karriere kosten, wenn man es tat. Für manche mochte das wirken wie eine Form von geistiger Zensur, aber es gab der nächsten Generation die Chance, ohne so ein Übermaß an rassistischen Sprüchen aufzuwachsen. Also konnte eine Generation nachwachsen, die tatsächlich ohne Vorurteile weitermacht, die sogar einen schwarzen Präsidenten wählt. Vielleicht können wir uns daran orientieren.

Kommentare

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  • Lara Star (1) Nietsche hat zu der unten angesprochenen Ausbeutung der Nicht-adeligen durch Adelige einen interessanten Text geschrieben: "Irrtümer des Leidenden und des Täters" (ist nur ganz kurz: http://www.textlog.de/21664.html)
  • Lara Star (1) Also mir hat das Interview ausgesprochen gut gefallen, und ich fand ihn keineswegs unsympathisch. Meiner Meinung nach hat er auch nichts gegen Adoption an sich gesagt, aber der Sinn der Adoption war nur ein Titel und genau jener Titel wurde missbraucht. Das zu verurteilen empfinde ich nicht anders.
    Ich hab eher das Gefuehl, dass viele der hier Kommentierenden einfach mit seiner Art nicht klarkommen. Adel verpflichtet eben ;)
  • Daniela Grün (0) Dass Graf Donnersmarck unsympathisch ist habe ich in mehr als einem Artikel gelesen, aber das Ausbaß seiner historischen Ignoranz war doch eine Überraschung. Um dem nächsten uninformierten Interview vorzubeugen, sollte er vielleicht Stephan Malinowskis Buch "Vom König zum Führer - deutscher Adel und Nationalsozialismus" zur Hand nehmen. Da könnte er einiges über den moralischen Verfall des Adels erfahren und auch über dessen weitreichende Annäherung an die NS-Bewegung. Allein die involvierten Namen aufzuzählen nimmt ganze sechs Seiten Kleingedrucktes im Personenregister in Anspruch.
  • Petra schindler (1) ich frag mich allen ernstes wie jemand mit solchem gedankengut und einer so oberflächlichen und grotesken lebensorientierung einen film wie "das leben der anderen" machen konnte. das interview ist hervorragend geführt. gepaart mit dem artikel von stuckrad-barre in der "welt", hat spielberg wohl mal wieder recht behalten: you will never get over this.
  • Lena Kammermeier (1) Den Äußerungen Donnersmarcks muss doch kein Kommentar seitens des Interviewers hinzugefügt werden - ein mündiger Leser wird sich wohl seine eigene Meinung bilden können, dazu sind die Aussagen doch eindeutig genug. Hätte Max Fellmann "kritisch nachgefragt", hätte Herr Donnersmarck sich doch nur darauf zurückgezogen, dass alle anderen ohnehin nur neidisch sind. So dagegen ist er ihm schön ins eigene Messer gerannt.
    Schöne Überschrift übrigens: "Ich freue mich eher still" als Zitat eines Mannes, der bisher, und auch hier, nicht unbedingt durch Bescheidenheit aufgefallen ist...
  • Jörn Steinz (0) Unglaublich wie unkritisch das Interview geführt wurde - bei alle Respekt, aber wie kann man denn so eine Aussage stehen unkommentiert stehen lassen? Es war ja gerade Staufenberg der nicht verstehen konnte, weshalb nicht mehr Adelige gegen Hitler handeln wollten.

    Gibt es tatsächlich einen adeligen Ehrenkodex?
    Sehen Sie sich den Widerstand gegen Hitler an ? in dieser Gruppe gab es natürlich auch viele sogenannte Bürgerliche, aber eben doch überproportional viele Adlige. Und das hat nichts damit zu tun, dass Adlige per se anständig wären, sondern dass sie einfach wissen, wie sie geprägt wurden, welche Werte und Maßstäbe in ihren Familien seit Generationen gelten. Es gibt bestimmte Dinge, die niemand aus meiner Familie je tun oder unterstützen würde.
  • Bob Vonunszu (0) Wie gut, dass er weit weg ist, aber vermutlich floppt der "Thriller" trotz dem großen Mann und Gitarristen Johnny Depp und bald kommt er zurück und sagt, dass es sowieso immer sein Traum war, in Deutschland Filme zu drehen. Und wir alle müssen dankbar sein.

    Sehr aufschlussreiches Interview über die Gedankenwelt dieses Adeligen. "Florian" merkt nicht mal, dass er vorgeführt wird. So muss man Interviews machen.
  • K K (0) Es soll natürlich heißen: Zu behaupten, ein adoptierter Mensch sei kein "echtes" Familienmitglied, IST unsensibel und unmoralisch.
  • K K (0) Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Ja, es gab Adelige im Widerstand gegen die Nazis. Allerdings nicht, um die Demokratie zu retten, sondern um die Monarchie wiedereinzuführen und sich so Previlegien zu sichern. Zudem gab es auch unter führenden Nazis viele Adelige. Aber die waren vielleicht alle adoptiert.

    Zu behaupten, ein adoptierter Mensch sei kein "echtes" Familienmitglied, ist nicht unsensibel und unmoralisch. Es mag sein, dass sich in diesem Fall ein adoptierter junger Mann falsch verhalten hat, dies auf die Tatsache, dass er adoptiert ist zurückzuführen und auf alle adoptierten Menschen zu übertragen zeugt von ernormer Dummheit und ekelhafter Blut-und-Boden-Mentalität.

    Warum spricht Max Fellmann nicht an, wie Adelige Nicht-Adelige ausgebeutet und misshandelt haben? Wo war da der Ehrenkodex? Oder gilt der nur für andere Adelige? Kritischer Journalismus? Fehlanzeige.

    Vom "Ehrenkodex" des Cousins zu Guttenberg haben wir ja bereits eine Kostprobe erhalten: Lügen und Bauernopfer sind seine Methode.

    Man fragt sich, wer niveauloser ist, Fellmann oder Donnersmarck. Peinlich.
  • Rotzoll Christian (1) Sehr geehrter Herr Fellmann,
    Sie lassen den Herrn Grafen Zeile um Zeile über die Vorzüge des Adels schwadronieren & sich selbst beweihräuchern, ohne auch nur eine einzige kriitische Frage zu stellen. Diese Leute haben über 1000 Jahre das Sagen gehabt. & was ist dabei rausgekommen ? Sie haben sich Grund & Boden angeeignet. Sie haben ihre Untertanen günstigenfalls verarscht, wenn sie sie nicht verkauft haben. Gegenüber so viel Misswirtschaft, Elend & Katastrophe will der Herr Graf mit dem 20. Juli die grundsätzliche & durchgängige moralische Überlegenheit dieser Kaste beweisen & sieht dabei über Förderer des Regimes & Profiteure leicht hinweg. & Sie bestärken ihn lediglich darin! Schade.
    Mit freundlichem Gruß
    Rotzoll
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